Ich sitze gerade beim Tätowierer, der meinen linken Oberarm bearbeitet und nutze die Zeit mit der freien rechten Hand zu schreiben. Ich lasse mir das Zeichen für Dämon / Geist (鬼) als Kalligraphie stechen.

Cooles Tattoostudio übrigens im 37. Stock mit Blick auf die Berge. Ich muss mir immer wieder neu gewahr machen, dass ich hier ja auf 1.800 m Höhe bin. Zudem ist Regenzeit. Meine Migräne klopft öfter mal an, aber noch geht es und notfalls habe ich genügend Triptane dabei.

Kapitalismus im Endstadium

Ich glaube, ich hatte es schonmal kurz angerissen, aber China hat den Kapitalismus echt durchgespielt. Allein das Ausmaß an Werbung, mit dem mensch täglich unaufhörlich bombardiert wird, ist bemerkenswert. Im Fahrstuhl laufen auf einem kleinen Bildschirm ununterbrochen Werbespots mit Bewegtbild und Ton. Die U-Bahn beklebt ganze Waggons innen mit Werbung, also Wände, Decke, Boden. Zusätzlich laufen Werbespots auf Bildschirmen, die als kleine Randnotiz auch noch über den Namen der nächsten Station informieren. Die Sitzmöglichkeit im Waggon ist jeweils eine lange Plastikbank seitlich von Tür zu Tür. Es fahren also alle sitzenden Fahrgäste seitlich mit Blick auf die gegenüberliegenden Mitfahrenden und das darüberliegende Fenster. Eine perfekte Gelegenheit also um während der Fahrt zwischen den Stationen noch mehr Werbung zu zeigen. Die läuft auf Bildschirmen an den Tunnelwänden zwischen den Stationen, so dass ein wenig der Eindruck von Daumenkino entsteht.

Ins Liefergame bin ich jetzt auch voll eingestiegen. Anstatt einen Laden zu suchen, habe ich mir eine Yogamatte auf Taobao gekauft und liefern lassen. Nach ein paar Klamotten in sehr besonderem chinesischen Design gucke ich dort auch, aber ich versuche, es nicht zu übertreiben. Völlig dekadent jedoch meine Wochenend-Morgen-Routine, wenn ich mir den Hafermilchlatte und das Croissant vom nahegelegenen Starbucks liefern lasse, um mich dann damit wieder zurück ins Bett zu verkrümeln. Die Nummer ist auch direkt doppelt so teuer, wie ein ebenfalls geliefertes Mittagessen. Starbucks eben auch in China Luxus.

Liefern lassen kann mensch sich auch so ziemlich alles aus den lokalen Geschäften binnen Minuten und gefühlt 24/7. So hat sich gestern eine meiner neuen chinesischen Bekannten nachts um elf neue Schlappen in den Club, in dem wir ein Konzert gesehen haben, liefern lassen, nachdem ihre Schuhe im Dauerregen aus dem Leim gegangen waren.

Kultur in allen Facetten

Gestern war ich im hiesigen Underground liveclub 404 und habe die Vorstellung der Postrockband Fake Door genossen. Hätte ich niemals von erfahren, hätte mich die Gruppe, mit der ich mittwochs jetzt immer bouldern gehe, nicht drauf aufmerksam gemacht. Star des Abends war das kleine Kind des Bassisten, das auf dem Teppich vor der Bühne Ausdruckstanz betrieben hat.

Papi rockt; das wird gewürdigt

Letzte Woche Sonntag hat die Schule für uns einen Besuch bei „Dynamic Yunnan“ organisiert. Das ist Tanztheater, das die vielfältigen Minderheiten Yunnans repräsentieren soll. Es wurden in erster Linie religiöse Riten dargestellt. So zum Bespiel auch tibetische Gebetsrollen.

