Bristol auf der Durchreise

Um sieben Uhr ging unser Bus zur Fähre, wir hatten beide viel zu wenig Schlaf und nutzten unsere Leap Card für einen 6:30 Uhr Bus in die Innenstadt, wo der Shuttle zur Fähre ging, damit wir unser Gepäck nicht den gesamten Weg tragen mussten. Den Shuttle teilten wir uns mit zwei weiteren Fahrgästen, einem schrulligen alten Paar, das einen deutlich weniger zerstörten Eindruck machte, als wir.

Überraschenderweise fiel die Sicherheitskontrolle am Hafen, wie wir sie noch in Stranraer erlebt hatten, völlig weg. Unsere Rucksäcke sollten wir nur auf ein Gepäcklaufband werfen, das wir anschließend per Knopfdruck selbst in Bewegung setzten. Ich bin nicht sicher, ob uns jemand gezwungen hätte, das Gepäck aufzugeben, hätten wir den Versuch unternommen unsere Habseligkeiten mit an Bord zu nehmen. Wir wurden mit einem altersschwachen Bus (mit Deppenapostroph auf Hinweisschildern) in den Bauch der Fähre gefahren.

Deppenapostroph im Bus der Stena Line
Deppenapostroph im Bus der Stena Line

Die Menschen verteilten sich auf zwei Passierdecks und wir fanden nach einigem Suchen schließlich einen halbwegs ruhigen Platz am Fenster. Kaum auf dem offenen Meer, glitzerte die Morgensonne in den sanften Wellen und das einlullende Schaukeln begann wieder. Es dauerte nicht lange und ich war in meinen Sessel geflätzt eingeschlafen. Mein protestierender Nacken verleitete mich nach gut einer Stunde dazu, entgegen meiner Überzeugung, viertklassigen Automatenkaffee im Pappbecher zu kaufen. Ich brauchte etwas stärkeres als Tee, um mich wach zu halten. Dann fuhr ich meinen Rechner hoch, um zu schreiben. Dieser zeigte mir in unüblich niedriger Auflösung an, in einer Art abgesicherten Modus zu sein und ein Treiberproblem zu haben. Versuche, ihn in das WiFi an Bord zu bringen, scheiterten. Ich googelte auf dem Handy und fand heraus, dass ich erst die Treiber für die Internetverbindung bräuchte. Wie aber an die Treiber kommen, wenn das Ding nicht online geht? Wenigstens konnte ich weiterhin in Libre Office schreiben, wenn auch in merkwürdig verzerrter Auflösung. Speichern konnte ich auch, also gab ich mich erst einmal damit zufrieden und ärgerte mich nur über mich selbst, so leichtfertig ein größeres Linux Kernel Update gefahren zu haben. Linux ist eben nicht Windows und verlangt ein gewisses Maß an Mitdenken vom Benutzer.

Bei Ankunft dauerte es, bis die unmotorisierten Passagiere das Schiff verlassen durften. Wir mussten wieder den Bus besteigen und uns in einen Ankunftsbereich fahren lassen, wo unser Gepäck bereits auf dem Band seine Runden drehte. Anschließend ging es durch die Grenzkontrolle (das wird bestimmt super, wenn die Briten dann auch noch aus der EU ausgetreten sind!) und wir betraten durch die nächste Tür direkt den Bahnhof von Holyhead. Sehr praktisch! Wir hatten erwartet, vom Fähranleger zum Bahnhof laufen zu müssen. Als problematisch erwies sich aber die Nahrungsversorgung vor Ort. Es gab nur einen kleinen Laden am Terminal, der die üblichen labberigen Sandwiches, hauptsächlich fleischhaltig belegt, Kekse, Muffins und Chips verkaufte. Außerdem gab es vergoldetes Wasser für 2 £ der halbe Liter. Aber half ja nix.

Um 12:38 Uhr fuhr unser Bummelzug nach Newport, wofür er 4 h 16 min benötigen sollte. Ich ernährte mich von einer kleinen Tüte Chips, Jonas von einem Schokomuffin. Nach kurzer Zeit verlor mein Handy mal wieder jegliches Netz und ich setzte das Teil in den Flugzeugmodus – bringt ja nix. Im Laufe unserer Fahrt gesellten sich in unserem Waggon hauptsächlich weiblich geprägte feierwütige Gruppen. Was man halt so macht am Samstag Nachmittag. Die erste lärmende Gruppe, Damen jenseits der 50, die es nochmal krachen ließen wie mit 18, verließ uns Gott sei Dank nach ca. zwei Stunden. Bis dahin hatte sich allerdings die andere Gruppe, etwas jüngerer Frauen, allmählich warm getrunken und drehte in der verbleibenden Zeit dann noch richtig auf. Sie liefen den Gang auf und ab, wobei sie johlend gegen Sitze und sonstige Hindernisse stießen, waren sie doch nicht mehr ganz stabil auf den Beinen. Eine der Grazien verwöhnte uns alle mit dem künstlichen Erdbeeraroma ihrer E-Zigarette.

Als wir erleichtert unsere Sachen für den Umstieg in Newport packten, ernteten wir den neidischen Kommentar eines anderen, völlig entnervten Fahrgastes, der den Zustand treffend und trocken mit „four fucking hours“ auf den Punkt brachte. Der arme Kerl musste mit der Gesellschaft wohl noch etwas länger vorlieb nehmen.

Die verbleibende Fahrt nach Bristol verlief relativ entspannt, obwohl wir ins Zentrum Schienenersatzverkehr nutzen mussten. Das Hostel, direkt am Hafen hatten wir schnell gefunden und bezogen. Wir waren ziemlich durch, übermüdet, hungrig und genervt. Praktischerweise hatten wir noch ausreichend Vorräte aus Irland mitgebracht, dass ohne einen Supermarkt aufsuchen zu müssen die sofortige Zubereitung von Spaghetti Pesto in der, nebenbei erwähnt, sehr schönen, hellen Hostel-Küche, möglich war, um zumindest den Hunger zu stillen.

Wir hatten damit den längsten Reisetag unseres Urlaubs hinter uns gebracht.

Gestärkt schlenderten wir am Hafen entlang, vorbei an einladend beleuchteten Bars. Es war warm genug, dass sich ein Großteil des Lebens draußen abspielte. Wir aber fühlten uns nur noch dazu in der Lage im Supermarkt Zutaten für Porridge zu besorgen, bevor wir ins Bett fielen. Weitere Bewohner unserer Etage waren eher damit beschäftigt sich auf die Night Out vorzubereiten – was man eben so tut am Samstag. Ich bekam davon aber nicht mehr viel mit.

Avatar von Silke

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