Triggerwarnung: Im folgenden Text thematisiere ich meine persönlichen Erfahrungen mit schweren Depressionen, Selbstverletzung, Suchtverhalten und Depersonalisation. Für einige Leser*innen kann dies verstörend oder retraumatisierend sein. Ich empfehle in diesem Falle eigenverantwortlich nicht weiter zu lesen.
Wenn du selbst in einer Krise steckst, hol dir bitte Hilfe. Die Telefonseelsorge unter 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222 ist rund um die Uhr kostenfrei erreichbar.
Der Text entstand im Sommer 2010. Aus diesem Jahr stammen meine letzten selbst zugefügten Narben. Es gelang mir danach tatsächlich damit aufzuhören.
Ein drückend schwüler Sommertag in der Großstadt. In der Ferne ziehen Wolken auf, um den angekündigten, erlösenden Regen über den glühenden Straßen auszugießen. Doch noch erhitzt die Abendsonne den Teer weiterhin unerbittlich. Gelegentlich kühlt eine leichte Brise den Schweiß auf meinem leicht bekleideten Körper. Ich laufe die Straße hinunter. Aufgeregte Fans folgen gebannt dem Fußballspiel, das gerade begonnen hat. Die unheimliche Stille wird nur gelegentlich durch aufgebrachte Kommentare zum Spielverlauf unterbrochen. Stumpfsinnig blickt die Masse einheitlich in Richtung Großbildfernseher. Wie auf Kommando erhebt sich das das Geheul, wenn der Ball am Tor vorbeifliegt, deutlich lauter der Jubel, trifft er doch sein Ziel. Niemand nimmt mich wahr. Ich genieße das Gefühl für mich zu sein.
Ich betrete eine der wenigen Kneipen ohne Fernseher, aus der mir stattdessen Rockmusik entgegenschlägt. Muffig, stickig, leer und dunkel ist sie. Ein fensterloses, verdrecktes Loch. An der Bar sitzt ein versiffter Mann, einsam ins Zwiegespräch mit seinem halbvollen Bierglas vertieft. Ich nehme am anderen Ende Platz, krame meinen Tabak aus der Tasche und bestelle mir auch eines. Durch meine Stimme aufgeschreckt, widmet mir der Typ kurz seine Aufmerksamkeit, um mich mit glasigem Blick zu mustern. Weiß der Geier, wie lange der hier schon sitzt… Pure Verachtung bringe ich ihm entgegen, was ihn dazu veranlasst sich träge wieder seinem Glas zu überlassen.
Während ich einen tiefen Schluck von meinem eigenen Bier nehme, versuche ich den Gedanken abzuschütteln, einmal ähnlich zu enden, wie der Siffer. Ich durchwühle meine Umhängetasche nach meinem Schreibzeug, um Zeit totzuschlagen, bis das gottverdammte Spiel zu Ende ist. Wieso habe ich überhaupt das Haus verlassen? Es hätte mir klar sein müssen, dass ich die Kneipe gottverlassen antreffen würde. Doch ich habe nicht an das dämliche Spiel gedacht. Ich wollte unter Leute, oder dachte, ich wollte es und jetzt bin ich nur eine traurige, junge Frau in einer vergammelten Kaschemme in Gesellschaft eines noch traurigeren, alten Alkis.
Ich kritzle vier Seiten meines Blocks mit sinnlosen, bitteren Gedanken voll, ohne mich auch nur ein Stück weit besser zu fühlen. Als der Alte in seinem Suff sein Glas umwirft und es klirrend zerbricht, kämpfe ich gegen den Impuls, den der Anblick der scharfen, glitzernden Scherben bei mir auslöst. In Gedanken sehe ich mich eine von den größeren nehmen und über meinen Unterarm ziehen, sehe wie sich das Fleisch immer weiter teilt, sehe, wie sich das Glas langsam rot färbt, als sich das Blut in der Wunde sammelt. Doch dann wischt der Barkeeper die Sauerei auf und lässt die Einzelteile geräuschvoll in den Müll wandern, womit er mich wieder in die Realität zurückholt. Ich bin ein bisschen enttäuscht. Nach einem langen, versonnenen Blick auf meine vernarbten Arme, reiße ich mich los, trinke entschlossen noch einen Schluck Bier und wende mich wieder meinen geistigen Ergüssen zu, doch konzentrieren kann ich mich nicht mehr. Immer wieder drängt sich das Bild von frischem Blut in den Vordergrund. Verdammt! Es ist Monate her – meinen Arm habe ich schon seit über einem Jahr in Ruhe gelassen. Ich dachte, ich hätte alles unter Kontrolle. Einen Scheiß hab ich. Trotz der Hitze bekomme ich eine Gänsehaut.
