Tag 19: Fahrt nach Salisbury

Unsere Gastgeberin arbeitete in Penzance und war so freundlich uns zum Bahnhof mitzunehmen, was uns viel Zeit und Schlepperei ersparte. So blieb mir Zeit im getesteten Quirky Bird noch einen Kaffee im mitgebrachten Thermobecher zu besorgen, wie ich das tags zuvor auf dem Weg zum Eden Project auch schon getan hatte. Die Kellnerin erkannte mich schon beim Hineinkommen und begrüßte mich mit „Cappuccino? Double Shot?“ und nahm den ihr hingestreckten Becher entgegen. Ich war sehr erfreut.

Unsere heutige Etappe führte uns nach Salisbury, eine Strecke für die wir entspannte fünfeinhalb Stunden brauchten mit zwei Umstiegen. Wir waren in Cornwall halt doch eher am Ende der Welt angekommen. Aber ein sehr schönes Ende der Welt.

#instatravel
#instatravel

Am späten Nachmittag kamen wir in Salisbury an und schafften es so gerade pünktlich zur Abendandacht in die berühmte Kathedrale. Ja, richtig, zwei Atheisten besuchen freiwillig und gezielt eine anglikanische Messe. Wir hatten mitnichten zum Glauben gefunden, sondern folgten einem Tipp des Lonely Planets, sich Chor und Orgel nach Möglichkeit nicht entgehen zu lassen. Kirchen haben einfach oft den besten Sound…

Salisbury Cathedral
Salisbury Cathedral

Kulinarisch ließen wir es uns mal wieder gut gehen mit indischer Feinkost im Anokaa. Ungewöhnliche und kreative Gerichte, Jonas hatte zum Beispiel gebratene Erdbeeren in seinem würzigen Curry. Sehr empfehlenswert.

Tag 20: Stonehenge

Stonehenge. Wenn es schon auf dem Weg liegt, dachten wir uns, können wir es nicht einfach ignorieren. Ich war irgendwann als Kind einmal dort gewesen, Jonas noch gar nicht, also auf.

Ich hatte es verkackt, die günstigste Lösung zu wählen, die nämlich in der Tat darin bestanden hätte, bei der Hop on Hop Off Tour Fahrt und Eintritt zu 30 £ zu buchen. Stattdessen hatte ich das Ticket für Stonehenge bei der Verwaltung English Heritage direkt online gekauft, mit einem Slot passend zur Busverbindung. (Man bucht Zeitslots von 30 Minuten zum Einlass. Verbleiben darf man dann so lange man möchte.) Der Sightseeing Bus stellt die einzige öffentliche Verbindung zum Monument dar und kostet ohne Zutritte schon 15 £ pro Person. Im Gesamtpaket wären wir um 2,50 £ günstiger weg gekommen. My bad.

Hop On Hop Off
Hop On Hop Off

Unser Hotel bot kein Frühstück an, also testeten wir Pret a Manger direkt bei der Bushaltestelle. Es handelt sich um ein vollständig auf „to go“ ausgerichtetes Lokal, in dem man das Essen aus Kühl- oder Warmhalteregalen selbst herausnimmt, um dann seinen Korb an der Kasse zu bezahlen. Dementsprechend artete das Ganze in einem völligen Verpackungs- und Plastikwahnsinn aus. Wenigstens meinen mittelmäßigen Kaffee bekam ich in einer Porzellantasse. Besonders ironisch dabei: Der Claim der Kette geht in die Richtung Gesundheit und Nachhaltigkeit. Wie man das mit Verpackungsmüll und Wegwerfbesteck in Einklang bringt, finde ich spannend.

Essen war übrigens ok.

In unserem Touribus bekamen wir Einmal-Kopfhörer für den packenden Audiokommentar unterwegs. Irgendwie mussten sie die horrende Transportgebühr ja rechtfertigen. Automatisch nach GPS Punkten getriggerter Audiokommentar gerät dann an seine Grenzen, wenn so ein Bus verkehrsbedingt ein enges Karree abfährt. Dann spielt dieselbe Beschreibung nämlich mehrfach ab. Ich fühlte mich in meiner instinktiven Abneigung diesen Touren gegenüber bestätigt.

Die Rechtfertigung für meine 2,50 £ Deppensteuer, weil ich ja unbedingt Tickets einzeln buchen musste, erhielt ich bei der Ankunft in Stonehenge, wo alle all-inclusive Passagiere in einen Shuttle Bus verfrachtet wurden, der sie direkt zu den Steinen brachte (die Aufschrift lautete auch „To the Stones“). Wir hingegen mussten uns im Visitor Center erst unsere Tickets und das dazu gebuchte Guide Book (6 £ – hielten wir für sinnvoll) abholen, wo wir vor die Wahl gestellt wurden, den Fußweg zu nehmen oder den Shuttle mit den anderen. Das Wetter war mal wieder ein Traum, wir hatten uns mit Sonnencreme gerüstet – natürlich liefen wir! Die meisten nutzten tatsächlich den Bus, was uns eine friedliche Wanderung bescherte.

Vor dem Zugang zum Monument protestierten campende Hippies für den kostenlosen Zutritt und prangerten den „Rip off“ der English Heritage Verwaltung an. Es roch intensiv nach Gras.

