Und wieder bin ich im Zug – es geht zurück nach Kunming. Die Woche in Lijiang war durchgeplant, ich habe viel gesehen, sowohl kulturell relevante und geschichtsträchtige Orte, als auch atemberaubend schöne Natur. Und eine Katze zum Kuscheln hatte ich auch.
Meine Morgenroutine bestand aus meinem vierstündigen Kurs, den wir im Gemeinschaftsbereich der Unterkunft meiner Lehrerin durchführten. Ich hatte das angeregt, weil ich die Räumlichkeiten sehr hübsch fand und sich eine – sehr fette – Katze in dem Hof befand. Die meiste Zeit fristete sie ihr Dasein in einem Käfig mit Futter und Wasser, was wohl auch ihre Leibesfülle erklärt.


Ich hatte also Unterricht mit Katze auf dem Schoß. Gibt schlimmeres.
Auf dem Weg zum Unterricht musste ich mir irgendwo Kaffee besorgen. Die meisten Cafés öffnen jedoch erst um 8:30 oder 9:00 Uhr und zu meiner großen Überraschung gab es weit und breit keinen sonst so rettenden Starbucks. Ich wurde also Luckin Coffee Kundin. Eine Kette, die ich sonst vermeide, weil sie Kaffee am Fließband aus dem Vollautomaten serviert – dafür aber verhältnismäßig günstig ist. Einen großen Hafermilchlatte gibt es hier für 17 Yuan. Die Automatisierung befindet sich hier im Endstadium. Persönliche Bestellung am Counter ist nicht mehr möglich, das läuft ausschließlich über die hauseigene App (zu laden in Alipay). Hier kann auch direkt bezahlt werden. Ich brauchte bis Donnerstag, um den Prozess vollständig verstanden zu haben. Produkt auswählen / konfigurieren, anklicken, dass ich selbst abhole und dafür nochmal einen Yuan gutgeschrieben bekommen (auch geil, dass der Default hier Liefern ist), bezahlen, Laden betreten, da die Bestellnummer, die ich in der App bekommen habe, abscannen, warten bis mir ein im Akkord arbeitender Mensch meinen Kaffee hinschiebt, sagen, dass ich ihn NICHT zum Mitnehmen haben will (打包), weil sie den Pappbecher sonst nochmal extra verkleben und in eine Papiertüte packen.
Nach dem Unterricht gingen wir etwas Essen und unternahmen den Nachmittag über Ausflüge. So bekam ich einerseits sehr viel von Lijiang und Umgebung zu sehen, hatte gleichzeitig aber auch nur sehr wenig Zeit für mich, um runterzukommen und zu reflektieren. Denn dazu wäre die Umgebung eigentlich perfekt gewesen. Meine Hoffnung auf Ruhe und Ästhetik wurde erfüllt. Ich hatte ein schönes, großes Zimmer sogar mit Badewanne, ausreichend Platz auch meine Yogamatte auszurollen und himmlische Ruhe.
Lijiangs drei Altstädte
Lijiangs Altstadt ist UNESCO Weltkulturerbe. Was der Lonely Planet nicht sagt: es gibt insgesamt drei Altstädte, die nicht zusammenhängen. Der Lonely Planet und die meisten Reiseführer erwähnen nur die größte der drei, Baisha Gucheng, so dass hier auch die meisten Touristen zu finden sind. Wir verbrachten einen Nachmittag hier und besuchten auch die ehemalige Residenz der wichtigsten Familie der Region, der Mu Familie. Als Angehörige der Naxi Minderheit hatten sie es sich während der Ming Dynastie zur Aufgabe gemacht, ihren Landsleuten die Kultur der dominierenden Han-Regenten näherzubringen. Das wird natürlich auch noch im heutigen China hoch angesehen und entsprechend ist auch die Wissensvermittlung gestaltet.



Unsere Unterkunft war in der Shuhe Gucheng, der zweitgrößten Altstadt. Ich fand sie gemütlicher als die überlaufene, sehr touristische Baisha Gucheng. Auch Shuhe besteht großteils aus Läden und Restaurants und auch hier werden Horden von Touristen durchgeschleust, aber ich fand Baisha diesbezüglich nochmal schlimmer. Baisha hat auch breitere Straßen, die in Shuhe kaum anzutreffen sind und ich mag es durch diese kleinen Gassen zu laufen.





Dayan Gucheng ist die älteste der drei Altstädte und gleichzeitig die kleinste. Hier gibt es im Wesentlichen eine Gasse und wenige kleine Abzweigungen, die wir entlanglaufen konnten. Allerdings befindet sich hier auch das Baisha Wallpainting Museum, in dem ich etwas zur Kultur der Naxi Wandmalereien lernen konnte.





