Jedes Jahr frage ich mich: Warum mache ich das eigentlich? Dreck, Hitze, besoffene Menschen, rülpsende Menschen, kotzende Menschen – Menschen…

Hotel in Hradek Králové

Dieses Jahr habe ich zumindest den Faktor „Camping“ (ich erinnere an die vollgeschissene Dusche im letzten Jahr), der immer noch erheblich mein Wohlbefinden gemindert hat, herausgekürzt. Ich habe ein gemütliches Einzelzimmer im Städtchen Hradek Králové.

Hradec Králové - Marktplatz

Das Zimmer unter dem Dach ist zwar ähnlich überhitzt, wie ein Zelt, verfügt jedoch über die einen Ventilator und eigenes Bad. Ich kann also so viel duschen wie ich will und muss morgens an keinem müffelnden Dixi anstehen. Das verbessert die Gesamtsituation schon enorm.

Am Dienstag habe ich mir nach achteinhalb Stunden Zugfahrt fancy Essen im versteckt gelegenen Šatlava gegönnt. Den Tipp hatte ich von der Rezeptionistin des České koruny, meinem kleinen Hotel, dessen altes Gewölbe im Treppenhaus mich auch mit Hitze ohne Klimaanlage versöhnen konnte.

Dekadent essen im Šatlava

Ich speiste ganz vorzüglich für knapp 15,- €. Verzicht auf Fleisch und Alkohol zahlte sich in dem Fall aus.

Wie nun zum Festival kommen?

Nach einer unruhigen, weil zu warmen Nacht, stellte ich mich darauf ein gegen Mittag in Richtung Burg Josefov aufzubrechen, um rechtzeitig um 14:30 Uhr zu einer meiner favorisierten Bands auf dem Gelände zu sein. Ich hatte keine Ahnung wie lange ich unterwegs sein würde oder wie lang die Schlangen beim Tickettausch sein würden.

Das Hotel und die ganze Stadt ist von Besuchern des 20 km entfernten Festivals bevölkert. Aber leider konnte mir niemand so recht weiterhelfen bei meiner Frage wo und wann der angeblich existierende Shuttle abfahren sollte. Irgendwie musste ich ja aufs Festival kommen und ein Taxi zu nehmen sah ich definitiv als letzte Option.

Letzten Endes quälte ich mich trotz 35 °C in meine Kluft, ja, inklusive der massiven Springerstiefel – es war Gewitter angekündigt und als Festivalveteran weiß ich: lieber schwitzen als nasse Füße – und lief einmal quer durch die Stadt zum Bahnhof. Hier befanden sich auch zwei der offiziellen Brutal Assault Hotels, charmante Ostblock-Beton-Klötze, die mich mein kleines Gewölbehotel nochmal mehr wert schätzen ließen. Ich hoffte, hier die Lösung für mein Transportproblem zu erhalten.

Lasset die Spiele beginnen

Ich musste mich durchfragen und stieß letztendlich zufällig auf die Shuttlebus Station, weil ich einfach die nächste Gruppe schwarz gekleideter ansteuerte, um nach dem Weg zu fragen. Der Bus fuhr dann doch nicht und wir wurden gebeten den nächsten Zug zu nehmen. Dieser endete dann jedoch außerplanmäßig schon vor Jaromer und wir wurden in mehrere windige, uralte Busse verfrachtet. Ich überlebte und fand nach kurzen Orientierungsschwierigkeiten auch den mir aus den Vorjahren wohlbekannten Eingang zur Festung und damit zum Festival.

Hier lief dann alles wie am Schnürchen: Keine Schlange beim Tickettausch, mein zuvor mit dem Ticket verknüpftes Guthaben – das Festival ist cashless, Bezahlung auf dem Gelände ist nur über den RFID-Chip am Bändchen möglich – war erfolgreich auch auf dem Chip meines eben aktivierten Bändchens verfügbar, ich ergatterte noch ein Schließfach am Eingang, das mir bis Samstag gute Dienste erweisen würde und war früh genug auf dem Gelände, um mir noch etwas zu essen zu holen, bevor Obscure Sphinx die Bühne betreten sollten.

Ich weiß wieder, warum ich mir das antue

Die Sonne brennt erbarmungslos runter, alles drängt sich in den Schatten der Burgmauern oder verschwindet gleich in ihr kühles Inneres, aber wer vor der Bühne steht, für den gibt es kein Entkommen. Mir läuft der Schweiß in die Stiefel und ich hoffe nur die Sonnencreme hält, die einen Film auf meiner Haut gebildet hat, der sich allmählich um Staubpartikel anreichert. Auch meine Stiefel verfärben sich gleichmäßig dunkelbraun. Ich freue mich jetzt schon auf die Dusche.

Aber…

  • Der Kaffeestand des Silent Cafés ist wieder da, einer Initiative für Gehörlose. Der Kaffee ist ganz ausgezeichnet und man bekommt ihn auf Anfrage in Porzellan statt Pappe.
  • Ich habe das Gefühl, die vegetarischen und veganen Optionen sind nochmal mehr geworden, dabei hatte ich in den letzten Jahren schon Schwierigkeiten mich durch alle Stände durchzufressen.
  • Sea Shepherd, Amnesty International und weitere gemeinnützige Organisationen sind mit Ständen vertreten.
  • Es gibt eine Bibliothek! (Neu seit diesem Jahr)
  • Das Gelände wurde um ein weiteres Stück Burghof erweitert, in dem man sich zurück ziehen und dem Trubel ein bisschen entkommen kann. Das Festival treibt mit freiwilligen Helfern die Instandhaltung und Restauration der Burganlage voran.
  • Konzerte in dem kleinen Burghof sind ein absolutes Highlight. Inzwischen gibt es hier drei pro Tag von ausgewählten Künstlern, denen das Setting gerecht wird.
  • Die Organisatoren treiben die Vermeidung von Einwegplastik an allen Stellen voran. Stattdessen gibt es an den meisten Ständen kompostierbare Teller und Holzbesteck.
  • Die Vielfalt der gebuchten Bands deckt eine angenehme Breite meines Musikgeschmacks ab, so dass mir selten langweilig wird. Vier Tage nur Black Metal wäre mir echt zu blöd. Die Mischung macht den Reiz.
  • Nach wie vor empfinde ich die Menge Menschen erträglich. Sie verlaufen sich ja auch ganz gut auf dem Gelände.
  • Es gibt zahlreiche Sitzgelegenheiten – auch im Schatten.
  • Das Einlasskonzept in Kombination mit cashless payment finde ich ziemlich cool. Insbesondere da ich mich beruflich jahrelang damit beschäftigt habe.
  • Ich sichere mir vorsichtshalber schonmal ein Zimmer für nächstes Jahr. Wenn ich diesen Shuttle noch ergründet habe, ist alles fein.
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