Die Steine selbst wurden mittels abgesperrten Rundwegs, der im Uhrzeigersinn durchschritten werden sollte vor vandalischen Besuchern geschützt. (Leider notwendig, wie dieser junge Chinese zeigte)

Stonehenge
Stonehenge

Eine Tour zwischen den Steinen kann nur auf Anfrage und Anmeldung gebucht werden und ist auf 27 Personen pro Tour beschränkt. Plätze hierfür sind aktuell bis Dezember ausgebucht. Wir setzten uns an einer breiteren Stelle des abgesteckten Weges Rücken an Rücken für ein Picknick ins Gras und beobachteten die vorbeiziehenden Menschen, die sich fast ausnahmslos in verschiedenen Extremem der Selbstinszenierung widmeten. Eine kleine Hitliste:

  • Hochspring-Fotos vor den Steinen (setzt zweite Person voraus, die das Foto macht)
  • Selfie mit zuvor sorgsam zurechtgezuppelten Haaren – Achtung, Wind!
  • Gruppenfoto: 1, 2, 3, Cheeeeese!
  • Kurzvideos für Instagram o.ä. Eine Chinesin ließ sich mit einem speziellen auf das Smartphone montierten Objektiv von ihrer Begleiterin dabei filmen, wie sie anmutig durchs Gras tippelte und dabei der Kamera zugewandt mit den Wimpern klimperte, mit ihren Haaren spielte und kokett die Schulter anhob. Jonas‘ Kommentar daraufhin: „Das ist jetzt nicht wirklich passiert, oder?“
  • Einfach direkt alles filmen und mit Blick fixiert auf das im Selfiestick befestigte Smartphone durchpflügen.

Insbesondere von asiatischen Gruppen wurden auch wir beide als beliebtes Fotomotiv identifiziert – sehr zu unserem Missfallen. Ich bin es ja schon ein Stück weit gewohnt, Jonas konnte sich noch adäquat aufregen. Ich vergrub mein Gesicht einfach hinter dem großformatigen Guide Book, das wir zuvor gekauft hatten.

Für den Rückweg entschieden wir uns für einen anderen Pfad, der uns durch ein kleines Waldstück führte. Wir ließen weitere Fashion Victims hinter uns, die sich ganz ungekünstelt in der Blumenwiese liegend drapierten. Es herrschte reges Treiben unter dem Blätterdach. Zum Rauschen des Windes gesellten sich wild durcheinander tschirpende Vogelstimmen. Hie und da fiel die Sonne in bizarren Mustern auf den Waldboden.

Der Tourbus brachte uns ins Stadtzentrum zurück, vorbei an Old Sarum, der ursprünglichen Ansiedlung von Salisbury. Auf diesen Stop verzichteten wir jedoch, holten sogleich unser Gepäck und schafften es mit einem kurzen Sprint am Ende sogar noch in einen Zug früher als geplant Richtung London. Hier hatten wir uns in einem Hostel nahe King‘s Cross / St. Pancras eingemietet, wo wir am nächsten Morgen mal wieder einen Eurostar besteigen würden. Ich nutzte das stabile WiFi im Zug auf der zweistündigen Fahrt für die Auslotung der Nahrungsquellen in fußläufiger Entfernung mit adäquat leckerer und vegetarischer Auswahl. Auch in London mussten wir uns schließlich vor dem sicheren Hungertod bewahren. Die Wahl fiel auf Casa Tua, die mir online sogar anboten einen Tisch zu reservieren. Ich gab allerdings wenig darauf, da ich lediglich sofort nach Eingabe eine Eingangsbestätigung erhielt, aber keine Info, ob tatsächlich ein Tisch frei war.

Bevor wir uns einem erneuten Fressgelage hingaben, erleben wir aber Feueralarm im Hostel und zwar kurz nach Ankunft, als ich gerade dabei war mich umzuziehen. Ich stand da also etwas verdattert halb nackt und fragte mich, ob ich jetzt echt wieder in meine verschwitzten Klamotten zurück musste oder Zeit hatte, frische auszupacken. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Gebäude tatsächlich brannte, hielt ich für sehr gering. Im Übrigen hatten wir in Bristol schon einen Fehlalarm erlebt, ich vermute, ausgelöst durch Rauchen auf dem Zimmer, so dass ich die Sache eher lästig fand. Während ich noch diese Gedanken hatte, verstummte das ohrenbetäubende Piepen wieder. Kurz darauf folgte jedoch eine Durchsage, es habe einen „incident“ in der Küche gegeben und sie sei nun für die nächsten Stunden nicht mehr benutzbar. Als wir kurz darauf in frischer Kleidung das Zimmer verließen, war auf dem Gang und im Treppenhaus auch Rauchgeruch allgegenwärtig – vier Stockwerke über der Küche wohlgemerkt. Also wohl nicht ganz Fehlalarm.

Vor dem Essen schlenderten wir noch ein wenig durch die unmittelbare Nachbarschaft und blieben schließlich in einem Park hängen, in dem man eine Gruppe Großstädter beim Outdoor Yoga beobachten konnte und sich zahlreiche relativ zahme, niedliche Grauhörnchen tummelten.

Im Casa Tua wusste man natürlich nichts von meiner Reservierung, wir bekamen aber dennoch einen der letzten Plätze und gönnten uns authentische italienische Küche. Sogar der Service war authentisch chaotisch, aber herzlich. Während unseres Aufenthalts wurden wir abwechselnd von allen anwesenden Kellnern mindestens einmal bedient.

In der wieder geöffneten Küche des Hostels stank es immer noch ein wenig verkokelt, aber Spuren waren keine mehr zu sehen, als wir Milch, Käse und Butter für‘s Frühstück in den Kühlschrank räumten. Es versprach eine unruhige Nacht zu werden, da die meisten Gäste einen Donnerstag Abend in London und Nachtruhe für einen Widerspruch hielten.

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