Tag 21 – Rückkehr auf’s Festland mit dem Eurostar
Nach einer durchwachsenen Nacht hatte ich so früh morgens zumindest keine Konkurrenz im Gemeinschaftsbad. So waren wir gut in der Zeit, als wir die Küche zum Frühstücken aufsuchten. Leider erwartete uns hier eine unangenehme Überraschung: Die Küche war komplett okkupiert für das vom Hostel angebotene Frühstück, wir durften den Herd nicht benutzen, Selbstversorgung war nicht vorgesehen. Das hatte uns im Vorfeld niemand gesagt und wir hatten fest eingeplant, unsere Vorräte zu verbrauchen. Auch wenn das angebotene Frühstück mit 2 £ extrem günstig angeboten wurde, fand ich das Vorgehen unglücklich. Außerdem schmeiße ich keine Lebensmittel weg, wenn es sich vermeiden lässt. Also zogen wir es durch, bereiteten den Porridge mühsam in der Mikrowelle zu und belegten uns wie geplant die verbleibenden Toasts mit Käse für die Fahrt.
Unterkoffeiniert (zumindest in meinem Fall), müde und genervt liefen wir das kurze Stück zum Bahnhof, wo schon sehr viele Menschen in Schlangenlinien an der Sicherheitskontrolle zum 9:22 Eurostar warteten. Da man aber anders als am Flughafen nicht auch noch sämtliche elektronischen Geräte für den Scan aus dem Gepäck rupfen musste, ging es verhältnismäßig schnell und im Wartebereich bekam ich auch endlich Kaffee in meinen Thermobecher gefüllt.
Am Bahnsteig machten wieder zahlreiche Menschen Fotos von sich oder sich gegenseitig vor dem Zug posierend mit der Beschriftung im Bild, versteht sich. Die dadurch entstehenden Menschentrauben erschwerten den Zustieg ein wenig. An Hand der beiden sich mit Sekt besaufenden Grazien eine Sitzreihe hinter uns lernten wir auch, dass natürlich Menschen zum Shoppen nach Paris fahren. Zitat: „It‘s definitely not a day dress!“ (Was auch immer ein day dress ist…)
Ich möchte außerdem kurz betonen, wie unfassbar froh ich bin, dass wir einen Tag vor dieser nebensächlichen Royal Marriage aus London flohen. Da haben Menschen gecampt für die besten Plätze für einen Blick auf das Brautpaar…
Binnen 2h 15min waren wir in Paris, Gare du Nord und damit auch wieder eine Stunde weiter in der Sommerzeit. Dort trotzten wir dem unübersichtlichen Ticketautomaten aber auch nur deshalb das richtige Tagesticket ab, weil ich mich aus meinen vergangenen Reisen nach Paris (im Januar war ich zuletzt dort gewesen) erinnerte, dass es so teuer nicht war und gleichzeitig auf meinem nun wieder funktionstüchtigen Smartphone Google bemühte.
Wir waren günstig im Campanile La Villette direkt an der Métro-Station Crimée untergekommen, konnten direkt unser Zimmer beziehen und uns aklimatisieren. Ich strengte eine längere Recherche nach Restaurants mit vegetarischen Optionen an, da dies in Frankreich erfahrungsgemäß tatsächlich nicht ganz unproblematisch ist. Und so legte sich unsere nachmittägliche Route durch Paris mehr am ausgewählten Lokal für den Abend fest.
Zunächst hofften wir, dass das Pancake Café, das ich von meinem Aufenthalt im Januar noch positiv in Erinnerung hatte, geöffnet hatte und erkundeten im Zuge dessen das Hipsterviertel am Place de la République. Hier gibt es Galerien, Co-Working Spaces wie das Anticafé und Pancakes – sie hatten offen.
Wir rannten außerdem zufällig in eine Demonstration die auf den Genozid der Tamil in Sri Lanka aufmerksam machte, was ich hier nicht ganz unerwähnt lassen möchte, da sie mich immerhin zum recherchieren animiert hat. Die Demonstranten wirkten äußerlich, als gehörten sie alle selbst dieser Volksgruppe an. Aktuelle Informationen dazu hat Human Rights Watch hier und hier, einen Überblick im Report von Amnesty International. Einen kurzen Artikel zur Reaktion der UN und eine Folge der Serie 101 East hat Al Jazeera dazu.
Mit einem Umweg vorbei an La Gaîté Lyrique, wo ich im Januar ein großartiges Konzert von Amenra genießen durfte, suchten wir die nächste Métro Station auf und fuhren in den Pariser Süden, genauer, in den 17. Arrondissement, wo wir später bei La Bonne Heure essen wollten. Etwas außerhalb wie erwartet angenehm un-touristisch, fanden wir direkt hinter dem Restaurant eine eingewachsene kleine Gasse, in der eine buschige rot-getiegerte Katze Streicheleinheiten einforderte.
Typisch Deutsch fielen wir unmittelbar nach Öffnung des kleinen Lokals um kurz nach sieben als die ersten Gäste ein und ergatterten damit einen der letzten unreservierten Tische. Wir versuchten es gar nicht erst mit Englisch und kratzten beide unsere Brocken Schulfranzösisch zusammen, um mit dem mürrischen, alten Kellner (der Besitzer?) zu interagieren. Ich fragte vorsichtig nach dem „salle de bain“, wurde korrgiert, ob ich „toilettes“ meine und daraufhin ohne Umschweife durch die Küche, an den Kühlschränken und Vorratsregalen vorbei zum Klo geführt. Wir bestellten dann erfolgreich Essen, das absolut köstlich war und beendeten die Orgie mit Fondant bzw. Mousse au chocolat. Gott in Frankreich eben.

