Zuerst einmal ein kurzer Werbeblock: Nach meiner aufregenden Anreise hier nach Kunming habe ich das Portal Flightright genutzt, um mir stressfrei eine Entschädigung zu besorgen. Nach überraschend kurzer Bearbeitungszeit hat KLM nun nicht nur meine eingereichten Ausgaben in Amsterdam klaglos erstattet, sondern auch noch 600 EUR Entschädigung direkt mit überwiesen. Davon muss ich Flightright jetzt noch eine Provision zahlen, aber so bin ich zumindest ein bisschen versöhnt mit der Sache.
Meine vier Wochen in Kunming sind vergangen und ich befinde mich gerade im Zug auf dem Weg nach Lijiang, wo ich gemeinsam mit meiner Lehrerin eine Woche verbringen werde und dort mit ihr den Unterricht fortsetzen werde. Zudem besteht die Möglichkeit, dass wir nachmittags gemeinsame Ausflüge unternehmen. Ich werde also wohl sehr viel Chinesisch sprechen.
Erfreulicherweise kann ich mein Zimmer, bzw. meine kleine Wohnung in Kunming behalten. Ich war davon ausgegangen, ich muss für die Woche vollständig ausziehen und dann gegebenfalls wieder diskutieren, dass ich wieder ein Zimmer zur Straße raus bekomme. Aber ich habe die Wohnung jetzt wohl für den Dauer meines Aufenthaltes bei Keats. Das ist gut, auch wenn ich die Einrichtung weiterhin absolut schrecklich finde. Ich hab meine Häkeldecken noch schnell gewaschen und zum Trocknen aufgehängt vor meiner Abfahrt.
Insofern freue ich mich auch aus ästhetischen Gründen auf Lijiang. Die Unterkunft dort verspricht etwas geschmackvoller eingerichtet zu sein. Zudem kann ich eine Pause vom ständigen Lärm auch gut gebrauchen. Denn auch wenn die Straße das kleinere Übel ist, so zerrt der permanente Geräuschpegel allmählich an meinen Nerven.
Alltägliche Beobachtungen
Den Verkehr hier habe ich immer noch nicht verstanden. Neulich stand ich an der Ampel und habe die Armada an E-Rollern beobachtet. Irgendwann fuhr der ganze Pulk einfach los. Die Autos in derselben Richtung blieben stehen. Die Ampel zeigte auch rot. Für mich war nicht erkennbar, was genau den Ausschlag gegeben hat, loszufahren.




Wie es ein Volk, das so monumentale Bauwerke wie die Große Mauer erschaffen hat, heute schafft selbst in Neubauten eklatante Mängel einzubauen, beeindruckt mich immer wieder. Mein Tätowierer wohnt in so einem Neubau, 37. Stock, Blick auf die Berge, aber um aus dem Klo wieder rauszukommen, musste ich erst puzzeln.



In meiner Wohnung sifft das Klo. Sprich, ausgehend von der Keramik, bildet sich auf dem Boden im Laufe einiger Stunden eine Wasserlache. Da ich nun eine Dusche mit abgetrennter Kabine habe, wische ich mein Bad nun also nicht mehr täglich nach der Dusche, sondern regelmäßig vor dem Toilettengang, um mir beim Pinkeln keine nassen Füße zu holen. Außerdem ist mir kürzlich aufgefallen, dass das abgepumpte Wasser der Waschmaschine über den Abfluss der Dusche wieder hochgedrückt wird und dann von dort laut gurgelnd wieder abläuft. Insofern wirklich umso besser, dass die Dusche eine Begrenzung hat und somit nicht mein ganzes Bad mit Waschwasser überflutet wird.