Obwohl für die gesamte Woche Regen angesagt war, hatten wir mit dem Wetter, wie auf den Fotos zu sehen ist, echtes Glück. Ich war sehr dankbar für meine 3l Trinkblase im Rucksack, von der ich reichlich Gebrauch machte, um in der prallen Sonne meinen Wasserhaushalt ausgeglichen zu halten.
Lijiangs Umland – domestizierte Natur
Drei Nachmittage, drei Altstädte, blieben noch zwei Nachmittage für Ausflüge ins Umland. Dafür mieteten wir einen Elektroroller. Meine Lehrerin traute mir das zu, weil sie aus unseren Gesprächen wusste, dass ich in Deutschland Motorrad fahre. Auf meine Nachfrage, ob ich als Ausländerin hier Roller fahren darf, erfuhr ich, dass diese verhältnismäßig langsamen Elektroroller keiner Fahrerlaubnis bedürfen. Das erklärt einiges!
Die Helmpflicht wird auch eher so interpretiert, dass ein Helm mitgeführt werden muss, sich während der Fahrt aber nicht zwangsläufig auf dem Kopf der Fahrenden befinden muss. Ich setzte trotzdem einen auf (Typ Salatschüssel) und meine Lehrerin tat es mir gleich.
Donnerstag ging es ins Yuhu Dorf, in dessen Umgebung es auch einen großen See gab, in dem sich das Bergpanorama spiegelte. Diese Orte, an denen sich Wasser und Berge treffen, gelten als besondere Kraftorte und ziehen entsprechende Menschenmengen an.

Ich konnte wieder zahlreiche (Hochzeits)paare bei den professionellen Fotosessions beobachten und zu meinem Entsetzen lernen, dass einige Babyziegen für Fotos bereitgehalten wurden. Die Zicklein waren noch so klein, dass sie mit der Flasche gefüttert wurden und ich konnte sie ab und an nach ihrer Mutter rufen hören. Chines*innen und ihre Einstellung zu Tieren – ich werde wohl immer große Schwierigkeiten damit haben.
Wie die Bilder mit den Ziegenbabys dann so werden, konnte ich einer Werbung eines Fotostudios entnehmen. Gar nicht gruselig…

Am Freitag fuhren wir nach Lashihai, ein weiterer See mit umliegenden Dörfern, viel Natur, Kühe, Ziegen (dieses Mal ausgewachsene) und Pferde. Außerdem ein beeindruckend großer buddhistischer Tempel aus dem 18. Jahrhundert, den außer uns noch drei weitere Menschen besuchten (also quasi niemand). Ansonsten waren hier nur Mönche und die Menge der Wohnquartiere auf dem Tempelgelände lassen mich vermuten, dass hier noch ein reges Klosterleben existiert.




Den Straßenverkehr hatte ich auch am zweiten Tag noch nicht wirklich verstanden. Ich entschied mich für maximal passive Fahrweise, um uns heil wieder zurückzubringen. Fest steht, anhalten an Kreuzungen ohne Ampel is nich. Es fahren einfach alle langsamer und dann bewegen sich alle gleichzeitig langsam in die Kreuzung hinein. Vielleicht wird mittels Blinker signalisiert, in welche Richtung es gehen soll, aber das ist bei Weitem nicht selbstverständlich. In der Mitte der Kreuzung treffen sich dann alle und irgendwie löst sich der Knoten dann auf wundersame Weise. Wichtig ist aber langsam, aber stetig in jede sich bietende Lücke vorzustoßen, um weiter in die gewünschte Richtung zu gelangen, sonst gibt es hier kein Fortkommen.
Yulong Nationalpark
Mein persönliches Highlight war der Besuch im Yulong Nationalpark am Samstag. Eigentlich war geplant, dass wir zum Gipfel auf 4.500 m fahren. Hier gibt es eine Gondel und weil halb China hier hinwill, hatte meine Lehrerin bereits lange im Voraus Tickets gebucht für die Gondel um 9:30 Uhr morgens. Also nix mit ausschlafen. Doch hatten wir auch verabredet, dass wir nicht gehen, wenn es stark regnet. Und der Regen begann bereits am Freitag Abend. Als am Samstag um 7:00 Uhr mein Wecker klingelte, war zu hören, dass es aus Kübeln schüttete. Um 7:02 Uhr erhielt ich die Nachricht von meiner Lehrerin mit der Nachfrage, ob ich auf den Berg will, was ich verneinte und mich im Bett nochmal umdrehte. Ich stand dann gegen acht doch einmal auf und suchte ein nahegelegenes Boutiquehotel auf, das mich für 50 Yuan mitfrühstücken ließ. Ich bekam Kaffee, Toast, Spiegelei und Pancakes zu gedämpfter Jazzmusik und blickte durch die großen Fenster in den Garten. Ich nahm mir richtig viel Zeit in Ruhe wach zu werden und fand auch endlich Gelegenheit meine Gedanken zu sortieren.
Der Regen wurde auch allmählich weniger und als ich gegen elf meine Lehrerin aufsuchte, entschieden wir trotzdem noch in den Nationalpark zu fahren, aber dort ins Blue Moon Valley, statt auf den Berg. Ich hatte keine Vorstellung davon, worauf ich mich einließ und war bei Ankunft dann entsprechend wirklich beeindruckt von der Schönheit der Natur. Es handelt sich um mehrere Seen, die jeweils von kaskadierenden Wasserfällen miteinander verbunden sind, eingebettet in eine atemberaubende Bergkulisse, die aus meiner Sicht von den an dem Tag sehr tief hängenden Wolken zusätzlich profitierte. Bis wir den Bus verließen hatte es auch vollständig aufgehört zu regnen und wir schätzten uns sehr glücklich.