Auch abends um neun brachte uns die Métro noch im 5-Minuten-Takt zurück ins Hotel.
Tag 22 – langsamer letzter Tag in Paris und Rückkehr nach Deutschland
Ich mag Frankreich! Unser Hotel ließ uns Zeit bis mittags für den Check-Out. Und zum Frühstück gab es Massen an frischen Croissants und Pain au Chocolat. So war ein angenehmer Start in unseren letzten Urlaubstag garantiert. Nur einmal verfielen wir kurz in Panik, als wir die Meldung lasen, dass die französische Bahn an diesem Wochenende bestreikt wird. Aber Entwarnung, unsere Reservierung galt glücklicherweise für einen ICE, der planmäßig sieben Minuten später als auf unserem Reservierungsbeleg angegeben, fahren würde. (Auch ICEs sind in Frankreich reservierungspflichtig.)

Wieder ließen wir uns von der Restaurantwahl in ein Stadtviertel leiten, dieses Mal zum Père Lachaise Friedhof. Jim Morrison liegt hier begraben, was wir geflissentlich ignorierten und uns stattdessen etwas abseits im Schatten der zuvor gekauften Schale herrlich duftender Erdbeeren zuwandten. Schließlich verließen wir den Friedhof am anderen Ende für vegetarisches marokkanisches Couscous zu erschwinglichen Preisen. Es tat mir ja schon ein wenig Leid, mich während Ramadan mitten am Tag mit diesen Köstlichkeiten bekochen zu lassen. Trotzdem war der Wirt sehr freundlich – er war wohl schon abgehärtet. Für‘s Fasten bin ich echt nicht geschaffen. 😉
Und dann mussten wir auch schon zum Gare de l‘Est, den Oettinger ja so schön polemisch mit dem Ende der Welt gleich gesetzt hat in seiner verzweifelten Rechtfertigung für Stuttgart 21.
Im Zug neben uns: Nörgelnde, bayerische, ältere Damen – was hatte ich sie vermisst! Aber er fuhr pünktlich und mit Musik konnte man auch die Tanten ausblenden. Der ICE lief zur Höchstform auf auf der französischen Hochgeschwindigkeitstrasse. Was doch so alles möglich ist, wenn nur die Infrastruktur vorhanden ist…
In Karlsruhe stiegen gröhlende Dudes mit Bierfass unterm Arm zu und wir befürchteten das Schlimmste, als sie in Mannheim mit uns den Zug auch wieder verließen. Lass es keinen Junggesellenabschied auf dem Weg nach München sein! Aber wir hatten Glück, die Herrschaften feierten am Nachbargleis weiter, wir stiegen in unseren relativ leeren ICE nach München und konnten ein komplettes Abteil für uns ergattern, in dem wir die gesamte Strecke über unbehelligt blieben. Höchst angenehmer Abschluss der Reise.
Und um das Abschlussessen nicht auszulassen: Was kriegt man nachts um halb elf in Haidhausen? Richtig, (vegetarische) Burger und Pommes. Total angebracht nach drei Wochen UK, oder?
Meine letzte Etappe nach Hause stand am nächsten Tag noch an: Ganz entspannt am Pfingstsonntag zurück nach Hamburg und dann deutlich weniger entspannt Milch kaufen beim EDEKA am Hauptbahnhof. Aber ich habe alles überstanden und bin wieder in den eigenen vier Wänden. Auch mal wieder schön nach drei Wochen. 🙂


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