Es sind auch einige Angehörige von Minderheiten unter den Tänzer*innen, Choreographie und Leitung ist jedoch han-chinesisch. Insofern weiß ich immer noch nicht so ganz genau, was ich davon halten soll. Ich konnte bisher noch nichts dazu finden, wie gut sich die jeweiligen Minderheiten repräsentiert fühlen. Die Nummer ist aus meiner Sicht zumindest ein schmaler Grad zwischen kultureller Aneignung und notwendiger Sichtbarkeit.

Der Theaterbesuch an sich war auch ein Erlebnis. Auch nach Beginn der Vorstellung kamen ständig noch Nachzügler*innen rein, die dann schnell mit Hilfe von Taschenlampen zu ihren Plätzen gebracht wurden. Die gesamte Vorstellung wurde in drei Sprachen übertitelt: Chinesisch, Englisch, Koreanisch. Hier wurden Hintergrundinformationen zur Tradition der Minderheiten und des spezifischen Tanzes vermittelt. Bei einigen Tänzen wurde aber auch schlicht in allen drei Sprachen statisch „No Photos“ angezeigt. Das hat aber natürlich niemanden vom Fotografieren und Filmen abgehalten.

Ansonsten interessiere ich mich für Tempel. Davon gibt es hier auch so einige. Sowohl daoistisch, als auch buddhistisch. Sie alle stellen einen Hafen der Ruhe dar, selbst wenn viele Touristen zugegen sind. Ich empfinde aber auch allein die Ästhetik der Bauten und sorgsam angelegten Gärten als wohltuende Abwechslung zwischen den gleichförmigen hässlichen Hochhäusern.

Zu guter Letzt noch ein paar Eindrücke von kultivierter Natur am Dian Chi See vom letzten Samstag. Da hatte ich an einem Schulausflug teilgenommen. Trotz Regen war es gut voll, aber das Sumpfgebiet mit seinen speziellen im Wasser wachsenden Bäumen war das frühe Aufstehen und die Fahrt raus wert.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich noch die Existenz eines „Zwergendorfes“. Ich habe durch eine Mitschülerin davon erfahren und da ich nicht vor habe, dort hinzufahren, lasse ich an dieser Stelle nur den Link da von einer Person, die es sich angeschaut hat: https://www.theworldofchinese.com/2022/04/kunmings-dwarf-kingdom-exploitation-or-empowerment/

Kulinarische Ausflüge

Vegetarisch ist weiterhin schwierig. Ja, es gibt diese Gerichte, bzw. ich ernähre mich ganz vorzüglich von Beilagen, aber ich muss mich ständig erklären.

Das wohl berühmteste Gericht hier ist Hotpot mit giftigen Pilzen. In der Gegend hier gibt es um die 800 Wildpilzsorten und viele davon sind giftig, wenn sie nicht lange genug gekocht werden. Also gibt es ein paar Sicherheitsmaßnahmen: Die Brühe wird auf dem Gaskocher auf dem Tisch aufgekocht, dann kommen die Pilze rein und es wird eine Eieruhr auf 20 Minuten gestellt.

Ein großer Topf steht in der Mitte eines Tisches auf einem Gaskocher. Es wurde gerade ein Tablett mit Pilzen darin ausgeleert.
Rohe, giftige Pilze kommen in die Brühe

Besteck gibt es erst, wenn die Zeit abgelaufen ist. Zusätzlich wird dann noch eine Probe der Brühe in ein kleines Plastikschälchen abgefüllt, das mit Namen des Gastes und der Telefonnummer des Restaurants beschriftet wird. Dann kann für den Fall, dass nach dem Essen doch plötzlich jemand Stimmen hört, die örtliche Notfallversorgung auf Basis der Analyse der Brühe das korrekte Gegengift verabreichen. Schon alles ein klein wenig spooky.

Ich hab das Essen inzwischen jedoch schon zwei Mal überlebt. Das erste Mal war ich mit der Schule und sehr wenig begeistert, als in die von allen geteilte Brühe zwei Teller totes Huhn entleert wurden. Hatte irgendwie niemand auf dem Schirm potentielle Vegetarier*innen vorzuwarnen. Den Vogel abgeschossen hat dann ein russischer, sehr junger Mitschüler, der angesichts meines deutlichen Unbehagens allen Ernstes laut gelacht hat. Ich hatte Hunger und hab es trotzdem gegessen – ohne die Hühnchenfetzen -, aber ich fand‘s nicht so geil.

