Tag 16: Anreise
Schlaf wirkt wahre Wunder und ein ausgiebiges Frühstück in der morgens noch verlassenen, sonnendurchfluteten Gemeinschaftsküche ebenfalls. Auf der Straße konnten wir die Vorbereitungen für den offenbar bald beginnenden Charity Lauf beobachten. Damit erledigte sich auch unsere Überlegung eventuell einen Bus zum Bahnhof zu nehmen, da die halbe Innenstadt abgeriegelt zu sein schien. Von der Küche aus konnte man entspannt Leute gucken, die bereits mit Startnummern ausgestattet zum Sammelpunkt steuerten. Einige Teilnehmer traten verkleidet an, als Frucht, Biene Maja, Superheld oder – sehr schön – eine Gruppe als Riot Police. Alles natürlich unterlegt mit der obligatorischen Upbeat Gute-Laune-Musik und den Kommentaren eines Animateurs. Aber ausgeschlafen und mit einer Tasse Tee in der Hand, störte mich auch das nicht sonderlich.
Um zehn mussten wir auschecken und hatten damit ausreichend Puffer, um zum Bahnhof zu laufen. Der Puffer war gut, da wir eine ganze Zeit lang warten mussten, um die Marathonstrecke zu überqueren – der Lauf war nun bereits in vollem Gange.
Für die vierstündige Fahrt nach Penzance, Cornwall, gönnte ich mir das Times Magazine und kam in den Genuss, es in einem verhältnismäßig leeren Waggon in Ruhe lesen zu können. Unser Zug fuhr durch, mit Halt an so ziemlich jeder Milchkanne bis zur Endstation, Penzance. Wir fuhren nun bei schönstem Sonnenschein durch Südengland mit einer auf den ersten Blick völlig anderen Vegetation als noch in den Highlands. Schien der Frühling im Norden der Insel noch eher zögerlich Einzug zu halten, so stand hier alles in voller Blüte.
In Penzance hatten wir ein bisschen Zeit, bis einer der wenigen Busse bis Perranuthnoe fahren würde, wo wir für drei Nächte eine kleine Hütte gemietet hatten: Zur Ruhe kommen am Ende der Welt und natürlich am Meer. Wir nutzten die Zeit zum Einkaufen und ich bekam überraschend guten Kaffee im Quirky Bird Café.
Die Busfahrt wurde etwas abenteuerlich im Doppeldecker durch enge Dorfstraßen, in denen Gegenverkehr zur Herausforderung wurde. Wir waren außerdem nun in Gefilden gestrandet, in denen Bushaltestellen gar nicht mehr beschriftet werden und gelegentlich gänzlich auf eine Markierung verzichtet wird. Unser Halt „Perran Crossroads“ zum Beispiel, war auf einer Seite nicht ausgewiesen. Wer da wohnt, weiß eben, dass der Bus an der Kreuzung anhält. Heißt ja schließlich auch Crossroads, die Station. Auf unsere Bitte hin, gab der Busfahrer uns aber freundlicherweise Bescheid, dass wir aussteigen mussten.

Eine viertel Stunde später hatten wir das Haus unserer Gastgeber gefunden, der eindeutig für Autos verfassten Wegbeschreibung folgend. Wir wurden sehr herzlich empfangen und in die Ausstattung unseres kleinen Hobbithauses eingewiesen. Gendergerecht zeigte die Hausherrin mir, wo die Waschmaschine zu finden war, während Jonas vorgab an einem Männergespräch zum Grill interessiert zu sein.

