Tag 12: Überfahrt nach Belfast
Nach einem umwerfenden Frühstück verließen wir mit ausreichend Puffer das Haus zur am Vortag bereits erkundeten Bushaltestelle – mit den Rucksäcken auf dem Rücken ist man ja doch meistens etwas langsamer. Hier lernten wir Hamish und seine Freunde kennen, die alle in einem Heim für „special people“ wohnen, wie uns der Busfahrer später noch erklären würde. Hamish bewies ein fundiertes Wissen über deutsche Städtenamen und war glaube ich etwas enttäuscht angesichts unserer ausbleibenden Begeisterung für die deutsche Nationalhymne.
Auch der Busfahrer konnte mit verwandtschaftlichen Verbindungen nach Deutschland aufwarten und ließ uns wissen, das deutsche Essen sei das Beste überhaupt, sein Favorit: Currywurst.
An der Fähre mussten wir unsere Rucksäcke aufgeben. Das kam etwas überraschend für uns, so dass wir einigermaßen hektisch relevante Sachen in meinen großen Jutebeutel stopften und hofften, nichts vergessen zu haben. Es handelte sich um eine sehr große Fähre mit zwei Passagierdecks zusätzlich zu mehreren Autodecks und wir fanden eine gemütliche Bank am Fenster in einer zunächst noch ruhigen Ecke. Dann kam die spanische Reisegruppe und es war nicht mehr ganz so ruhig. Ich lerne: Für die Generation 60+ sind WhatsApp Sprachnachrichten der heißeste Scheiß. Die plärrten alle ständig zum Teil gleichzeitig in ihre Handys, die natürlich sämtlich nicht stumm geschaltet waren, so dass sie die verbleibende Zeit bimmelten und piepsten. Ich hatte ja den Verdacht, die haben sich mit dem WiFi an Bord gegenseitig Sprachnachrichten geschickt.
Eingelullt vom Schaukeln des Schiffes bin ich natürlich trotzdem mal wieder eingeschlafen.
In Belfast bekamen wir tatsächlich problemlos unsere Rucksäcke wieder. Ich war ja etwas skeptisch zu Anfang. Der Bus ins Stadtzentrum wartete schon, die Verbindung mit einem Umstieg hatten wir im Vorfeld auf Google Maps herausgesucht und per Screenshot festgehalten. Mit uns fuhr eine schwer alkoholisierte Frau (auf der Fähre gibt es ja steuerfrei Alkohol – whoop, whoop!), die zum Entsetzen ihrer Tochter lallend den ganzen Bus unterhielt. Ich saß hinter ihr, betend, dass sie nicht kotzen muss. Schließlich unternahm sie den Versuch mit mir so etwas wie eine Konversation zu beginnen, daraufhin wurde ich angesichts ihrer Penetranz erst unfreundlich und versuchte sie dann stoisch zu ignorieren, was ihre Ambitionen natürlich noch verstärkte. Sie fand meine Reaktion „nasty“. Die bedauernswerte Tochter entschuldigte sich unentwegt in meine Richtung. Es war eine höchst unangenehme Situation, der ich schnellstmöglich entkommen wollte. Der nahende Umstieg kam mir daher gerade recht.
Nun wurde es spannend. Wir standen mit unseren Rucksäcken im Nieselregen an der Station, an der wir in den nächsten Bus umsteigen sollten und fanden an Hand der spärlichen Beschilderung die Linie nicht. Auch Pläne, die uns vielleicht weiter geholfen hätten, um herauszufinden, welche anderen Linien grob in unsere Richtung fuhren, waren weit und breit nicht zu finden. In der sehr, sehr leisen Hoffnung, dass auf der irischen Insel vielleicht wieder eine andere Frequenz genutzt wird, deaktivierte ich mal wieder den Flugzeugmodus meines Telefons, als letzten Versuch, das Problem gelöst zu bekommen, bevor wir irgendwo hätten fragen müssen. Und tatsächlich, zu meiner eigenen Überraschung hatte ich auf einmal wieder Netz und konnte Google Maps befragen. Wir konnten mit zwei anderen Bussen ans Ziel gelangen. Beim Betreten des nächsten Busses lernten wir, dass unsere Einzelfahrscheine (2 £), die wir am Hafen im ersten Bus gekauft hatten, immer nur für eine Linie gelten und somit keinen Umstieg zulassen. Wir müssten ein Tagesticket für den doppelten Preis lösen, wenn wir umsteigen wollen. Total intuitiv!
Zuguterletzt kamen wir aber noch in der Jugendherberge an und konnten unser Zimmer beziehen – besonders günstig, dank DJH Mitgliesdschaft zahlten wir zusammen nur 40 £ für die Nacht. Dafür war das Zimmer auch sehr einfach gehalten, mit einem Fenster zur Straße, zwar doppelt verglast, aber kaum Lärm abhaltend und einem Bad ohne extra abgetrennter Dusche. Wir sahen der Überflutung am nächsten Morgen entgegen. Immerhin war die Nasszelle größer als das Duschklo in Hong Kong.