Ich beschließe, mein Bier auszutrinken und wieder nach Hause zu gehen. Es war sowieso eine beschissene Idee überhaupt irgendwo hinzugehen. Entnervt packe ich meine Unterlagen zurück in die Tasche und drehe mir noch eine Zigarette. Rauchend brüte ich darüber, wieso ich mich so fühle, wie ich mich fühle. So kalt, so leer, so taub. Ich komme auf kein brauchbares Ergebnis.
Ich bin bei meiner fünften Zigarette und den letzten paar Schluck Bier, als sich die Kneipe allmählich füllt. Das beknackte Spiel scheint endlich ein Ende gefunden zu haben. Ein junger Mann im Deutschlandtrikot setzt sich neben mich und spricht mich als erstes auf mein fast leeres Bier an. Auf meinen Einwand hin, sowieso gleich gehen zu wollen, zieht er nur die Augenbrauen hoch und bestellt sich und mir ein neues. Na spitze! Ich dreh mir erstmal noch eine und höre entfernt, wie der Typ sich über das Spiel auslässt. Irgendwann bemerkt er wohl mein mäßiges Interesse an seinem Gesabbel und beginnt mich auszufragen. Ich speise ihn mit knappen Antworten ab, die das Gespräch nicht unbedingt am Laufen halten. Muss ich mich mit dem Trottel unterhalten, bloß, weil er mir ein Bier ausgegeben hat?
Gerettet werde ich von einem weiteren weiblichen Wesen, das den Laden betritt – in hohen Riemchensandalen und einem Podolski-Girlie-Trikot. Hat die sich verlaufen?! Mir kommt ein wenig die Kotze hoch, doch mein penetranter Sitznachbar lässt sich von der männlichen Begleitung der Tussi nicht abschrecken und gibt auch ihr erstmal ein Bier aus. Er kann nur froh sein, dass der Frauenanteil hier so niedrig ist, sonst wäre er mit der Taktik nach kürzester Zeit pleite. Ich drehe mir noch eine Zigarette und nippe an meinem halbvollen Glas. Nochmal, wieso bin ich hier?
So langsam sind in dem kleinen Raum sämtliche Sitzplätze belegt, der Lautstärkepegel steigt, der Anteil der Vollproleten in Trikots ist exorbitant hoch. Vorsichtshalber lege ich mal meine Tasche, in der sich abgesehen von meinen Aufzeichnungen sowieso nichts wertvolles befindet, auf meinen Barhocker, um mal kurz auf die Toilette zu verschwinden. Instinktiv gucke ich mich dort nach etwas spitzem oder scharfkantigem um, doch was sollte ich schon finden? Ich verfluche mein krankes Hirn und trete mit voller Wucht gegen die eh schon instabile Klotür. Die scheint das aber gewöhnt zu sein – zumindest tut sie mir den Gefallen, nicht aus den Angeln zu fallen.
Als ich wieder zu meinem Platz zurückkehre, ist der Hocker daneben wieder besetzt. Diesmal von einer jungen Frau, die mit ihrem vor ihr stehenden Freund rumknutscht. Ich verziehe kurz das Gesicht und rauche noch eine. Was für ein scheiß Abend. Ein Typ, den ich in der Menge nicht zuordnen kann, treibt mich zur Weißglut, indem er mir im Vorbeigehen ganz unauffällig an den Po fasst, und der Latino-Lover, der sich rechts zwischen mich und das Pärchen schiebt setzt dem Ganzen mit der Aufforderung an mich, doch mal zu lächeln noch die Krone auf. Mühsam schlucke ich einen bissigen Kommentar herunter (wieso eigentlich?!) und ziehe eine Grimasse. Der Idiot will mich „zur Aufmunterung“ auf einen Jägermeister einladen, was ich dankend ablehne – schon allein, weil ich das Zeug unausstehlich finde. Nach längerem Austausch über meine Trinkgewohnheiten, überredet er mich zu Wodka. Ich beschließe, dass der Kerl so scheiße gar nicht ist und lasse mich zu Small Talk herab. Nach fünf weiteren Wodka fühle ich mich sogar tatsächlich ein bisschen besser. Die meiste Zeit redet er, was mir ganz recht ist. Sollte man ihm Glauben schenken, hat er schon die halbe Welt bereist und aus jedem Land einen Sack Anekdoten mitgebracht. Wie praktisch!
Ich drehe voll auf, lache, spiele mit meinen Haaren. Ich sehe mich von oben und frage mich, wem ich hier eigentlich versuche, etwas vorzumachen. Es ist, als teilte ich mich. Ein Teil schwebt süffisant lächelnd über mir und verspricht, mich wieder einzuholen, sobald ich alleine bin, der andere darf sich ein wenig mit dem Latino amüsieren.
