Triggerwarnung: Im folgenden Text behandle ich Themen wie Depressionen, selbstverletzendes Verhalten und verzerrte Körperbilder. Für einige Leser*innen kann dies verstörend oder retraumatisierend sein. Ich empfehle in diesem Falle eigenverantwortlich nicht weiter zu lesen.
Wenn du selbst in einer Krise steckst, hol dir bitte Hilfe. Die Telefonseelsorge unter 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222 ist rund um die Uhr kostenfrei erreichbar.
Der Text stammt von Februar 2014. Ich stand unter enormem Stress und führte zusätzlich noch eine Beziehung, deren Charakter mich destabilisierte. Wenn ich irgendetwas aus dieser Zeit gelernt habe, dann dass ich Menschen um mich brauche, die mich in meinem Selbst annehmen und bestätigen und mir eine sinnvolle Rückkopplung zur Realität geben. Aber darauf gehe ich nach dem Text noch genauer ein.
In der S-Bahn. Band: Dark Tranquillity – Album: Character; melancholisch, aggressiv und wütend zugleich. Der Soundtrack meines Lebens. Ich lese einen Satz, werfe den ersten Dominostein um, löse die Kettenreaktion aus. Deutlich spüre ich das Pulsieren meiner Halsschlagader. Meine Atemfrequenz beschleunigt sich. In immer kürzeren Abständen hole ich tief Luft und habe doch das Gefühl beinahe zu ersticken. Der Kloß in meinem Hals wird größer und macht jeden Atemzug zur Tortur. Kurz fokussiert sich mein ganzer Wille darauf deswegen nicht in Panik auszubrechen und einfach ruhig und gleichmäßig weiterzuatmen, auch wenn es weh tut. Und schon werden meine Gedanken wieder mitgerissen in dem schneller werdenden Strudel, den der Trigger erzeugt. Wie Geysire lässt er meine Ängste an die Oberfläche schießen und will gleichzeitig all meine Fundamente zerstören. Eiskalte Finger streichen mir diagonal von oben nach unten über den Rücken. Das Gefühl ist so real, dass ich mich mit einer Gänsehaut gerader aufsetze. Schweiß bricht auf meiner Stirn und Oberlippe aus. Ich blicke mich vorsichtig um, fühle mich von jedem in der Bahn angestarrt. Sieht man mir meinen Zustand an? Ich bekämpfe die Tränen, die mir in die Augen schießen wollen. Das Gefühl wegen meiner Verfassung angestarrt zu werden, intensiviert sich. Ich schließe für einen Moment die Lider, mache mir bewusst, wo ich bin, sammle meine Kraftreserven und versuche meinem Unterbewusstsein zu erklären, dass ein körperlicher und geistiger Zusammenbruch in diesem Augenblick höchst unangebracht ist. Langsam kämpfe ich mich wieder an die Oberfläche. Noch kann ich mich nicht um den Trigger kümmern. Priorität hat zunächst, die Kontrolle über meinen Körper wieder zu erlangen. Gott sei Dank bin ich ein enorm stolzer Mensch und dieser Stolz verhindert mit aller Macht, dass ich in der Öffentlichkeit mein Gesicht verliere. Schritt für Schritt kämpft er zunächst die Tränen nieder und normalisiert danach meine Atmung. Muskel für Muskel verwandelt sich meine Mimik wieder in eine Maske aus Arroganz und Herablassung. Eine Aura der Coolness umgibt mich. Ich blicke mich noch einmal um, schaue den wenigen Mitreisenden um mich herum einzeln ins Gesicht, ohne zu lächeln oder mit der Wimper zu zucken. Als wollte ich ihnen beweisen, dass das was sie glaubten die letzten paar Minuten an mir wahr genommen zu haben, nur eine Illusion war. Wahrscheinlich interessieren sich die Leute um mich herum weder für meinen kurz offensichtlich gewordenen Meltdown, noch für meine zurückgewonnene Maske der Selbstsicherheit. Doch insbesondere für das Wiedererlangen der Kontrolle ist es enorm wichtig, dass ich meine Wahrnehmung darin noch bestärke, dass meine Umgebung registriert, was mit mir los ist. Nur dann kann mein Stolz stark genug werden, die Fassade wieder aufzubauen. Und die Fassade ist der erste Schritt, um auch mein Innenleben zu beruhigen. Ich gehe einen Umweg nach Hause, um mich durch die Bewegung weiter zu beruhigen, die Gefahr zu minimieren, dass meine Ängste in der Sicherheit meiner eigenen vier Wände wieder die Oberhand gewinnen. Es gelingt mir für heute Abend. Auch wenn die Nacht unruhig zu werden verspricht. Bis zum nächsten Mal!
Zunächst, wenn ich es hier schon direkt am Anfang meines Textes erwähne:
Was ist überhaupt ein Trigger?
Lt. Stangl handelt es sich um einen
Begriff für Ereignisse, die eine Reaktion hervorrufen, ohne dabei genau zu wissen, woher dieses Ereignis herrührt.
Stangl, 2021
Trigger können ganz unterschiedlicher Natur sein. Gerüche, Geräusche, Musik, Gefühle, etc. Sofern hier unterbewusst eine Verknüpfung zum traumatisierenden Ereignis herstellt werden kann, löst das eine Reaktion aus, die weniger mit der aktuellen Situation und mehr mit dem traumatischen Ereignis zusammen hängt. Dementsprechend irrational kann dieses ausgelöste Verhalten dann auf die Außenwelt wirken. Auch für Betroffene selbst ist oft nicht nachvollziehbar, was gerade passiert und worin genau die Ursache liegt.
