Auf den letzten Meter habe ich mich noch mit der Franco-Schweizerin Patricia angefreundet. Sie sagte, ich könnte ihre Tochter sein – ihr ältester Sohn ist ein Jahr älter als ich. Sie ist in der Schweiz Qi Gong Lehrerin und praktiziert Daoismus. Nun hatte sie entschieden für drei Monate nach Kunming zu kommen, um Chinesisch zu lernen. Sie hat hier durch die Verbindung zum Daoismus einige Kontakte und somit auch viel Zeit außerhalb der Schule verbracht. Nächste Woche reist sie allerdings ab.
Wir hatten uns also schon seit meiner Ankunft immer wieder gesehen, aber selten mehr als ein paar Worte gewechselt. Eine ganze Weile war auch eine Französin in Patricias Alter an der Schule und die beiden haben viel gemeinsam gemacht. Patricia hatte gehört, dass ich plane die Wochenenden grundsätzlich außerhalb der Schule zu verbringen, um dem Lärm und der deprimierenden Umgebung zu entkommen. Und so hatte sie mich angesprochen, ob ich sie eventuell das kommende Wochenende mitnehmen würde. Das war nun ausgerechnet das Wochenende, an dem ich maximal für eine Nacht weg konnte, da ich am Sonntag (heute) zusammen mit meiner Lehrerin meine Reise zum Teeberg antreten würde.

Ich hatte ein gutes Gefühl mit ihr und plante eine Übernachtung am Fuxian See. Ich fand heraus, dass es einen Bus bis Chengjiang (澄江) gibt und auch, dass es online Tickets dafür gibt. Nur klappte es mit der Buchung nicht. Da half weder Deepseek, noch die – zugegebenermaßen etwas langsame – Assistentin in der Schule. Meine Lehrerin versicherte mir jedoch, dass es gar nicht notwendig sei, vorab Tickets zu kaufen. Wir sollten einfach zum Busbahnhof gehen und für den nächstmöglichen Bus Tickets kaufen. Es gäbe da immer genug. Und so überwanden Patricia und ich unseren schweizerisch-deutschen Planungsdrang und fuhren einfach ganz spontan zum Busbahnhof. Und siehe da, das klappte wie am Schnürchen. Nur dass es kein Bus war, mit dem wir fuhren sondern tatsächlich ein Taxi, das nur unterwegs noch eine weitere Person aufnahm. Wir reisten also sehr komfortabel und konnten uns in Ruhe unterhalten.

Nach Ankunft in der Unterkunft erkundigten wir uns, wo es in der Nähe eine Teestube gäbe. Gäbe es nicht, sagten unsere Gastgeber, luden uns aber bei sich auf Tee ein und verwickelten uns / mich in ein Gespräch (Patricia hat ja gerade erst angefangen, chinesisch zu lernen, also übersetzte ich das, was sie nicht ohnehin schon verstand). Ich komme inzwischen wirklich wieder ganz gut klar was so Basisgespräche betrifft und kann nicht abstreiten, dass mir das eine gewisse Selbstwirksamkeit vermittelt.

Der Strand von Chengjiang hatte ein bisschen was von einem Lost Place. Etwas heruntergekommen, mit einer versifften Couch mitten in der Landschaft. Und auch die ganz hübsch gemachte kleine Flaniermeile mit Restaurants fühlte sich unglaublich verlassen an. Gutes Essen bekamen wir trotzdem. Ich habe selten so leckere gebratene Pilze gegessen.

Abends lernte ich dann noch was Polyganatum Sibiricum (黄精) ist. Eine Wurzel, die 25 Tage über Holzfeuer geräuchert und getrocknet wird. Kleine Portionen davon werden als Tee aufgegossen oder pur gegessen. Die Wurzel ist recht zäh und hat neben dem Raucharoma einen eher süßlichen Geschmack. Ich bringe meinen Insomniamenschen mal ein bisschen was mit. Das Zeug soll nämlich unter anderem auch bei Schlafbeschwerden helfen.

Zwei Holztabletts mit kleinen Löchern im Boden enthalten schwarz geräucherte Knollen sorgsam ausgebreitet
Frisch geräucherte Wurzeln

Ob es an der Wurzel lag oder an der Ruhe (nachdem das Freilandkaroke in der Nachbarschaft endlich vorbei war) oder der Migränetablette – ich hatte eine sehr erholsame Nacht und die Migräne kam nach diesem zweiten Tag dann auch nicht noch einmal zurück.

Blick vom Bett auf einen kleinen Balkon mit Blumen, dahinter der hellrosa eingefärbte Morgenhimmel
Morgens den Himmel sehen und keinen Baustellen- oder Straßenlärm

Wir hatten Frühstück für 9:00 Uhr angesetzt, was für chinesische Verhältnisse unverschämt spät ist, aber doch maßgeblich zu unserer Erholung beitrug. Nachdem ich mit der Mutter des Hauses ausdiskutiert hatte, dass ich wirklich kein Fleisch essen will, auch wenn es dann alles leider scheiße schmeckt, gab es Nudelsuppe und Maiskolben. Beim Blick in den Garten musste ich die manisch im kleinen Käfig im Quadrat springende Elster ignorieren. Ich erwähnte es schonmal, Chinesen und Tiere – schwierig.

Wir verbrachten den Tag im Luchong Park (禄充). Hier gibt es zahlreiche kleine Cafés direkt am See, einen buddhistischen Tempel auf dem Berggipfel mit tollem Blick über den See und zu essen gibt es sehr viel frischen Fisch (aber veggie ging auch).

Patricia beschäftigt sich viel mit Daoismus und wir hatten interessante Gespräche zu dem Thema, zu Balance und Selbstreflexion. Ein bisschen schade, dass wir uns jetzt schon verabschieden mussten. Aber die Schweiz und Deutschland liegen ja nun auch nah genug beieinander. Die nächste Motorradtour kommt bestimmt.

Zurück nach Kunming buchten wir uns ein Didi. Das waren 90 Minuten Fahrt und klappte gut. Ein bisschen nimmt mir das die Sorge, dass Jonas und ich Probleme haben werden, von Lijiang zur Tiger Leaping Gorge zu kommen. Das wird schon gut gehen. Außerdem weiß ich jetzt, dass mein daoistisches Schutztier die Schlange ist. Und Schlangen finden immer einen Weg, sagt Patricia. 😉

Mein nächster Eintrag berichtet dann vom Jingmai Berg (景迈山).

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