Als wirkliche Unsitte empfinde ich außerdem das ständige Angerufen werden. Der Lieferwahnsinn geht damit einher, dass die Kuriere telefonisch Bescheid geben, wenn die Lieferung eingetroffen ist. Ich habe immer noch großen Respekt davor auf Chinesisch zu telefonieren. Bin ich doch schon froh, wenn ich einer persönlichen Konversation so halbwegs folgen kann. Aber da habe ich dann auch noch Mimik und Gestik als Hilfestellung. Den Vogel abgeschossen hat kürzlich ein Fahrer eines der alternativen Taxidienste. Ich war in der Innenstadt an einem sehr belebten Ort, der Verkehr war dicht und bestellte über Weixin ein Fahrzeug. In der App wird dann ein Fahrzeug zugeordnet, das Kennzeichen angezeigt und die aktuelle Position des Autos. Ich kann also live verfolgen, wo mein Fahrer sich gerade befindet und wie lange er noch braucht, um mich aufzusammeln. Aus diesem Standorttracking ging hervor, dass mein Fahrer ganz offensichtlich im Verkehr feststeckte. Prompt bekam ich einen Anruf von einer Nummer aus Kunming, wohl mein Fahrer dachte ich. Ich nahm ab und ja, es war mein Fahrer, was er aber nun genau von mir wollte, habe ich nicht verstanden. Ich sagte, mein Chinesisch sei nicht so gut und ich verstehe nicht, was er von mir will. Er wiederholte aufgeregt in schnellem Chinesisch sein Anliegen (ich vermute mal, er wollte, dass ich ihm zu Fuß ein Stück entgegen komme, aber ich wusste es halt nicht genau), aber keine Chance. Wir legten auf, dann sah ich auf dem GPS, dass das Auto rückwärts fuhr, wendete und sich von mir entfernte. Kurz darauf kam über die App eine Textnachricht: Wenn ich kein Chinesisch verstehe, solle ich ein Taxi nehmen. (Offizielle Taxis kosten ca. das dreifache.) Aber immerhin stornierte er dann auch die Fahrt und ich bekam mein Geld zurück.
Nachreichen möchte ich anknüpfend an meinen letzten Eintrag noch ein Bild aus der werbeverseuchten U-Bahn.

Unterricht im Teeladen
Ich hatte meine Lehrerin gefragt, wo ich guten Tee kaufen könne, war dann nur leider mal wieder an dem Auffinden der korrekten Adresse gescheitert. Zwar lotste mich Gaodi an den richtigen Ort, nur waren dort sehr, sehr viele Teeläden, deren Inhaber alle um unsere Aufmerksamkeit buhlten (ich war mit einer anderen Europäerin unterwegs), um uns dummen Ausländern völlig überteuerten Tee anzudrehen. Das war ja genau der Grund, warum ich meine Lehrerin um einen Tipp gebeten hatte. Nach dieser enttäuschenden Erfahrung bat ich sie also an einem Tag unseren vormittäglichen Unterricht in den Teeladen zu verlegen. Wir tranken den ganzen Vormittag Tee, ich lernte nochmal mehr über die verschiedenen Teesorten in Yunnan und kaufte für meine Kolleg*innen in Deutschland Tee ein.
Ich bin weiterhin sehr weit davon entfernt wirklich zu verstehen, was es mit den ganzen verschiedenen Teesorten auf sich hat, aber was ich verstanden habe, ist dass die Auffassung, die wir in Deutschland von Tee haben, massiv unterkomplex ist. Als ich erzählte, dass wir in Deutschland glauben, grüner Tee sei per se gesund und schwarzer Tee (der im Chinesischen übersetzt roter Tee heißt) macht immer wach und ist mit Kaffee gleichzusetzen, lächelten die Teehändlerin und meine Lehrerin nur milde. Grundsätzlich wird Tee erstmal nach der chinesischen Ernährungslehre in kalt und warm eingeteilt und das hat nichts mit der Trinktemperatur zu tun. Wir haben viel Tee aus der kalten Kategorie getrunken und daher zum Ausgleich Sonnenblumenkerne und Erdnüsse dazugestellt bekommen, die als warme Lebensmittel gelten und somit für Ausgleich sorgen sollen.


