Emma Ruth Rundle hat ein neues Album veröffentlicht. Dunkel. Tiefgründig. Poetisch. Schonungslos.
„There’s no need to check the weather as my winter never ends“
Emma Ruth Rundle – Razor’s Edge
Ihre Texte erzeugen Bilder, beschreiben vertraute Gefühle. Eingebettet in tiefe, melancholische Klänge. Ihre Stimme teils zerbrechlich. Ungefilterte Emotionen.
Sie verarbeitet ihre Alkohol- und Drogensucht auf dem Album. Und auch wenn ich hier inhaltlich nur einen sehr entfernten Bezug herstellen kann, so schlägt die Stimmung des Albums vertraute Saiten in mir an. Es wird immer die dunkle Musik sein, die mich ernsthaft emotional erreicht. Es ist diese Musik, die ich immer hören kann zu jeder Tages- und Nachtzeit und ein vertrautes, warmes Gefühl bekommen werde, während mir andere, „fröhlichere“ Musik tendenziell schnell auf die Nerven geht. Für positive Musik muss ich in der Stimmung sein. Dunkle geht immer. Es gibt da diesen riesigen Pool an sehr intensiven Gefühlen die mit dieser melancholischen Musik im Gleichklang schwingen. Wie eine weite Wiese mit hohem Gras, die sich sanft im Wind wiegt. Für mich ist das zu Hause. Frieden. Ruhe. Trost. Das bin ich. Oder zumindest ein so großer Teil von mir, dass er mich maßgeblich ausmacht.
Und ich weiß nicht, wie das nun klingen muss für Menschen, die diese Gefühlswelt nicht nachempfinden können. Oh Gott, wie traurig und schrecklich? Suhlt sich da jemand lebenslang im Selbstmitleid?
Vermutlich ist das eine Frage der Perspektive. Melancholie und Dunkelheit sind in unserer Gesellschaft zumeist negativ konnotiert. Oft lautet das Credo dies zu überwinden, sich dem Licht zuzuwenden, doch „einfach mal wieder fröhlich“ zu sein. Für mich bedeutet ein Andocken an diese Melancholie jedoch ein zur Ruhe kommen, nachdenken. Hier ist mein kreativer Pool. Ich könnte hier nicht sitzen und diesen Text schreiben wäre ich total energetisiert. So funktioniere ich nicht.
Ich muss nicht in die nächste Depression gleiten, nur weil ich Kontakt zu meinen dunklen Gefühlen herstelle. Depressionen sind scheiße. Da ist auch nicht mehr viel mit Kreativität und Schreiben. Eher Notprogramm. Überleben. Nichts aus dem ich so ohne weiteres wieder herauskomme. Aber zwischen Depression und lachend über die Blumenwiese hopsen liegt ein sehr weites Feld. Was ist so abwegig daran, dass auch dunkle Gefühle positive Assoziationen hervorrufen können?
Wenn Künstler*innen wie Emma Ruth Rundle oder Anathema auf diese rohe poetische Weise von den Unvollkommenheiten des Lebens singen: Von Wut, Trauer, Hoffnungslosigkeit, Nicht-Verstanden-Werden, diesem inneren Schreien („Silence is Raging“ – Anathema in „The Beginning and the End“), Ausbrechen wollen, Schmerz, … – gekleidet in Poesie und Klänge, die das Gefühl einfach auf den Punkt bringen. Ja, wenn ich diese Musik höre, dann trägt sie mich davon. Dann fühlt sich das an wie nach Hause zu kommen, weil ich mich so verstanden fühle. Auch wenn ich gerade glücklich und zufrieden und mit mir in Reinen bin, so war und ist das Erleben dieser Gefühlswelt lange Zeit ein so prägendes und einschneidendes Ereignis in meinem Leben, dass diese Emotionen zwangsläufig einen großen Resonanzraum in mir haben. Das alles wegzuschieben, weil die Zeit so dunkel und traurig war, dass ich mich an Besten gar nicht mehr daran erinnere, vielleicht sogar davon distanziere, wäre als würde ich einen signifikaten Teil meiner Selbst verleugnen. In allem was ich tue und denke und fühle bin ich geprägt von diesem Erleben. Die Verzweiflung und Aussichtslosigkeit meiner Depression wird immer meine Bezugsgröße für die Bewertung weiterer negativer Ereignisse in meinem Leben sein. Und ganz ehrlich, das stattet mich mit einer gewissen Unerschütterlichkeit aus. Verdammt, ich lebe noch! Ich bin da durch gekommen. Eine enttäuschte Liebe oder einen Job nicht zu kriegen verliert auf dieser Skala signifikant an Bedeutung.
Im Englischen wird häufig der Begriff „survivor“ benutzt für Menschen, die schwere mentale Krisen durchlebt haben. Und eben überlebt haben. Maria Brink singt in „The Fighter“ „I’m a survivor, I am a fighter“ und beschreibt damit relativ präzise auch mein Selbstverständnis. Niemand sucht sich das aus seine Seele bis ins Mark erschüttern zu lassen und mühsam Schritt für Schritt die Scherben wieder zusammenzukleben. Aber es prägt. Egal, wie ich entscheide damit umzugehen. Ob ich mich für Verdrängung oder Akzeptanz entscheide, es wird einen Einfluss auf mein aktuelles Denken haben auch wenn ich genesen bin. Dafür ist die Erfahrung viel zu einschneidend. Also spreche ich darüber. Und gehe immer wieder an diesen vertrauten Ort und schöpfe Kraft daraus. Verbinde mich mit Menschen, denen ich das alles nicht erklären muss. Die auch dort waren oder sind. Die verstehen. Das muss für Außenstehende keinen Sinn ergeben. Aber abwerten solltet ihr es auch nicht.
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