Mich begleiten Trigger bis heute und sie werden es vermutlich auch in Zukunft tun. In erster Linie (über)reagiere ich auf Gefühle, bei denen es mir in der Folge schwer fällt sie richtig einzuordnen. Gleichzeitig habe ich Schwierigkeiten abzugrenzen, ob eine Reaktion auch nach allgemeinen Standards berechtigt ist, oder ob es sich um eine Triggerreaktion handelt. Eben weil ich weiß, dass ich zu Triggerreaktionen neige, hinterfrage ich mein Verhalten unter diesem Gesichtspunkt mitunter überkritisch.
Beispielsweise habe ich nicht gelernt, Grenzen setzen zu dürfen und die Erfahrung gemacht, dass meine Wahrnehmung immer wieder devaluiert wurde. Dies hat mich viele Jahre lang destabilisiert und lässt sich ganz gut mit dem Begriff „Gaslighting“ beschreiben. Durch diese Form der Manipulation habe ich verlernt auf meine eigenen Emotionen und Warnsignale zu hören. Erst durch ein Netzwerk von Freunden, die unabhänig voneinander und wiederholt meine Wahrnehmung des manipulativen Verhaltens bestätigt haben, lerne ich allmählich meiner Intuition wieder zu vertrauen. Ironischerweise ist meine Intuition wie bei den meisten Borderlinern besonders stark ausgeprägt. Ich nehme feine Nuancen der zwischenmenschlichen Interaktion wahr und treffe mit meinen Rückschlüssen aus diesen Beobachtungen in den meisten Fällen ins Schwarze. Eine der Stärken dieser Persönlichkeitsstörung. Eine Stärke die ich allerdings erst lernen musste als solche zu erkennen und nutzen zu wissen, weil mir jahrelang eingeredet würde, ich bilde mir alles nur ein und sei ja ohnehin ganz offenkundig verrückt.
Wie gehe ich also heute mit Triggern um?
- Ich habe ein Netzwerk aus vertrauten Menschen, die mir ehrliche Rückmeldungen geben. Mit ihnen kann ich Erlebnisse, Gefühle und Gedanken durchsprechen und erhalte von ihnen eine weitere Spiegelung. Natürlich sind meine Erzählungen zwangsläufig durch meine eigene Wahrnehmung eingefärbt. Dennoch hilft das darüber Sprechen, das von allen Seiten Betrachten und die Rückfragen durch meine Gesprächspartner*innen das Erlebte und Gefühlte in der Realität zu verorten.
- Mich von toxischen Menschen fern halten. Das ist eine sehr krasse Formulierung und bewusst überspitzt. Natürlich sind Menschen nicht per se toxisch. Das weiß ich auch. Einige Verhaltensweisen triggern mich allerdings in einem solchen Maße, dass mir die Gegenwart dieser Menschen einfach nicht guttut. Es kostet mich unverhältnismäßig viel Energie meine innere Ruhe angesichts des Bombardements mit Triggern zu erhalten und selbst wenn dieser Mensch nichts dafür kann, dass er diese Reaktionen bei mir auslöst, muss ich mich selbst schützen und fern halten.
- Emotionale Distanz herstellen. Nicht immer kann ich mich triggernde Menschen komplett aus meinem Leben schneiden. Aber dann kann ich zumindest versuchen so viel Distanz wie möglich zwischen uns zu bringen. Und sei es nur auf emotionaler Ebene. Eine professionelle Beziehung funktioniert in aller Regel besser als der Versuch eine enge Freundschaft auf den nötigen Abstand zu bringen. Das heißt in der Konsequenz dann aber auch: Eine enge Freundschaft ist mit diesen Menschen für mich nicht möglich.
- Mir selbst die Zeit einräumen, das Erlebte zu verarbeiten. Wenn ich von einer solchen Wand an Emotion erschlagen werde, ist es vollkommen in Ordnung, dass ich Zeit brauche, mich wieder zu sortieren. Ich darf mich damit beschäftigen, Texte dazu schreiben, mit erwähnten vertrauten Menschen darüber sprechen und Fachliteratur zum Thema lesen. Ich erlaube mir, dass ich damit meine Zeit verbringe und betrachte dies nicht als Verschwendung. Ich nehme mir diese Zeit sehr bewusst und beschäftige mich mit meinem Innenleben, statt es wegzudrücken.
- Akzeptanz. Meine Trigger gehören zu mir. Ich kann nichts dafür, dass sie da sind. Ich kann sie auch nicht komplett ignorieren. Ich kann sie nur als Teil von mir annehmen und lernen mit ihnen umzugehen. Je gelassener ich diesbezüglich bin, desto weniger Macht haben sie über mich.
Panikattacken wie im Text beschrieben, hatte ich schon eine lange Zeit nicht mehr. Aber ja, es kommt vor, dass mich meine Emotionen überrennen und ich den Rand des altbekannten Sogs spüre. Vielleicht weine ich dann. Aber das ist in Ordnung. Das ist ein Teil von mir. Darüber zu reden und zu schreiben, hilft ungemein.
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