Ich habe von meinen Rückenproblemen berichtet und den Tipp bekommen schwarzen Tee (also den Chinesischen schwarzen Tee) zu trinken. Zunächst habe ich aber noch keinen gekauft, weil ich dafür zunächst noch ein Teeset besorgen müsste. Aber jetzt wo ich weiß, dass ich meine Wohnung mit der vorgelagerten Küche behalten kann, wäre die Anschaffung eines solchen Sets vielleicht wirklich eine Überlegung wert.
Ich liebe dieses ganze Gongfu genannte Ritual der Teezubereitung. Es erfordert Zeit und bindet alle Sinne mit ein. Zuerst wird das Wasser aufgekocht. Es muss einmal aufkochen und dann je nach Teesorte unterschiedlich stark runterkühlen. Aber zuerst wird ohnehin Wasser in die noch leere Kanne gegeben, damit sie sich anwärmt. Auch das Gongfu Glas, in das das Teewasser dann später abgegossen wird, wird mit heißem Wasser erwärmt und die Tässchen. Dieses Wasser wird dann vollständig weggeschüttet in eine bereitstehende Schüssel. Anschließend kommen die Teeblätter ins Spiel. Ich durfte zunächst an ihnen riechen, dann kamen sie in die angewärmte Kanne und ich durfte erneut riechen – allein durch die Wärme hatten sich neue Aromen entwickelt. Nun wurde der Tee aufgegossen, je nach Teesorte über den Rand der Kanne, weil zum Beispiel bei grünem Tee die Blätter nicht direkt mit dem heißen Wasser übergossen werden sollen, sondern nur indirekt aufgeschwämmt werden sollen. Fermentierten Tee kann mensch auch direkt aufgießen. Der Tee zieht immer nur sehr kurz in der Kanne und wird dann in die Gongfu Kanne, die meistens aus Glas ist abgegossen. Die Teeblätter verbleiben in der Teekanne für den nächsten Aufguss – hierfür den Deckel der Kanne nur angekippt auflegen, nicht vollständig verschließen. Aus der Gongfu Kanne wird dann der fertige Tee in die kleinen Tässchen zum Trinken serviert. Auch hier ist angeraten zunächst zu riechen und das Aroma aufzunehmen, dann erst trinken und als drittes nachspüren, was der Tee für ein Gefühl erzeugt. Der Tee kann je nach Sorte 5-20 Mal aufgegossen werden und jeder Aufguss bringt eine leicht andere Nuance in Geruch und Geschmack heraus. Bemerkenswert finde ich, dass der erste Aufguss mitunter gar nicht der intensivste ist, sondern manche Tees erst nach mehreren Aufgüssen ihr volles Aroma entfalten.
Ich finde das Thema total spannend und freue mich, da noch ganz viel lernen zu können. Ob ich in Deutschland wieder den minderwertigen Tee, den wir dort in der Regel bekommen, trinken kann, sei dahingestellt.

