Triggerwarnung: Im folgenden Text behandle ich meine persönliche Empfindung eines Nervenzusammenbruchs. Auch Erfahrungen mit Depressionen und Selbstverletzung werden gestreift. Für einige Leser*innen kann dies verstörend oder retraumatisierend sein. Ich empfehle in diesem Falle eigenverantwortlich nicht weiter zu lesen.

Wenn du selbst in einer Krise steckst, hol dir bitte Hilfe. Die Telefonseelsorge unter 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222 ist rund um die Uhr kostenfrei erreichbar.

Dieser Text stammt von 2014. Zeitgleich entstand auch die Fotoserie. Ich war am Ende meines Studiums und hoffnungslos überfordert damit gleichzeitig meine Amok laufende Psyche unter Kontrolle zu bringen und für meine Prüfungen zu lernen.


Assoziationen.
Halluzinationen?
Erkenne Dinge erst auf den zweiten Blick.
Objekte verschwimmen.
Heiß! Kalt!
Kalter Schweiß.
Keine Luft!
Konzentration auf die Atmung.
Mein Herz rast.
Pochende Brust.
Haare fallen ins Waschbecken.
Es muss alles runter.
Gründliche Arbeit.
Meine Hände zittern immer noch.
Nicht das Gleiche.
Gedämpfte Wirkung.
Bekannte Zustände.
Neue Wege.
Nicht in alte Muster zurückfallen.
Blut ist keine Lösung.
Zu stolz.
Alles gedämpft.
Wie in Watte.
Kopf unter Wasser.
Muss auftauchen.
Ringe nach Luft.
Gänsehaut.
So kalt!
Zusammenrollen.
Nicht-sein.
Will weg.
Kann nicht aufstehen.
Wie gelähmt.
Text.
Muss lesen.
Muss speichern.
Tanzende Buchstaben.
Fokus!
Alles verschwimmt.
Tränen?
Nein, zu stolz.
„Supergirls don’t cry.“
Immer noch keine Luft.
Falsche Playlist.
Muss Musik wechseln.
Muss lernen.
Muss einkaufen gehen.
Bewege mich aber nicht.
Einfach warten bis es vorbei ist.
Aufgeben ist keine Option.
Skills?
Lächerlich!
Mütterliche Versuche von Substitution. 
Als würde sich ein Heroinsüchtiger mit Marihuana zufrieden geben.
Gehe da trotzdem nicht zurück.
Ich darf auf den Haushalt scheißen.
Es ist okay.
Aber einkaufen wäre gut.
Text ist auch wichtig.
Training?
Dafür braucht mein Kreislauf Nahrung.
Aber essen geht gerade nicht.
Das ist auch in Ordnung.
Vielleicht heute Abend.
Alles gut.
Ich muss nicht essen.
Ich erlaube mir, nicht zu essen.
Einatmen. Ausatmen.
Ganz langsam.
Noch eine Decke.
Es ist okay.
Noch zwei Songs, dann stehe ich auf.
Wärmere Kleidung.
Einfach noch eine Schicht.
Es ist alles in Ordnung.
Ich werde mich besser fühlen, wenn ich es geschafft habe, raus zu gehen.
Die Zeit übt Druck aus.
Nur zum Bioladen.
Keine Drogerie.
Nein, Drogerie wäre nicht gut.
Nur Milch holen.
Ich muss nichts essen.
Aber Kaffee morgen früh ist wichtig.
Morgen ist wieder alles in Ordnung.
Dann kann ich auch in die StaBi.
Ich stehe gleich auf…
frau mit glatze, hand vor dem gesicht nur ein auge frei
see no evil
frau mit glatze hand vor dem mund blick in kamera
speak no evil
frau mit glatze, beide hände über den ohren, blick in die kamera
hear no evil

Ich habe mir meine Haare später noch einmal abrasiert zu einer Zeit als es mir gut ging, um für mich selbst zu validieren, dass ich mich tatsächlich wohl fühle mit Glatze und dies nicht nur als Mittel zu nutzen verstehe meiner schreienden Seele Ausdruck zu verleihen. Und ja, ich mag mich tatsächlich ohne Haare. Es passt zu mir.

Der Text zeigt meinen Kampf die etablierten Mechnismen mit einem solchen Gefühlsausbruch umzugehen, nämlich mich selbst zu verletzen, nicht anzuwenden. Weil ich mir selbst versprochen hatte mir keine weiteren Narben zuzufügen, sondern nach alternativen Wegen zu suchen. Ich versuche mir Leitplanken zu setzen, wieviel ich mir dennoch erlaube zu tun oder nicht zu tun. Also keine Selbstverletzung und dementsprechend auch die Trigger vermeiden, die mich dennoch dazu bringen könnten den Weg einzuschlagen, wie zum Beispiel in der Drogerie der Verfügbarkeit von Rasierklingen ausgesetzt zu sein. Gleichzeitig erlaube ich mir aber die Nahrungsverweigerung – ein starkes disziplinarisches Mittel, von dem ich weiß, ich halte es nicht lange genug durch dass es kritisch wird für mich. Früher oder später esse ich und ich esse auch ausreichend. Schon allein weil sonst mein anderes Gegenmittel, intensives Krafttraining, nicht mehr funktioniert.

Skills sind übrigens ein Begriff aus der Therapie. Hier wird Borderline Patienten empfohlen andere körperliche Reize zu setzen, die weniger nachhaltig Schaden anrichten als Selbstverletzung. In etwas sehr Scharfes beißen zum Beispiel oder mit einem Gummi am Handgelenk schnipsen. Ich habe diese Techniken meist als sehr frustrierend wahrgenommen.

Und zum Thema Musik – Anathema is always the answer…

Anathema – The Beginning And The End
Avatar von Silke

Published by

Hinterlasse einen Kommentar