Triggerwarnung: Im folgenden Text behandle ich Themen wie Depressionen, selbstverletzendes Verhalten und verzerrte Körperbilder. Für einige Leser*innen kann dies verstörend oder retraumatisierend sein. Ich empfehle in diesem Falle eigenverantwortlich nicht weiter zu lesen.

Wenn du selbst in einer Krise steckst, hol dir bitte Hilfe. Die Telefonseelsorge unter 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222 ist rund um die Uhr kostenfrei erreichbar.

Die Aussage „geh doch einfach ne Runde joggen, dann geht es dir besser,“ ist so ziemlich das beknackteste was man einem depressiven Menschen sagen kann. Ja, sportliche Betätigung setzt nachweislich Hormone im Körper frei, die das Wohlbefinden stärken. Ein Mensch, der in einer so starken Depression steckt, dass selbst der Akt des Aufstehens einen langen inneren Kampf erfordert, wird sich mit Sicherheit nicht mal eben zum Joggen aufraffen. Eher erhöht eine solche Aussage noch den Druck und gibt Betroffenen das Gefühl selbst Schuld an ihrer Situation zu sein. Sie müssten ja einfach nur ein bisschen Sport machen, wo ist das Problem? Wenn ich ganz unten bin, geht es nicht. Aus. Und ich grabe mich eher noch tiefer ein, wenn ich mich selbst zerfleische darüber, dass ich es nicht schaffe, mich aufzuraffen. Es ist dann eher angebracht, dass ich sehr, sehr gütig zu mir bin und mich selbst schon für Kleinigkeiten lobe. Wenn ich sehr wenig Energie habe, dann ist vielleicht Anziehen schon eine echte Leistung.

Dies voraus geschickt, muss ich sagen, ich bin und war in all den Jahren nur sehr selten gütig zu mir. Bzw. ich musste erst lernen, mir selbst zu verzeihen, mein mitunter (zu) niedriges Energielevel zu respektieren und mich trotzdem selbst anzunehmen und zu akzeptieren.

Sport hat sich tatsächlich für mich stets durchgezogen, selbst durch meine dunkelsten Phasen. Ich litt schon früh, schon zu Schulzeiten, unter permanenten Rücken- und Kopfschmerzen, so dass ich mit 18 Jahren mit Krafttraining begann. Reines Krafftraining mit Maschinen, sehr unaufgeregt, zwei bis drei Mal die Woche. Es half gegen die Schmerzen und brachte mich mit dem Gefühl in Kontakt, das temporär stark beanspruchte Muskeln ausstrahlen. Ein Gefühl von positiver Erschöpfung, pulsierender Müdigkeit, Wärme und Stolz, es gemacht zu haben. Mit der Regelmäßigkeit des Trainings sah ich Fortschritte. Übungen fielen mir leichter und mein Körper trug sich selbst besser. Ich ging viel selbstverständlicher aufrechter als zuvor, weil mein trainierter Rücken mich stabiler stützte.

Gleichzeitig veränderte sich mein Körper mit der Zeit sichtlich. Muskeln zeichneten sich ab. Nicht übermäßig aber bemerkbar. Und… ich nahm zu. Muskeln wiegen mehr als Fett. Das weiß meine Ratio auch, doch mein krankes Hirn stürzte es in eine tiefe Krise. Ich knackte die magische 60-kg-Marke und wurde noch zwanghafter in meinem Essverhalten. Ich begann aufzuschreiben, was ich gegessen hatte und wie viel. Zu viel oder zu fett gegessen zu haben, erschien mir als Disziplinverlust. Dafür galt es mich zusätzlich zu strafen. Paradoxerweise war ich aber zu der Zeit bereits mit Leidenschaft dem Kochen verfallen. Eine Zeit lang nutzte ich ein Küchenmesser, um eine hauchfeine Strichliste auf meinem Handgelenk zu führen für jedes „unerlaubte“ Teil, das ich genascht hatte. Es half alles nichts. Aß ich tatsächlich nichts oder nur sehr wenig, klappte mein Kreislauf derart zusammen, dass ich auch zu sonst nichts mehr in der Lage war. Mir wurde regelmäßig schwarz vor Augen. Und dann musste selbst mein krankes Hirn einsehen, dass ich essen muss. Trotzdem war ich in einem permanenten Spannungsfeld dieses Thema betreffend.

Hinzu kam die Welt da draußen und ihre Einwertung eines muskulösen Körpers als „nicht weiblich“. Zwar war für mich dieses Weiblichkeitsding schon in der gesamten Pubertät schwierig und ernsthaft identifiziert habe ich mich nie damit, doch war und bin ich die allermeiste Zeit ein Mensch, der weiblich gelesen wird und an den dementsprechend schon fast zwangsläufig auch diese Standards angelegt werden. Mein Körper wird be- und entwertet. Und alles was nicht dem klassischen Schema entspricht wird mit hoher Wahrscheinlichkeit entwertet. Nicht von allen Menschen, aber von vielen. Das führte damals schon dazu, dass ich ganz trotzig erst recht mehr trainiert habe und mich erst recht burschikos kleidete. Allerdings resultierte dies in einer Zeit, als ich noch keine mich so akzeptierende und liebende Peergroup hatte in einer sehr großen Einsamkeit. Ich war nach außen immer die starke Persönlichkeit, die ihr Ding durchzieht und auf alles scheißt, aber tief drinnen war ich einfach nur sehr, sehr allein und wollte dringend in den Arm genommen werden.

Wie ist es heute?

Sport ist immer noch wichtig. Ich habe aktuell einen guten Mix aus Krafttraining und Yoga für mich gefunden. Damit reduziere ich die Schmerzen auf ein Minimum. Ich habe in den Jahren auch viel ausprobiert mit Gruppensport, Kampfsport, etc. Alles nett, aber am Ende lande ich doch wieder beim Krafttraining, weil das einfach auch geht, wenn ich keine Energie mehr für Menschen habe. Ich kapsele mich ab mit Musik auf den Ohren und ziehe stur mein Ding durch, erfreue mich an dem Gefühl von „körpermüde“ und kann danach höchstwahrscheinlich gut schlafen. Dadurch, dass ich diese Sportart über alle Höhen und Tiefen so konsequent durchgezogen habe, hat sich glaube ich auf einer sehr tiefen Ebene in meinem Hirn festgefahren, dass das gut für mich ist und ich kriege es relativ gut hin mich regelmäßig aufzuraffen. Meine Hauptantriebsfedern weiterhin zu trainieren sind mein Anspruch an mich selbst eine gewisse Fitness aufrecht zu erhalten (der Ehrgeiz auch einen vierten oder sechsten Stock zu erreichen ohne völlig fertig zu sein), die Reduzierung von Schmerz, der zwangsläufig zurückkehrt, sobald ich aufhöre gegenzusteuern und das Wissen wie gut ich mich fühlen werde, nachdem ich trainiert habe.

Was mein Gewicht betrifft, so habe ich seitdem ich bei meinen Eltern ausgezogen bin, keine Waage mehr angeschafft. Ich wiege mich ab und zu im Fitnessstudio und bei Ärzten, dann jedoch mit Kleidung, so dass ich nicht aufs Gramm genau weiß, wie viel ich nun wiege. Ich vermute, ich wiege aktuell so um die 65 kg bei 170 cm Körpergröße und würde einmal behaupten, das ist für eine 35-jährige Frau schon ganz in Ordnung.

Photo by Ambitious Creative Co. – Rick Barrett on Unsplash

Hinterlasse einen Kommentar