Mein zweiter und letzter Ausflug mit meiner Lehrerin: eine Woche im Bergdorf in den Jingmai Bergen in der Region Pu‘er. Hier wachsen die teils hunderte Jahre alten Bäume, die von der UNESCO als Naturerbe anerkannt wurden. Allein der Weg dorthin war schon malerisch, wenn auch lang. In drei Stunden erreichten wir den Bahnhof der Kleinstadt Pu‘er (普洱), wurden von unserer Gastgeberin abgeholt und von ihr in drei weiteren Stunden mit dem Auto in die Berge gebracht. Unterwegs warnten Schilder auf der Autobahn vor wilden Elefanten, wir kreuzten zwei Mal den Mehkong und passierten einen Grenzposten obwohl wir China nicht verlassen hatten. Doch die Grenze zu Myanmar war nur einen Steinwurf entfernt und so wurde wohl eine Passkontrolle für nötig befunden. Mir fiel auf, dass wir mit einem Benziner gefahren wurden. Und auch im Dorf später gab es noch deutlich mehr benzinbetriebene Fahrzeuge mit vier, drei oder zwei Rädern, als in Kunming. In das Gebiet Jingmai gelangten wir erst nach Passage einer Schranke, an der kurz geprüft wurde, ob wir Tee von außerhalb schmuggeln. Das sei untersagt, klärte uns A Lan, unsere Gastgeberin, auf. Ab dann begann ein wilder Ritt auf mehr oder weniger gut gewartetem Kopfsteinpflaster. Ich wünschte mir eine Enduro herbei. Allerdings entschädigte die Landschaft und meine Faszination für sie sollte die restliche Woche auch anhalten.

Familiäre Unterkunft

Wir waren in einem alten Haus in traditioneller Bauweise auf Stelzen untergebracht. Ich musste sehr darauf achten, mir nicht permanent den Kopf zu stoßen. Das gesamte Erdgeschoss war offen, also ohne Wände und hatte einen groben Betonboden. In der Mitte dominierte ein großer, schwerer Holztisch mit dem obligatorischen Gongfu Tee Setup. Eine massive Steinplatte diente als Ablauf des Wassers, das über einen Schlauch in einen Eimer unter dem Tisch geleitet wurde.

Die Küche war ebenfalls draußen und nur durch ein Wellblechdach geschützt. Hier kochte eine Angestellte von A lan drei warme Mahlzeiten am Tag. In China werden Menschen gern mit ihrer Funktion oder einem respektvollen Titel angesprochen. Der oder die Chefin eines Ladens wird so einfach mit lao ban (老板) angesprochen und weiblich gelesene Personen der Elterngeneration nennt mensch A yi (阿姨). Und so erfuhr ich die ganze Woche über den Namen der Angestellten nicht, weil sie von allen schlicht mit A yi angesprochen wurde.

A yi war anfangs schwer irritiert, dass meine Lehrerin, Su (苏老师) und ich vegetarisch essen und versuchte es mit umso mehr Ei wett zu machen, was ich aber auch nicht in diesen Mengen essen wollte.

Nach dem ersten Morgen merkte ich, dass ich meine Ohrenstöpsel doch brauchen würde, weil mich sonst ab 5:30 Uhr das Krähen der Hähne wecken würde. Kaffee bekam ich nach kurzem Workout mit der Handmühle und hatte nach wenigen Tests auch raus wie viel ich mahlen musste, um die von mir gewünschte Stärke (stark!) zu bekommen. Ich goss dann durch einen Filter direkt heißes Wasser in meinen Kaffeebecher. Wie heißt die Methode? Pour over? Ich glaube, dafür gibt es inzwischen irgendeinen Hipster-Begriff. War jedenfalls gut. Und die Kaffeebohnen stammten aus Yunnan.

Manchmal konnte ich morgens den Müllwagen hören. Er kündigt sich an, indem er die Melodie „I wish you a Merry Christmas“ dudelt. Erinnerungen an Taipei wurden wach, wo die Müllwagen sich abends mit „Für Elise“ bemerkbar machten.

Unsere Gastgeberin war glaube ich etwas enttäuscht in uns keine geeigneten Trinkkumpanen zu finden und zog abends daher anderweitig um die Häuser. Nachmittags, nachdem Lehrerin Su und ich den Unterricht beendet hatten, fuhr sie uns allerdings bereitwillig durch die Berge, so dass ich einen guten Eindruck von der Gegend bekam.

Dörfer, Bräuche, Minderheiten und überall Wald

Gedrungene Häuser, kleine, steile, grob gepflasterte Straßen, Treppen, ein Tempel pro Dorf und überall Tee.

Am Vormittag lässt sich oft das yun hai (云海), das Wolkenmeer, zwischen den sanften, grünen Hügeln betrachten. Ein wabernder Teppich aus weißer Watte kriecht über die Baumwipfel, die Hügel spitzen dazwischen hervor.

