Irgendwann ist immer mal Wochenende und dann deckt sich unser Urlaub mit der Freizeit der anderen Inselbewohner. Und die Tourihotspots sind entsprechend überlaufen. Aber es nützt ja nichts. Wir wollten zum berühmten Sun Moon Lake und brachen am Freitag dorthin auf. Zuerst mit dem Hochgeschwindigkeitszug nach Taichung (台中) – eine Stunde Fahrt von Taipei aus. Ich hatte über Klook ein Mietauto für uns gebucht. Vier Tage für knapp 200 EUR. Abholung direkt am Highspeed Bahnhof in Taichung. Ich hatte Puffer eingeplant, weil ich nicht wusste, wie riesig der Bahnhof in Taichung ist und wie leicht sich der Schalter der Autovermietung finden lassen würde. Es hielt sich letztendlich in Grenzen. Taiwan ist eben doch nicht China. Aber durchfragen war dennoch nötig.
Auto mieten bei CarPlus
Wie erwähnt, hatte ich das Auto über die App klook im Voraus gebucht und auch schon bezahlt. Vor Ort mussten wir uns dann aber noch für ein Versicherungspaket entscheiden. Wir nahmen das teuerste, weil wir befürchteten, in den Bergen bei dem abenteuerlichen Verkehr mitunter ein paar Schrammen hinzuzufügen. In Taiwan steigt die Versichungssumme mit der Anzahl der Fahrberechtigten. Da wir beide fahren wollten, bzw. zumindest die Option haben wollten, zahlten wir den Grundpreis der Versicherung pro Tag plus einen Aufschlag von 300 TWD für jede weitere fahrende Person. In Summe zahlten wir noch einmal 130 Euro für die Versicherung, also gar nicht mal so günstig die ganze Nummer. Wir wurden außerdem darauf hingewiesen, dass wir sobald wir einen neuen Schaden feststellen, die Polizei rufen müssten, um den Schaden zu dokumentieren. Machten wir das nicht, zahlt auch die Versicherung nicht. Interessant wurde dann auch das Benzinpaket, das sie uns verkaufen wollten. Superpraktische Pauschale bei der wir gar nicht mehr tanken müssen bei Ankunft. Es würde einfach ein Betrag pro km abgerechnet. Als wir dies ablehnten, wurden wir gebeten kurz zu warten, bis unser Auto vollgetankt würde, um die Regel „voller Tank bei Abholung und bei Abgabe“ zu bedienen. Offenbar ging die Vermietung davon aus, wir würden die Pauschale nutzen.
Anschließend nahmen wir uns viel Zeit für die Übergabe, um wirklich auch die letzte Schramme noch zu dokumentieren. Davon gab es so einige. Das beruhigte mich ehrlich gesagt ein wenig, weil es so ja wohl kaum etwas ausmachen würde, wenn noch ein paar dazu kommen. Als wir endlich losfahren wollten, kam die mir schon bekannte etwas überschwängliche Fürsorge der taiwanesischen Dienstleister zum Tragen, als der junge Mensch Michael, der am Steuer saß noch detailliert erklären wollte, wie eine Automatikschaltung funktioniert, dass die Außenspiegel korrekt eingestellt werden müssen, etc.

Selber fahren zum Sun Moon Lake und das See-Bergdörfchen Shuishe (水社) erkunden
Ich war sehr froh, dass Michael sich bereit erklärte zu fahren. Ich hatte erneut kaum geschlafen und war hundemüde. Zudem finde ich den für mich sehr unübersichtlichen Verkehr hier sehr stressig. Ich konzentrierte mich also aufs Navigieren, Straßenschilder entziffern und immer dann wenn wir etwas nicht verstanden, Verkehrsregeln googlen. Wir lernten: Gelbe blinkende Ampel: langsam fahren und genau gucken. Rote blinkende Ampel funktioniert wie ein Stoppschild. Nach gelb kommt immer rot. Gelb vor grün gibt es nicht. Also besser mal stehen bleiben. Wo nun genau welche Geschwindigkeit gilt, wenn wir nicht gerade unmittelbar an einem Schild vorbeigefahren sind, das uns dazu Auskunft gibt, haben wir immer noch nicht so ganz verstanden. Andere Verkehrsteilnehmende sind jedenfalls kein guter Indikator – die fahren eigentlich immer zu schnell.
Die Fahrt von Taichung zum See dauert nur circa eine Stunde. Aus der Stadt raus, rein durchs grüne Dickicht.
Wir checkten im Hotel ein und zahlten Zimmer mit Frühstück im Voraus. Zu meiner Freude trafen wir neben den sehr freundlichen Gastgeberinnen auch eine fette Katze an, die sich leider aber nicht streicheln ließ. Ich versuchte wirklich sehr konzentriert nicht sofort einzuschlafen, also machten wir uns auf, eine Runde durchs Dörfchen und zum See drehen. Ich lernte, das Shuishe das Dörfchen ist, das touristisch am meisten angefahren wird am See. Im Wesentlichen gibt es zwei Straßen, die in erster Linie aus Geschäften für Nippes und/oder Tee, Fahrradverleihen, Hotels und Restaurants bestehen. Oh, und 7/11. Wichtig: eine Bank gibt es nicht und Bargeld holen bei 7/11 kostet – zumindest für meine Kreditkarten – 100 NTD. Ich versuchte es beim Geldautomaten der Post, war aber nicht erfolgreich. Also: genug Bargeld mitnehmen oder 3 EUR Gebühr in Kauf nehmen.