Was wir leider nicht unterbringen konnten: Die Muosuo besuchen. Ein matriarchal organisiertes Volk. Allerdings wäre das zu weit weg gewesen von Lijiang, um das so ohne weiteres zu erreichen. Das bleibt also auf meiner Liste.
Was sonst noch war
Ich muss mein Lob für Flightright etwas dämpfen. Die haben offenkundig ihre Kommunikation nicht im Griff. Nachdem ich ihnen auf zwei Wegen die Information zukommen habe lassen, dass KLM mir das Geld überwiesen hat, auf die Flightright nicht geantwortet hat, kam eine E-Mail, in der ich belehrt wurde, dass sie von KLM erfahren hätten, dass ich schon bezahlt wurde und ich sei aber doch verpflichtet, sie zu informieren. Unschön, finde ich. Irgendwann schaffen sie es jetzt bestimmt noch, mir eine Rechnung zu schicken.
Richtig ätzend war mein Theater mit meiner E-sim für mein deutsches Handy. Ich hatte in Deutschland verschiedene Anbieter recherchiert und als günstigste Option Mobimatter identifiziert. Die für mich sinnvollen günstigen Pakete laufen allerdings alle nur für 30 Tage. Kein Problem, dachte ich, kauf ich halt in China ein neues und muss dann eben alle 30 Tage eine neue E-sim aktivieren. Nervig, aber doch sicher kein Problem. Falsch gedacht. Meine erste E-sim hatte ich noch in Deutschland aktiviert, um sie in China direkt nutzen zu können. Sie lief auch 30 Tage ganz wunderbar und ich hatte durchgehend gutes Netz. Dann war sie jedoch abgelaufen und ich wollte meine neu gekaufte E-sim aktivieren. Dazu machte ich mit meinem anderen Handy, das ich für die ganzen chinesischen Apps nutze und das eine chinesische SIM hat, einen Hotspot auf und bekam beim Versuch zu aktivieren eine Fehlermeldung. Es folgte ein Dialog mit Mobimatters Support, der sich über mehrere Tage zog mit dem Ergebnis, dass Mobimatters E-sims tatsächlich hinter Chinas Großer Firewall nicht aktiviert werden können. Rückgabe des Produktes kostet unverschämte 3€ Bearbeitungsgebühr. Nachdem ich lange genug randaliert habe, haben sie mir jetzt aber angeboten, die Laufzeit bis zur Nutzung auf ein halbes Jahr zu verlängern, so dass ich die Karte zumindest Jonas übertragen kann und er sie noch in Deutschland aktivieren kann.
Gerettet hat mich jetzt Airalo, der Anbieter, mit dem ich letztes Jahr schon in China unterwegs war. Dessen Karte ließ sich auch in China aktivieren. Nur leider ist die Verbindungsqualität sehr viel schlechter. Zumindest in Lijiang und Umgebung hatte ich immer wieder keine Verbindung oder nur sehr langsames Internet. Das finde ich ehrlich gesagt sehr nervtötend. Die Karte von Airalo kann ich allerdings verlängern ohne neu aktivieren zu müssen. Das wird also auf jeden Fall weiter zuverlässig funktionieren. Lektion daraus also: Bei längeren Aufenthalten E-sim besorgen, die sich verlängern lässt oder die gesamte Dauer des Aufenthaltes abdeckt. Auch wenn diese Optionen in der Regel teurer sind.

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