云海 – ein Meer aus Wolken

In der Region gibt es verschiedene Minderheiten, deren Leben eng mit dem Tee verquickt ist. Es ist vollkommen normal im Gespräch danach zu fragen, zu welcher Minderheit das Gegenüber gehört. Für mich als Deutsche ein merkwürdiges Gefühl. Die Tempel der Dörfer sind in aller Regel buddhistisch, aber es gibt viele weitere religiöse Ausprägungen, die mit den Teewäldern zusammenhängen. Durch diese alten Wälder zu streifen, hat etwas magisches. Die sehr alten Bäume, die Feuchtigkeit, die – für mich fremde – Geräuschkulisse, zahlreiche Schmetterlinge und zum Teil gar nicht mal so ungefährlich giftige Raupen.

Eine der lokalen Spezialitäten ist über Holzfeuer gekochter Milchtee. Gut, dass ich meine Laktase dabei hatte – der war nämlich köstlich.

Milchtee mit schwarzem Tee und Blüten

Eine andere Teespezialität ist saurer Tee. Schmeckt ein wenig wie Essiggurkenwasser und hilft wohl super gegen Kater. Wir haben direkt gewitzelt, dass unsere Gastgeberin A lan davon wohl ständig was braucht.

Ich hab ein bisschen was geschenkt bekommen. Wer Bedarf hat zu probieren, darf sich gerne bei mir melden.

Wie das mit dem Pu‘er Tee funktioniert

Durch A lans Verbindungen ins Dorf und ihre eigene Expertise bekam ich die Gelegenheit bei der Herstellung des Pu‘er Tees selbst mitzuwirken. Angefangen mit dem Pflücken der richtigen Blätter im Teewald. Hier erklärte A lan mir, dass ich Triebe mit drei Blättchen an der Spitze pflücken solle und wir drei machten uns an die Arbeit, Lehrerin Su und ich ungefähr zwei Drittel langsamer als die geübte A lan.

Wir pflückten zwei Stunden und A lan bemerkte, dass noch nie ein*e Ausländer*in so lange durchgehalten habe. Die seien immer alle nach ein paar Blättern wieder abgedampft. Aber ich fand die Arbeit ehrlich gesagt sehr meditativ.

Wir brachten unsere Beute in eine Teefabrik, wo unser Sack gewogen wurde und wir leider feststellten ein bisschen zu wenig gesammelt zu haben für eine volle Ladung Röstung. Allerdings kein Problem, wir durften einige Blätter aus anderen Ernten nehmen und auffüllen. Mir drängte sich der Eindruck auf, hier wurde eher im Kollektiv gewirtschaftet und ich fand den Gedanken sehr schön. Die Blätter mussten nun ein bisschen welken bevor es abends nach dem Essen weitergehen konnte.

A lan erklärt mir, was jetzt mit den Teeblättern passieren wird

Ich nutzte die Gelegenheit mir nach dem Abendessen den Fußknöchel böse an einem Mückenräucherstäbchen zu verbrennen. Das wurde gleich mit frischer Aloe Vera verarztet und ich würde die nächsten Tage bei allen Temperaturen nur noch kurze Hosen tragen.

Verletzt oder nicht, die Röstung ließ ich mir nicht entgehen. Die Teeblätter werden in einer Art riesigem Wok bei 260°C eine halbe Stunde lang geschwenkt und mit behandschuhten Händen gerührt und aufgeschüttelt.

Ich durfte auch mal ran.

Im Laufe dieses Prozesses fallen die Blätter in etwa auf die Hälfte ihres Volumens zusammen.

Fertig geröstete Blätter

Dann kommt aus dem „Wok“ alles wieder zurück auf die Bambusmatte und nun geht es ans Kneten.

Wir nahmen uns Portionen von Blättern vor, drückten sie zusammen und rollten sie in die immergleiche Richtung.

Im Ergebnis hatten wir zerknautschte Teeblätter, die nun wieder sich selbst zum Trocknen überlassen wurden.

Zwei Tage später goss A lan mir den Tee auf, an dessen Entstehung ich mitwirken durfte. Eine helle Farbe und frischer Geschmack. Nicht zum Kuchen gepresst, sondern als loses Blatt ist es jetzt grüner Pu‘er Tee. Eine Tüte habe ich mitbekommen. A lan sagt, in drei Jahren würde er noch besser schmecken. Dann warte ich wohl mal geduldig.

Ich kehre zurück mit sehr vielen tollen neuen Erfahrungen, einer ganz ok heilenden Brandblase (habe mir gestern in der Dorfklinik noch Jod und Verbandsmaterial besorgt für die Rückreise nach Kunming) und sehr viel Tee im Gepäck. Ach ja, und Mückenstichen. 🙂

Am 01.10. startet die National Holiday Week und ich bleib schön mit dem Arsch in Kunming, weil in der Woche ganz China verreist. Als nächstes geht es dann nach Puzhehei (普者黑).

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