Die Nacht im Kloster war sehr durchwachsen. Nachtwandern scheint ein Trend zu sein und diese Wanderer sind alle direkt an unserem Zimmer vorbeigerumpelt. Das tock, tock der Bambuswanderstöcke bohrte sich auch durch die Ohropax. Deutlich geschwächtere Wandernde zogen die scheiß Teile geräuschvoll hinter sich her über den rauen Betonfußboden. Regelmäßig brüllte irgendwer den ganzen Gang runter, dass der Weg hier weiter ging.
Wir hatten eines der günstigsten Zimmer im Erdgeschoss, so dass uns nur eine dünne Wand von den Vandalen trennte. Vielleicht liegen die teureren Zimmer besser? Es gibt auf jeden Fall noch ein Obergeschoss.
Sollten noch Kräfte vorhanden sein, lohnt es sich ggf. im nächstfolgenden Tempel zu übernachten. 7,5 km weiter liegt der Leidongping (雷洞坪) – hier führt der Pilgerweg zumindest nicht durch den Tempel. Allerdings spucken hier auch Busse Horden von Touristen aus. Und wir waren gestern Nachmittag nicht mehr so wirklich an dem Punkt, dass wir unsere Körper noch weitere zwei Stunden bergauf wuchten wollten.
Um 7:30 gab es veganes Frühstück für 10 Yuan pro Person: Reissuppe, Gemüse, Mantou. Kein Kaffee, kein Schwarztee.
Punkt 8:00 erklommen wir die Stufen hinter dem Kloster, dem Weg weiter folgend. (Die Mädels, Xiaoxia und Tingting waren um vier schon losgelaufen, um den Sonnenaufgang oben sehen zu können – das war vermutlich auch der Plan der nachtwandernden Horden.) Die Wolken hingen tief, vom Panorama von gestern war nichts mehr zu sehen.




Sämtliche Essensstände (小吃 heißt es auf Chinesisch) auf dem Weg zu Leidongping waren noch verrammelt. Wir vermuteten, dass die alle die Nacht durchgemacht hatten, um die Lebensmüden auf dem Weg zum Sonnenaufgang zu versorgen. (Diese Treppen im Dunkeln! Wtf?!) Nur waren wir beide nach der Nacht ohne Koffein nicht so wirklich funktionstüchtig. Nach einer Stunde Aufstieg, erreichten wir endlich einen Stand, der offen hatte und uns mit Kaffee versorgte (begrenzt genießbar, aber was soll’s). Immer wieder kamen uns Männer entgegen, die (vermutlich) Lebensmittel in Kartons verschnürt und über ihre Köpfe hinaus aufgetürmt, in Tragegestellen auf dem Rücken nach unten trugen.
Nachdem der Weg uns frustrierenderweise wieder ein Stück nach unten und dann erneut nach oben führte, erreichten wir Leidongping.





Ab hier wurde es voll. Denn hier halten die Busse, die die Touristen den Berg hochfahren. Ein paar letzte Stufen müssen dann alle bewältigen. Der Weg war gesäumt von Essensständen, bis er nach ca. 1,5 km zur Talstation der Gondel zum Gipfel führte. Alternativ: weitere 6 km Treppen. Wir entschieden, dass wir jetzt schon so weit gekommen waren, dass wir diese letzten 6 km auch noch schaffen. Aber zugegebenermaßen fluchten wir unterwegs dennoch über jeden weiteren steilen Anstieg. Die mit Flechten überwucherten knorrigen Bäume am Wegesrand und aus Schluchten aufsteigende Wolkenstrudel entschädigten uns.






Je höher wir kamen, desto dichter die Wolkendecke. Und kalt wurde es. Kurze Rast oder auch nur eine weniger anstrengende Wegstrecke ließen mich schnell frösteln. Aber fürs Treppen klettern war mir die Daunenjacke zu warm.
Schließlich hatten wir es geschafft. Nur noch vergleichsweise wenige Stufen trennten uns vom goldenen Dach. Teure Hotels am Gipfel spuckten Touristengruppen in Designerkleidern auf die Wege. Dazwischen echte Pilger, die sich auf dem Weg zum heiligen Ort alle drei Schritte auf die Knie fallen ließen und mit der Stirn den Boden berührten. Bizarrer Kontrast.
Interessant auch, dass wir hier kein vegetarisches Restaurant mehr fanden, überall die übliche sehr fleischlastige Küche. Aber auf Nachfrage wurden wir in einem Restaurant platziert und die für uns zuständige Dame brüllte durch den ganzen Laden, dass die Ausländer*innen vegetarisch essen. Alles wie immer also. Aber wir mussten nicht verhungern.
Gestärkt machten wir uns auf zum goldenen Dach und sahen… nichts. Die Wolkendecke war so dicht, dass wir es nicht wagten uns auch nur für kurze Zeit zu trennen auf die Gefahr hin uns in der Suppe zu verlieren. Wie durch ein Wunder riss eine Wolke für wenige Sekunden auf, so dass wir zumindest einmal die riesige goldene Statue in Gänze sehen konnte. Dann war sie sofort wieder weg.




Wir nahmen die Gondel nach unten, mussten dann noch einmal die Stufen runter, vorbei an den Essensständen zum Parkplatz Leidongping. Hier hatten wir Glück, dass wir direkt einen Bus erwischten, der uns in etwas über einer Stunde zum Fernbahnhof Emeishan brachte (50 Yuan / Person). Gerade passend zu unserem gebuchten Zug zurück nach Chengdu.
Die Dusche im Hostel war göttlich. Wir hoffen auf eine ruhigere Nacht.
Morgen müssen wir trotzdem halbwegs früh raus weil wir mit der Bahn geschlagene 1,5h zum Flughafen brauchen. Hongkong, wir kommen!

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