Am Ende wurde ich noch zum obligatorischen Foto genötigt.
Postgeheimnis nicht vorhanden
Mein exzessiver Teeeinkauf hatte zur Folge, dass ich die chinesische Post bemühte, um meine Beute an die betreffenden Kolleg*innen nach Deutschland zu verschiffen. Und dort erlebte ich dann, wie es in China um das Postgeheimnis bestellt ist. Also, es gibt keins. Aber der Reihe nach.
Ich hatte meine zwei Päckchen akribisch gepackt, noch ein paar nette Worte geschrieben und obenauf gelegt und alles ordentlich verklebt, damit meine Ware auch heil ankommt. Ich wusste von meiner Zeit aus Taiwan noch, dass es auf den Postämtern so spezielle Formulare gibt, in die die Adresse eingetragen wird zusammen mit Informationen zum Inhalt und Wert des Paketes für den Zoll und ging davon aus, hier wird es wohl so ähnlich sein. Stimmte auch. Auf der Post bekam ich das grüne Formular und füllte für mein erstes Paket brav alles aus. Die freundliche Angestellte hatte leider kein weiteres Formular mehr für mein zweites Paket, aber sie meinte, kein Problem, sie ruft kurz jemanden an und dann hätte ich da auch ruckzuck mein zweites Formular, ich solle solange das erste ausfüllen. Kurz darauf kam ein Mann von China Post – wohl der, den sie angerufen hat – und begann ein Gespräch mit der Angestellten. Meine zwei Pakete standen in meinem Rücken auf dem Tisch. Ich brachte mein fertig ausgefülltes Formular zu den beiden, der Mann inspizierte es und sagte, er könne die Adresse nicht lesen. Ich wies ihn darauf hin, dass es sich um eine deutsche Anschrift handelt und die Menschen in Deutschland das ganz bestimmt schon lesen können. Ich kann es leider nicht ändern. Der Mann insistierte aber und zeigte mir auf seinem Smartphone Adressen aus Irland, die er wohl hübscher fand und ignorierte meine Einwände, dass Adressen in Irland und Deutschland nunmal anders strukturiert seien. Letzten Endes wurde ich von der Frau gerettet, die meine geschriebene Adresse abscannte und bewies, dass die OCR meine Schrift sehrwohl korrekt erkannte. Erst dann gab mir der Postmann das zweite Formular für mein weiteres Paket. Ich ging also wieder an den Tisch und wiederholte das Prozedere des Ausfüllens. Dieses Mal war ich schon etwas schneller. Einen kurzen Streitpunkt hatten wir noch wegen der fehlenden Telefonnummern, aber ich googelte kurzerhand die zentrale Nummer der New Work SE, schrieb diese Nummer drauf und stellte ihn damit ruhig.
Die Überraschung kam, als ich mit meinem ausgefüllten zweiten Formular zurück an den Tisch der zwei Postangestellten kam. Mein erstes Paket war geöffnet und der Mann fragte mich, ob ich den Tee wirklich so verschicken wolle. Ich war irritiert, hatte ich doch gerade alle meine Angaben auf dem Formular vermerkt. Er verklebte das Paket erneut und wandte sich meinem zweiten Paket zu. Er zückte das Messer und löste die Verklebung. Ich äußerte Protest und wies darauf hin, dass ich doch allen Inhalt auf dem Formular vermerkt hatte. Er war unbeeindruckt und fuhr damit fort, den Inhalt des Paketes zu durchforsten. Ein reisesicher verpacktes Gongfu Glas im Karton wurde ebenfalls aus der Verpackung gerissen und inspiziert. Dann passte ihm mein Karton nicht, weil er für den Inhalt ein wenig zu groß war. Er versuchte meinen Karton zu verkleinern, wurde aber von der eifrigen Postfrau gerettet, die aus einem Haufen einen kleineren Karton zutage förderte. So wurde mein ganzes Paket so wie der Mann es für richtig hielt in einen anderen Karton umgepackt und wieder verklebt. Ich wies ihn darauf hin, dass er meinen beigelegten Brief vergessen hatte wieder einzupacken und fragte spitz, ob ich ihnen vielleicht auch noch übersetzen solle, was ich geschrieben hatte – leere Blicke von beiden Angestellten. Völlig normales Prozedere hier. Und ja, tatsächlich, ich ließ meinen Blick schweifen und alle Pakete, die hier lagen, waren mit dem „Kunming Post“ Klebeband verklebt.
Für mich war das allerdings nicht normal. Ich hatte ziemlich Puls. Gleichzeitig war ich froh, dass ich diese Erfahrung mit den zwei Paketen an Kolleg*innen gemacht hatte und nicht erst mit dem Paket mit meinen persönlichen Gegenständen, das ich am Ende meines Kurses hier gedenke an die Adresse meines Partners zu schicken. Wenn es so weit ist, weiß ich jetzt zumindest was mich erwartet und kann mich mental darauf einstellen, dass vor meinen Augen meine Sachen durchwühlt werden.

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