45 Minuten. Circa. 45 Minuten habe ich mit einer Therapeutin gesprochen als Erstgespräch zum Kennenlernen. Am Ende des Gesprächs habe ich mit den Tränen gekämpft und danach dem Drang widerstanden mich zusammenzurollen und zu weinen und stattdessen bis zur Verausgabung Sport gemacht. Im Laufe des Trainings schwang die Traurigkeit in Wut um – ein deutlich produktiveres Gefühl, dem ich gut mit Bewegung begegnen kann.
Dass mich 45 Minuten Gespräch so sehr aufwühlen, spricht wohl für die Therapeutin. Faszinierend was die richtigen Fragen zum richtigen Zeitpunkt gestellt auslösen können.
Ich hatte nie eine ernsthafte Therapie. Bei meiner ersten Therapeutin, die mich aufnehmen musste, als ich akut suizidal war, hatte ich das Gefühl sie versuchte mich in Schubladen zu stecken, in die ich partout nicht hineinpasste. Von ihr habe ich die Diagnose „Borderline“ die sich aufdrängte weil ich mich selbst verletzte. Nach wenigen Sitzungen jedoch stellte sie fest, dass ich doch „gut funktioniere“ und damit auch nicht zwangsläufig weiterer Behandlung bedürfe. Mein nächster Anlauf viele Jahre später war im Rahmen einer Akuttherapie in einem ambulanten Kriseninterventionszentrum, in dem mir nur fünf Sitzungen zur Verfügung standen. Bei dieser Therapeutin hätte ich auch gern weiter gemacht, nur hatte sie eben keine Kapazitäten.
Mein dritter Anlauf war diesbezüglich die größte Katastrophe. Ich war am Ende meines Studiums, wollte eine tiefenpsychologische Analyse beginnen und hatte dafür eine Liste durchtelefoniert die ich von der Krankenkasse bekommen hatte. Das einzige, was mir an der Therapeutin sympatisch war, war ihre Katze, die zur Praxis gehörte. Sie – die Therapeutin, nicht die Katze – erklärte mir, dass ich für ausfallende Therapiestunden selbst aufkommen müsse, auch wenn ich diese regelhaft mit ausreichend Vorlauf absagen würde. Ich hatte angenommen, in meiner Prüfungsphase pausieren zu können. Oder auch mal in den Urlaub fahren zu können. Beim Urlaub war sie großzügig: Ich könne schließlich einfach Urlaub machen, wenn sie auch Urlaub macht. Ausfallkosten pro Therapiesitzung lagen irgendwo bei ca. 100€.
Die Geschichte fand ich so dreist, dass ich die Frau bei der Ärztekammer meldete. Das ging natürlich voll nach hinten los, weil sie in ihrer Verteidigung ins Feld führte, ich sei eine irre Borderlinerin, die sie vollkommen zu unrecht solcher Dinge bezichtigte, woraufhin ich eine strenge Erwiderung seitens der Kammer erhielt. Never again.
Nun ja, ich versuche es jetzt noch einmal. Neue Stadt, neues Glück. Und tatsächlich fühlte ich mich ernst genommen und gut aufgehoben bei dem ersten Gespräch. Sowohl das intuitiv erste Gefühl als auch das Nachspüren heute sind positiv. Dennoch wird es mindestens 12 Monate dauern, bis ich starten kann – wenn die Psychologin mich denn annimmt. Denn ich bewerbe mich gerade nur auf einen Wartelistenplatz. Therapieplätze sind rar in Deutschlands Großstädten. Also sollte ich wohl froh sein, dass es nichts akutes ist bei mir…

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