Das zweite Mal war ich mit einer nicht-binären Person, die ich hier kennengelernt habe und durfte dieses Mal vegetarisch genießen. Die Pilze an sich sind schon so spannend und vielseitig, dass sich mir die Notwendigkeit Fleisch dazuzugeben wirklich nicht erschließt.

Kunmings Menschen

Ich muss sagen, großteils habe ich hier sehr angenehme, freundliche, im besten Falle bereichernde Begegnungen.

Meine Lehrerin mag ich. Sie gibt sich Mühe mit mir auf Chinesisch Themen zu besprechen, die ich interessant finde und wir haben auch menschlich eine gute Ebene. Ich mag ihren Humor und sie findet mich glaube ich auch ganz interessant. Ich habe im Zuge des Sprachkurses hier jeweils eine Woche an einem anderen Ort gebucht und jetzt gelernt, dass meine Lehrerin mich begleiten wird. Sie wird dann also mit mir sehr viel mehr Zeit verbringen und nachmittags zum Beispiel Ausflüge mit mir machen. Ich bin gespannt. Nächste Woche geht es ja schon nach Lijiang.

Dann hab ich noch Liu kennengelernt. Liu klettert / blouldert und hat mich direkt seinen anderen kletternden Freunden vorgestellt. Er war außerdem so freundlich mir für die Dauer meines Aufenthaltes hier seine alten Kletterschuhe und einen Beutel Chalk zu überlassen, so dass ich auch unabhängig von ihm klettern gehen kann. Er ist ganz zauberhaft und seine Freundinnen auch. Gestern vor dem Konzert waren wir gemeinsam essen und sie haben extra viel vegetarisches Essen für mich bestellt und für sich nur zwei Fleischgerichte. In China kommt ja immer alles in die Mitte.

Ein großer runder Tisch mit Gedeck für fünf Personen. In der Mitte stehen sieben verschiedene Gerichte, die in noch unterschiedlicher Quantität vorhanden sind und eine Schüssel Reis. Aus der Perspektive des Tellers der fotografierenden Person sind in unmittelbarer Nähe fünf vegetarische Gerichte, auf dem eigenen Teller ist Tofu. Zwei Gerichte mit Fleisch stehen weiter entfernt.
Das war das Endergebnis, als alle Speisen da waren. Der Tofu war besonders geil. Süß auch, dass sie das Fleisch extra weit weg von mir platziert haben. ❤️

Wir klettern immer mittwochs in unterschiedlichen Boulderhallen. Die Hallen sind sehr klein und relativ teuer, aber es tut mir gut und die Gruppe ist super.

Dann habe ich noch die nicht-binäre Person Panzi kennengelernt, die mit mir veggie Pilz-Hot-Pot gegessen hat. Deep talk über gesellschaftliche Normen, Geschlechterbilder und Familienkonflikte. I like.

Panzi hat mich wiederum einer Teehändlerin vorgestellt, bei der ich in den Genuss einer vierstündigen Teezeremonie kam, die nur beendet wurde, weil ich quengelig wurde, dass ich langsam mal Abendessen will.

Ich bin nun auch mit der Teehändlerin vernetzt und gedenke mich mit Tee einzudecken. Sie meinte auch, wir seien noch nicht fertig mit probieren. Ich liebe es einfach, welch hohen Stellenwert Genuss und Qualität in dieser Gesellschaft haben. Beim Essen inzwischen leider nicht mehr immer. Aber Tee hat einen ähnlichen Stellenwert wie Wein in Europa. So habe ich einen 2012er Pu‘er getrunken. Tees dieser Qualität lassen sich sehr oft aufgießen. Zwanzig Runden sind mitunter möglich. Das erklärt dann auch den enormen Zeitaufwand und rechtfertigt den Preis.

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