Ich fragte vorsichtig nach einem Ethernetkabel, was dazu führte, dass unser Host kurz darauf stolz mit einem solchen zurückkehrte. Er habe es genutzt, um Alexa einzurichten und wisse gar nicht, dass man es auch benutzen könnte, um mit dem PC ins Internet zu kommen. Tja, siehste mal.
Er half mir jedenfalls sehr damit, weil ich so auf die richtige Spur kam, um meinen Rechner in den nächsten Stunden doch wieder startklar zu kriegen.
Zunächst aber nutzten wir die letzten Sonnenstrahlen noch um zu Fuß ans Kliff zu wandern. Am lang auslaufenden Strand tummelten sich Surfer.
Jonas übernahm das Kochen, während ich mich mit meinem Rechner auseinander setzte.
Tag 17: The Lizard im Sonnenschein
Wir schliefen ganz ausgezeichnet. Es war so wundervoll still auf der Hütte. Ein Großteil der Wäsche, die ich am Nachmittag zuvor noch gewaschen hatte, war so gut wie trocken, so dass ich die nächste Fuhre gleich als erstes nachschob. Die zur Verfügung stehende Maschine benötigte drei Stunden für einen Waschgang und gegen Mittag wollten wir dann schon einmal los. Der Tag versprach sonnig zu werden, daher wollte ich die Wäschespinne im Garten noch nutzen.

Für ein Frühstück auf der kleinen Bank mit Blick auf St. Michael’s Mount, einem ehemaligen Kloster, das über einen nur bei Ebbe sichtbaren Weg fußläufig erreichbar ist.
Wir verbrachten also einen schrecklich spießigen Vormittag mit Haushalt und Orgakram, stärkten uns noch kurz mit Gemüse und Kartoffeln und nahmen dann eine Marathonbusfahrt auf uns zur Südspitze Cornwalls, The Lizard, wo besonders beeindruckende Teile der charakteristischen Steilküste zu finden sind.
Wir besorgten uns ein 48h-Ticket, das für das Netz in ganz Cornwall je 18 £ kostete. Theoretisch könnten wir nun die gesamte Region mit Bussen erkunden.
Bus fahren durch diese ganzen Käffer ist wirklich abenteuerlich. Immerhin erwischten wir trotz Verspätung unseren Umstieg im Nachbarort und fuhren mit einem etwas kleineren Bus weiter. Die Fahrzeit eignete sich mal wieder für Sozialstudien, da die verschiedenen Dorfbewohner sich alle zu kennen scheinen und so eine Busfahrt gern auch mal zum lautstarken Plausch nutzen. Quasi wie ein Pub auf Rädern!
The Lizard entschädigte für die lange, holprige Fahrt. Theoretisch kann man die gesamte Südspitze zu Fuß erlaufen, dafür fehlte uns jedoch die Zeit.
Wir genossen nur ein kurzes Stück der atemberaubenden Landschaft bei bestem Wetter und waren dennoch angemessen beeindruckt. Sattes von Blumen durchsetztes Grün, fiel abrupt in schwarzen Felswänden ab, in der Tiefe krachten die Wellen an die Felsen. Hie und da strebten kleine Bächlein dem Meer entgegen.
Leider mussten wir uns losreißen, um unsere Verbindung zurück nach Perranuthnoe zu bekommen. Meine hochtrabenden Pläne, fancy zu kochen wurden durchkreuzt, weil wir zeitlich und logistisch keinen Supermarkt mehr fanden, also musste ich improvisieren und Cheddar mit Wein und Milch zu Käsesoße verrühren. Jonas schrieb solange akribisch zusammen, wie wir am folgenden Tag zum Projekt Eden und zurück kommen würden. Die Logistik mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf dem Land erforderte doch erhöhte Planung – zumindest, wenn man nach Möglichkeit Leerlauf von bis zu zwei Stunden zwischen zwei Anschlüssen vermeiden wollte.
Im Übrigen: Die Wäsche war ganz wunderbar getrocknet den Tag über, nur hatte eine Möwe natürlich zielstrebig auf eines meiner T-shirts gekackt. Ich reihe das ein in die große Möwenverschwörung gegen mich, nachdem ich in der Vergangenheit bereits zwei Mal direkt als Ziel ausgewählt worden war. Die wussten ganz sicher, dass das Shirt mir gehört und haben sich ganz bestimmt mit den Sylter Möwen abgesprochen.
Tag 18: Project Eden

