Vorgestern war es mal wieder so weit: Meine Energiereserven für soziale Interaktion waren weit über ihr Limit aufgebraucht. Der Zustand, in den ich abglitt, wurde in einem Blogpost auf Introvert Dear sehr treffend als „introvert hangover“ beschrieben. Ich kann mich nicht mehr richtig konzentrieren, sei es auf meine Arbeit oder auf ein Gespräch; ich zwinge mich dann, doch es kostet mich unverhältnismäßig viel Energie. Immer stärker drängt sich mein Fluchtinstinkt in den Vordergrund – am liebsten wäre ich dann an einem stillen Ort ohne viele Reize und vor allem alleine. Zu Hause, in gewohnter Umgebung, in der ich mich wohl fühle und mich fallen lassen kann. Es kann jedoch auch schon enorm helfen, wenn ich mich einfach mit Musik abschotten darf und einmal für ein bis fünf volle Alben nicht unterbrochen werde.
Musik zu hören dient mir grundsätzlich dazu, zu verhindern, dass ich überhaupt erst in den Zustand völliger Überforderung abgleite. Musik, die ich als angenehm empfinde, übertönt die meisten akustischen äußeren Reize und erleichtert es meinem Gehirn sich auf das vor ihm liegende zu fokussieren. Sei es eine konkrete Aufgabe oder Gedankengänge, die verfolgt werden wollen. Nichtsdestotrotz muss ich darauf achten ausreichend Zeit einzuplanen, in der ich mich gänzlich zurückziehen und allein sein kann.
Wenn ich meine Woche zu voll packe, jeden Tag neun Stunden im Büro unter Kollegen bin und zusätzlich abends noch etwas vor habe, laufe ich Gefahr mich zu überfordern. Weil ich das weiß, versuche ich durchzusetzen, dass ich regelmäßig von zu Hause aus arbeiten darf und halte mir Abende für mich alleine frei.
Ich schreibe hier darüber, weil nach meinem Empfinden in unserer Gesellschaft nach wie vor auf breiter Basis völliges Unverständnis für diesen Persönlichkeitszug herrscht. Zwar sind die Intros im Web auf dem Vormarsch mittels Blogs, Memes und Videos, so dass es schon fast ein bisschen cool ist, intro zu sein. Die intro-community – sofern man sie denn als solche bezeichnen möchte – gibt sich alle Mühe ihre Schokoladenseiten zu betonen: stille, kreative Typen, intelligent, mit einem Hauch von Genialität, frei und unabhängig. Wer will da nicht dazu gehören? Das Bedürfnis sich zu erklären scheint enorm zu sein und führt zu wunderbar zutreffenden Comics, wie dem Guide zur Interaktion mit Introvertieren. Das Internet ermöglicht den zurückgezogenen Individuuen sich auszutauschen ohne ihre Komfortzone verlassen zu müssen. Ihr geschriebenes Wort und sonstiger kreativer Output kann sich problemlos verbreiten und wird von anderen, die sich ähnlich fühlen, aufgesogen, wie von einem Schwamm. In einer von Extrovertierten dominierten Welt finden sich so all diese Menschen wieder, die sich „da draußen“ immer irgendwie fremd und anders fühlten, weil Rückzug und Zeit für sich als eigenbrödlerisch und merkwürdig betrachtet wird. Trotzdem ist die Ansicht noch weit verbreitet bei Introversion handele es sich um ein Stigma oder eine schlechte Eigenheit über die man hinweg kommen könne. Im Gespräch begegnet mir auch oft das Vorurteil Introversion und Schüchternheit sei dasselbe. Oft eingeleitet durch einen empörten Ausruf: „Aber Silke, DU bist doch nicht introvertiert!“, in einem Tonfall als hätte ich gerade gesagt, ich würde in meiner Freizeit mit großer Freude Hundebabys quälen. Hier schwingt im Subtext zweierlei mit:
- Introversion ist nach wie vor negativ besetzt und wird als Schwäche wahrgenommen, die man mir wieder absprechen möchte, wenn ich sie einräume. Das führt zu der paradoxen Situation, dass ich einen Charakterzug, den ich an mir als sehr zentral und positiv empfinde, verteidigen und argumentativ belegen muss, obwohl mein Gegenüber mir durch die Negation ein Kompliment machen wollte.
- Ich kann mich offenbar besser als extrovertiert verkaufen, als ich denke. Beziehungsweise widerlegt die Tatsache, dass ich nicht schüchtern bin für viele offenbar meine Introversion.
Ironischerweise macht es mir diese äußere Anpassungsfähigkeit an als extrovertiert wahrgenommene Eigenschaften enorm schwierig meine spezifisch introvertierten Bedürfnisse nach Ruhe und Abgeschiedenheit glaubhaft geltend zu machen. Zusätzlich habe ich sehr tief in mir verankert, dass ich mich anpassen muss, dass mein Rückzug asozial ist und ich dringend dagegen arbeiten muss, dass ich mich zwingen muss der von mir erwarteten sozialen Rolle gerecht zu werden. Und so kämpfe ich, sobald mein Rückzugsversuch auch nur auf den leisesten direkten oder indirekten Widerstand stößt, mit meinem schlechten Gewissen. Ich ignoriere die zunehmenden Zeichen von Stress und reize die Grenzen meiner geistigen Kapazität aus. Schließlich verdichtet sich meine Überreizung: Tinitus setzt ein, mein Blick schweift ins Leere, ich nehme meine Umgebung nur noch schemenhaft wahr, Menschenansammlungen sind noch unerträglicher als sonst, die Sehnsucht nach Reduzierung sämtlicher Reize wird immer dominanter, ich bin kurz angebunden und extrem gereizt.
Insbesondere in einer Arbeitswelt, die ständige Erreichbarkeit verlangt, die Tage durch zahlreiche Meetings vorstrukturiert und einen starken Fokus auf permanente Teamarbeit legt, wird die Schaffung von Zeitfenstern zur Regeneration immer schwieriger. Es ist ja nun bei Weitem nicht der Fall, dass ich nicht zu sozialer Interaktion und Teamarbeit fähig wäre oder sie gar als etwas schlechtes wahrnehme. Solange ich zwischendurch meine Teilaufgaben konzentriert und abgesondert für mich bearbeiten kann, finde ich es großartig gemeinsam in einem Team signifikant etwas bewegen zu können. Dass ich Zeit für mich benötige, um anständig zu funktionieren und weiterhin gute Ergebnisse abzuliefern, scheint mir aber noch nicht mit der ausreichenden Nachhaltigkeit in den Köpfen verankert zu sein.
Ich würde mir wünschen, dass mir und anderen Introvertierten mit einer größeren Selbstverständlichkeit Frei- und Rückzugsräume eingeräumt werden, die uns ermöglichen uns zu entfalten. Wäre dies nicht auch im Interesse der Wirtschaft, dass wir in Bestform sind? Zur Zeit ist es vielerorts leider noch ein ziemlicher Kampf mit dem ständigen Gefühl sich rechtfertigen zu müssen.
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