Die Ruhe in Lijiang hat mir einmal mehr verdeutlicht, wie sehr mich der konstante Lärmpegel in der Schule in Kunming stresst. Die Baustelle ist allgegenwärtig: Im Unterricht, in meinem Zimmer, wenn ich beide Fenster und die Zwischentür geöffnet habe, um Durchzug herzustellen und nachts schließe ich zwar die Zwischentür, aber höre dennoch die Straße. Ich habe mir am Nachmittag und Abend angewöhnt, meine Noisecancelling Kopfhörer mit Regengeräuschen laufen zu lassen, um in Ruhe meine Hausaufgaben machen zu können.
Und dann habe ich entschieden, ab jetzt konsequent jedes Wochenende zu flüchten. Ich nutze Deepseek, um sinnvolle Destinationen herauszufiltern, die sich für einen Wochenendtrip gut erreichen lassen. Und dann gucke ich mir die Orte an, ob sie mir zusagen und ob es dort ansprechende Unterkünfte gibt. Zu guter Letzt prüfe ich, ob ich ohne absurd großen Organisationsaufwand selbstständig dorthin reisen kann. So habe ich Dongchuan aussortiert, weil hier ohne eigens gebuchten Fahrer kaum sinnvoll ein Fortkommen möglich ist.
Gerade bin ich auf dem Weg nach Jianshui (建水), wo ich mich in ein kleines Courtyard Hostel eingemietet habe. Ich hoffe auf Ruhe und auf mäßige Regenmengen, so dass ich mir die Altstadt vielleicht auch ohne Regenschirm angucken kann. Sonntag abends fahre ich zurück. Ich genieße es gerade auch total endlich mal wieder alleine unterwegs zu sein. Es ist zwar total nett von meiner Lehrerin betüdelt zu werden, aber ich mache schon auch ganz gerne Sachen alleine. Einfach mal erste Klasse reisen zum Beispiel.
Nach Jianshui sind es mit dem Zug nur zwei Stunden Fahrt und die Schule bietet ab und zu auch Tagestrips dorthin an. Nur müsste ich dafür dann an einem Sonntag saufrüh aufstehen und mit einer Gruppe Mitschüler*innen gemeinsam durch die Stadt laufen. Ich antizipiere schon wieder Schwierigkeiten dabei etwas vegetarisches zu Essen zu finden. Und außerdem kann ich es nicht leiden, mich an das Tempo einer Gruppe anpassen zu müssen.
Die Unterkunft hat mich für die beiden Nächte 300 Yuan gekostet – das ist mir mein Seelenfrieden locker wert. Ausschlafen können, in aller Ruhe morgen die Stadt erkunden, einfach ein bisschen dort abhängen, irgendwo einkehren und Tee trinken. Das wird schon gut werden.
Und auch unter der Woche werde ich die Nachmittage öfter mal flüchten müssen. Gestern war ich im Qiongzhu Tempel in Kunmings Bergen. Umgeben von sattgrünem Wald waren dort, bis auf ein paar Mönche relativ wenige Menschen und es war angenehm still. Ab und zu hörte ich das Aufheulen von Motorradmotoren – die kurvige Bergstraße dient offenkundig als lokale Rennstrecke. Ich war zugegebenermaßen ein wenig neidisch.
Meinen ausgiebigen Moment der Ruhe fand ich im Klostergarten, wo ich mir für 80 Yuan eine Portion hellen Pu‘er Tee gönnte. Ich war sehr froh darum, das Ritual inzwischen so halbwegs verstanden zu haben, denn mir stand nur das Gongfu Teeset und meine Portion Tee zur Verfügung – aufgießen musste ich ihn aber selber. Es war ganz himmlisch!

Ich war pünktlich zum Abendessen wieder in der Schule (ich hatte mich hin und zurück von Taxis chauffieren lassen) und war definitiv auf einem besseren Energielevel als an den anderen Tagen. Ich werde mich mal nach Teehäusern in der Umgebung der Schule umsehen. Da muss es eigentlich auch irgendetwas geben. Das Gongfu Ritual gibt einem zumindest die Ausrede um die zwei Stunden nur mit Teetrinken zu verbringen. Und in der Regel geht die Teekultur mit einer entsprechend ansprechend gestalteten Umgebung einher.
Achso, und meine Schule organisiert jetzt tatsächlich einen Trip zu diesem grenzwertigen „Dwarf Empire“, das ich hier an anderer Stelle schonmal erwähnt hatte. Und da haben sich auch tatsächlich Menschen für eingeschrieben. Kleinwüchsige Menschen als Zirkusattraktion. Na, herzlichen Glückwunsch. Das verpasse ich jetzt aber leider, weil ich in Jianshui abhänge.
Hinterlasse einen Kommentar