Um zehn mussten wir den Bus erwischen, ergo den Morgen mal wieder etwas disziplinierter gestalten. Wir nahmen den Zug nach St Austell und dort erneut einen Bus bis zum Eden Project. Hierbei handelt es sich um ein ehemaliges Tonabbaugebiet, das mittels kluger Gartenbautechniken in blühende Gärten verwandelt wurde inkl. zweier Kuppelbauten, die als gigantische Treibhäuser fungieren und ein mediterranes bzw. tropisches Ökosystem ermöglichen.
Zunächst aber überraschte mich der Außenbereich mit der Vielfalt der hier wachsenden Pflanzen. Bananen in Cornwall?! Aloe Pflanzen für kühles Klima? Vieles war noch nicht ganz aus dem Winterschlaf erwacht. Ich bin sicher, die Gartenanlage ist im Sommer noch einmal um ein Vielfaches beeindruckender. Dafür blieben uns die Massen erspart, was ich auch sehr begrüßte. Ab und an sauste ein Glücklicher an der riesigen Seilrutsche über das Gelände.
In der Kantine wurde frisch, mit regionalen Zutaten und bio gekocht – ganz im Sinne des Projektes eben. Dafür konnte ich mich natürlich begeistern.
Mal wieder war die Zeit der limitierende Faktor, der uns daran hinderte die Vielfalt der Details aufzunehmen, die wir gerne aufgenommen hätten. Die tropische Kuppel war schon besonders beeindruckend, schon allein, weil sie eben so exotisch und mitten in Cornwall völlig deplatziert wirkte. Sie bot Platz für hoch aufragende Palmen und andere Bäume des Regenwaldes, einen Wasserfall und eine Hängebrücke. Possierliche auf dem Boden lebende, offenbar sehr an Menschen gewöhnte Vögel (Roul Roul Portridges) gab es ebenfalls, die neben anderen Nützlingen zum Erhalt der Balance des Ökosystems hier lebten. Je höher wir stiegen, desto wärmer und schwüler wurde es logischerweise. Und nach diesen Zonen des Treibhauses war auch die Vegetation des Regenwaldes gestaltet. Infotafeln erklärten Pflanzen, Herkunft und Wirkung. Mitten drin gab es einen kleinen klimatisierten Cool Room, falls Menschen mit Kreislaufproblemen Bedarf haben sollten. Wir aber schlugen uns tapfer bis nach oben durch, wo wir mit einem Blick auf das Blätterdach belohnt wurden. Dann reichte es mir aber auch wieder. Meine Kleiderwahl war auf einen zwar sonnigen, aber kühlen englischen Frühsommertag ausgelegt und damit deutlich zu umfangreich für die Tropen.
Wir belohnten uns mit einem ganz und gar ausgezeichneten Eis in einer frisch gebackenen Waffel, das wir dann passenderweise im mediterranen Klima verzehrten. Ganz Klischee auf einer kleinen Terrasse unter wildem Wein.

Insgesamt gefiel mir das Projekt sehr gut. Für mich wirkte das Konzept sehr rund und konsequent. Die Toiletten werden mit Regenwasser gespeist und auch die Bewässerung der gesamten Anlage basiert auf einem ausgeklügelten Wiederverwertungssystem. In der Kantine wurde ständig frisch gekocht, demzufolge weniger auf Vorrat gehalten, also auch weniger weggeworfen und das Geschirr war wiederverwendbar (absolut kein selbstverständliches Phänomen auf unserer Reise). Infotafeln klärten die Besucher über die Zusammenhänge der Ökosysteme auf, nicht nur in den beiden Kuppeln, sondern auch im Außenbereich, bezogen auf das heimische, englische Klima. So wurde zum Beispiel die Bedeutung der wilden schwarzen Biene betont, für ihren Erhalt und Schutz plädiert und zugleich erklärt, welche Maßnahmen man selbst zu ihrem Schutz ergreifen kann (Wildblumen aussähen, etc.). Summa sumarum eine schöne Demonstration von „nicht quatschen, machen!“
Ich lernte am Abend allerdings von der verhaltenen Reaktion unseres Gastgebers, dass die Begeisterung für das Projekt wohl doch nicht jeden erreicht.
Und wir mussten schon wieder packen…


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