Trotzdem weigere ich mich, ihm meine Telefonnummer zu geben, als ich schließlich mein Bier leere, meine Sachen zusammenraffe und aufbreche. Er sieht mir tief in die Augen, meint, wie sehr er es bedaure, dass ich jetzt schon gehe und fragt, ob er mich vielleicht begleiten könnte. Ich glaube, mein schallendes Gelächter fasst er als Beleidigung auf.
Ich trete aus der Tür. Die Luft hat sich verändert, es wird jederzeit zu Regnen anfangen. Ich muss rennen, um meine U-Bahn noch zu erreichen, schaffe es aber knapp. Als ich bei meiner Station an die Oberfläche komme, regnet es in Strömen. Innerhalb von zwei Minuten bin ich nass bis auf die Knochen. Ich spüre es kaum. In der Stille der Bahn haben meine Gedanken wieder ihre regulären Kreisbahnen eingeschlagen. Der Regen tropft von meinen kurzen Haaren in meinen Nacken und läuft die Wirbelsäule hinunter. Die weite Hose klebt unangenehm an meinen Schenkeln. Ein gutes Stück muss ich noch laufen. Ich blicke nach oben in den, typisch für die Stadt, nie ganz dunklen Himmel. Die Wolken hängen so tief, dass ich das Gefühl habe, sie greifen zu können. Regen prasselt auf mein Gesicht und lässt mich blinzeln. Meine Gedanken kreisen weiter abwärts, verengen sich immer mehr, wie in einem Trichter und verdichten sich schließlich zu dem dominanten Bedürfnis nach Blut und Schmerz. Ich gehe schneller, nach Hause, nicht um endlich ins Trockene zu kommen, sondern um endlich dem immer mächtiger werdenden Drang nachzugeben, um zu meinen Rasierklingen zu kommen, um das Kreisen zumindest kurzfristig zu unterbrechen. Hektisch schließe ich die Haustür auf, renne nach oben, stolpere auf den Stufen, kann mich gerade noch am Treppengeländer festhalten, eile weiter, weiter nach oben, zu meiner Wohnungstür, drehe den Schlüssel im Schloss – abgeschlossen, meine Mitbewohnerin ist also nicht da, sie wird mich nicht so sehen. Ich tropfe. Egal. Schwerfällig schäle ich mich aus der durchweichten Kleidung, lege mich dann nackt und plötzlich wieder ganz ruhig auf mein Bett und ziehe die Schublade meines Nachtschränkchens auf, in der sich die Schachtel mit den einzeln verpackten Klingen befindet. Fast zärtlich befreie ich eine von ihnen aus ihrer Hülle, streiche mit ihr sanft über die Haut meines Oberschenkels, überlege, wo ich den ersten Schnitt anbringe. Mein Körper weiß, was jetzt kommt, reagiert nervös, doch jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich habe mich für ein Plätzchen zwischen den anderen, älteren, bereits hellen Striemen entschieden, schließe kurz die Augen und setze dann konzentriert die Spitze der Rasierklinge an, steche sie tiefer in die Haut, Schmerz durchzuckt mich, doch ich ziehe sie weiter, immer weiter, langsam und bedächtig, quer zum Muskelfleisch entlang nach oben. Das Prozedere wiederhole ich, schneller werdend, bis sich nach zehn tiefen Schnitten, die sich langsam mit sattrotem Blut füllen, endlich die ersehnte Ruhe in meinem Kopf spüre. Ich lehne mich zurück in mein Kissen und genieße den Augenblick. Ich denke an absolut gar nichts, während ich verzückt die dicker werdenden Blutstropfen an der Innenseite meines Schenkels betrachte.
Irgendwann raffe ich mich auf, gehe ins Bad, wo ich die Klinge entsorge und stelle mich unter die heiße Dusche. Wieder läuft mir Wasser übers Gesicht, doch diesmal spüre ich es. Die frischen Wunden brennen anfangs wie Feuer, doch ich konzentriere mich auf das warme Wasser, das meinen Körper umschmeichelt. Schließlich wickle ich mich in ein Handtuch, tupfe das Blut vorsichtig mit einem Taschentuch ab und klebe ein großes Pflaster über die Schnitte.
Mein Abendritual nimmt seinen Lauf, Kontaktlinsen raus, abschminken, Zähne putzen. Das Handtuch lasse ich im Bad und lege mich mit noch feuchten Haaren ins Bett, genieße den temporären, erkauften Frieden. Glücklich sein ist etwas anderes, doch wenigstens werde ich diese eine Nacht schlafen können…
Dies ist vermutlich einer meiner mächtigsten und für Außenstehende vermutlich auch verstörendsten Texte.

Dazu gibt es nur eine musikalische Assoziation: Sentenced – Bleed
Diese Band hat mir unglaublich viel Halt gegeben, weil ihre Texte und Musik in aller Härte artikuliert hat, was ich gefühlt habe.
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