Obwohl OkStupid und zahlreiche andere Blogs, Webseiten und Artikel bereits umfassend dokumentieren, was Frauen sich täglich in den endlosen Weiten der Dating Portale reinziehen dürfen, leiste ich nun nach fast zweijähriger Sammlung ebenfalls meinen Beitrag. Es hilft mir, glaube ich, mit der anhaltenden Fassungslosigkeit umzugehen, die ich immer wieder in der Konversation mit Männern empfinde. Mit was für einer Selbstverständlichkeit eine Frau objektifiziert und bevormundet wird. Und wehe, sie wehrt sich dagegen. Ich habe neben den zahlreichen langweiligen „Hey baby, wanna fuck?“ Anfragen auch immer wieder erfrischende Konfrontationen mit Männern, die auf mein nicht-konformes, unweibliches Erscheinungsbild so gar nicht klar kommen.
Sehr interessant finde ich die Entwicklung, seitdem ich mein Profilbild bedeutend abschreckender gestaltet habe. Ich werde immerhin deutlich weniger beschimpft!

Zu Zeiten, als ich als Aushängeschild noch einen bewusst recht klassischen Selfie – süß von oben und geschminkt (siehe links) – im krassen Kontrast zu den abrasierten Haaren, kamen die derbsten Anfragen. Da schien ich offensichtlich ein Weltbild zu zerstören. Mit nachwachsendem Haupthaar entschied ich mich als Update für eine etwas drastischere Variante: Corpse Paint. Mein Testmakeup für den Christopher Street Day. Mir gefällt das Bild sehr und guess what – viel weniger bescheuerte Anfragen, mehr Qualität.

Ich finde das wirklich bemerkenswert, wenn auch nicht überraschend. Es stimmt mich allerdings traurig, dass frau zu solch drastischen Mitteln greifen muss, um weniger belästigt zu werden. Es kommt mir entgegen, dass ein solches Auftreten eben meiner Persönlichkeit entspricht. Würde ich den gender Stereotypen mehr entsprechend, würde ich vermutlich noch viel mehr ersaufen in anzüglichen und respektlosen Nachrichten.
Ganz ehrlich, wer auch nur eine Sekunde daran gezweifelt hat, dass wir heutzutage Feminismus mehr brauchen als je zuvor, der möge sich bitte für zwei Wochen mit der Identität einer heterosexuellen cis-Frau auf einem Dating Profil anmelden und immer brav die Nachrichten lesen. Gern auch antworten – dann eskaliert das Ganze meist erst so richtig.
Auf meinem OkCupid Profil bezeichne ich mich selbst unter anderem als gender-nonconforming, bisexuell und nicht monogam. Dem Rest des Profils kann man unter anderem einen hohen Individualisierungsgrad, Liebe zur Musik und Introvertiertheit entnehmen. Auf Grund der auf dem Portal beantworteten Fragen ordnet mir OkCupid „personality traits“ zu, womit ich persönlich von „independant“ einmal abgesehen nur sehr bedingt konform gehe. Die Fragen erfüllen dennoch ihren Zweck im Matching mit anderen Nutzern des Portals. Eine Prozentzahl, die mehr oder weniger aussagekräftig ist, bei Matches unter 60% jedoch mit recht hoher Wahrscheinlichkeit Konfliktpotential bietet.
Die Männer, die mich anschreiben, tun dies jedoch meinem Gefühl nach tatsächlich fast ausschließlich auf Basis meines Profilbildes. Daher wohl auch die große Wirkung, als ich es gewechselt habe.
Let’s get that started…