Ich hatte in einem Blog gelesen, dass die Umrundung des Sees per Fahrrad ganz toll sein soll und die vielen Fahrradverleihe vor Ort verstärkten meinen Eindruck, dass das offenbar ein Ding sei. Nur hatten wir bei der Anfahrt nirgends anständige Fahrradwege gesehen. Ich naive Deutsche war davon ausgegangen, es gäbe einen tollen naturnahen Fahrradweg direkt am See. Nur war das auch bei unserem Spaziergang nirgends ersichtlich. Wir würden Straße und Bürgersteige nutzen müssen. Nein, danke. Wir entschieden stattdessen mit dem Boot über den See zu fahren.
Bootstour: Xuanguang (玄光寺) und Xuan Zang Tempel (玄奘寺) und das Dörfchen Ita Thao
Am nächsten Tag (ich hatte endlich schlafen können) frühstückten wir im sechsten Stock des Hotels (eigentlich der fünfte, aber bei der Zählung wurde der vierte Stock übersprungen. Die Zahl „vier“ wird im Chinesischen genauso ausgesprochen wie „sterben“ (sì) und bringt daher Unglück) und machten uns dann auf zum Hafen. Das Ticket für die Rundtour kostete pro Person 300 TWD.
Zuerst ging es zum Xuanguang Tempel. Vom Bootsanleger waren es gerade ein mal gut 100 Meter ein paar Stufen hinauf bis zu der kleinen Tempelanlage.



Dahinter begann ein Fußweg durch den Djungel, ca. 800 Meter bergauf zum deutlich größeren Xuan Zang Tempel. Hier werden die Gebeine des buddhistischen Gelehrten Xuan Zang verehrt. Der Mönch hatte in der Tang Dynastie Indien bereist, um die reine buddhistische Lehre zurück nach China zu bringen. Seine Gebeine gelangten in japanische Hände und wurden von Chiang Kai Shek – zumindest in Teilen – „zurückgeholt“, so dass sie jetzt einen Ruheort am Sun Moon Lake in Taiwan gefunden haben. Am Tempel begegneten wir außerdem einer Gruppe Motorradfahrender, die uns noch einmal bestätigten, dass es für Ausländer*innen in Taiwan nicht möglich ist, große Maschinen zu mieten. Wir bräuchten Freunde in Taiwan, die uns helfen, also im Klartext Maschinen für uns kaufen und zur Verfügung stellen. Mit einem aus der Crew ist Michael jetzt aber über Instagram verknüpft.








Wir stärkten uns mit veganen Nudeln (gegen Spende) für den Aufstieg zur Ci’en Pagode (慈恩塔). 1100 Meter. Hui. Treppen. Natürlich. Und die Pagode selber konnten wir auch noch erklimmen. Der Blick von oben auf den See hinunter war fantastisch. Nervig waren lediglich die unablässig schwirrenden Drohnen irgendwelcher obercoolen Besucher. Der Ort war abgesehen davon so friedlich. Es gab noch nicht einmal einen Parkplatz. (Die anderen beiden Tempel waren auch motorisiert erreichbar.)





Eine Beobachtung am Rande im Vergleich zu Festlandchina, wo die Religionsfreiheit sehr eingeschränkt ist: In den Tempeln gab es allerhand kostenloses Lehrmaterial, in geringerem Umfang sogar auch auf Englisch. Auch hielten sich die Anhänger von Falun Dafa (auch bekannt als Falun Gong) in unmittelbarer Nähe auf und verteilten Infomaterialien. Natürlich auch dazu, wie sie in China unterdrückt und verfolgt werden. Ja, stimmt und ist nicht in Ordnung. Es handelt sich aber trotzdem auch um eine erzkonservative Sekte, die moderne Medizin, Homosexualität und jede Form von Nicht-Monogamie ablehnt.
Wir krabbelten die ganze Strecke wieder runter, bestiegen erneut ein Boot und ließen uns ins Dörfchen Ita Thao bringen. Hier gab es in erster Linie sehr, sehr viele Fressstände. Und sehr, sehr viele Menschen um diese Fressstände herum. Trotz innerem Widerstand stürzten wir uns hinein und snackten uns ein wenig durch. Tofu und frittiertes Gemüse. Zum Nachtisch roter Klebreis mit Bohnen vermanscht, leicht süßlich, aber nicht zu süß. Am Ende fand ich in einer Seitenstraße noch einen kleinen Teeladen, mit deren Besitzerin ich mich so gut unterhielt, dass ich ihr auch ein wenig Tee abkaufte.






Noch ein Tempel zum Abschluss
Am nächsten Vormittag fuhren wir nach dem Auschecken noch an dem wirklich sehr beeindruckenden Wenwu Tempel (文武廟) vorbei und ließen uns Zeit ihn in allen Details aufzunehmen. Auch hier trafen wir vor der Anlage wieder Falun Dafa Anhänger an. Ich fand es interessant, dass in dem Tempel sowohl daoistische, als auch buddhistische und konfuzianische Gelehrte verehrt wurden. In China hatte ich stets klar einer Richtung gewidmete Tempel gesehen.















Das Café oben auf dem Berg kann ich empfehlen.

Bevor wir uns auf die drei Stunden lange Autofahrt zum Alishan machten, gönnten wir uns im gehobenen Hotel direkt vor dem Tempel deluxe Mittagessen. Es war absolut hinreißend.

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