Es war später Nachmittag und regnete unentwegt. Wir waren erschöpft von der Reise und den zahlreichen Eindrücken der vergangenen Tage, also ließen wir es gut sein und wagten uns nur zum Einkaufen noch einmal kurz raus. Wir fanden Kartoffeln, Karotten und Sour Cream, womit sich ein einfaches, aber köstliches Abendessen zaubern ließ.

Tag 13: Belfast und Fahrt nach Dublin
Unsere Nachtruhe war gut – dank Oropax. Wir gönnten uns mal wieder gekauftes Frühstück, weil das Angebot der Hostelkantine einfach zu verlockend klang. Es lief mal wieder auf Porridge hinaus, belgische Waffeln oder Pancakes hätten wir allerdings ebenfalls bekommen. Unsere Kanne Tee konnten wir uns dennoch selbst kochen, da der self-catering Bereich und die Kantine mit Selbstbedienung direkt nebeneinander lagen. Ein durchaus nicht zu verachtender Vorteil.
Wir checkten aus, lagerten unser Gepäck ein (das mussten wir im Hostel machen, weil es in Belfast aus Angst vor Sprengsätzen keine Schließfächer am Bahnhof gibt) und suchten das Besucherzentrum auf, um uns mit Infomaterialien zum eigenmächtigen Sightseeing auszustatten.
Der Nordirlandkonflikt ist nach wie vor unmittelbar spürbar, wenn man sich an die sogenannte Peace Wall begibt, die den protestantisch-monarchietreuen Shankill Bezirk von der katholisch-republikanischen Falls Road Gegend trennt. Hier finden sich auch zahlreiche künstlerisch wertvolle Wandmalereien (tatsächlich keine Graffits, sondern gemalte Bilder), die die politischen Grabenkämpfe offenbar machen. Die Peace Wall selbst empfand ich als sehr beklemmend. Hoch aufragend und Stacheldraht bewährt trennt sie die Stadtteile und ist nur an befestigten Übergängen, deren Tore nach wie vor über Nacht geschlossen werden, passierbar. Der Konflikt schwelt nach wie vor. Mir persönlich fiel es etwas schwer die revolutionär anmutenden, extrem links geprägten, oft schon sozialistischen Parolen auf Seiten der Falls Road mit der katholischen Prägung in Einklang zu bringen, setze ich, als jemand, der im bayerischen Dorf groß geworden ist, Katholizismus doch eher mit konservativen Positionen gleich. Hier einen solch aggressiven und eben vor allem linken Kampfgeist anzutreffen, überraschte mich.
Die Parolen auf der protestantischen Seite hingegen wirkten eher verständnislos reagierend und klagten die Gewalt der Gegenseite an. Insgesamt wurde im Verhältnis zur katholischen Seite, wo die Kampfrhetorik allgegenwärtig war, relativ wenig Bezug auf den Konflikt genommen und stattdessen auf den meisten Bildern, die wir sahen, Kriegshelden der beiden Weltkriege glorifiziert. Die tapferen Battalione aus Shankill wurden gelobt und einzelne Soldaten für ihren Heldentod geehrt. Wehte auf Falls Road Seite noch überall die irische Flagge, war hier der Union Jack omnipräsent.
Der direkte Vergleich der beiden Stadtteile machte für meine Begriffe den festgefahrenen Konflikt auf sehr ernüchternde Art deutlich. Die Katholiken mit klarer Kampfrhetorik des sich moralisch im Recht wähnenden unterlegenen Davids, womit sie auch ihre Guerilla Methoden rechtfertigen. „Our vengance will be the laughter of our children.“ Die Protestanten, interessiert am Erhalt des Status Quo, trotzig und der Situation kopfschüttelnd gegenüber.
Und ich merkte, dass ich sehr wenig über den Nordirlandkonflikt oder irische Geschichte im Allgemeinen weiß.
Im Stadtzentrum stieß Jonas bei unserer Suche nach einer Kleinigkeit zu Essen auf ein kleines Café in einer Bibliothek, wo wir in angenehm gedämpfter Atmosphäre zu erschwinglichen Preisen ernährt wurden und die Eindrücke Revue passieren lassen konnten. Anschließend fuhren wir zurück zum Hostel, um unser Gepäck zu holen und überbrückten die Zeit, bis wir zu unserem Zug mussten bei einer Tasse Tee. Die kleine Kantine hatte gerade geschlossen und die Putz- und Aufräumarbeiten wurden mit allerfeinstem, deutschen Schlager untermalt. So kamen wir in den Genuss von uns bisher unbekannten Meisterwerken, wie Nino de Angelos „Angel“ und weiteren Schmachtfetzen aus seiner Feder. Besonders schön war der Bruch hin zu diesem Song mit den doch recht einprägsamen monotonen Textzeilen „Lick my pussy. Lick my pussy.“ und „My pussy is contagious. My pussy is outrageous.“, der ganz selbstverständlich zwischen zwei Werken de Angelos eingeschoben wurde.
Davon inspiriert setzten wir uns in den Zug und verbrachten die 2 ½ Stunden Fahrt damit im Bullshit Bingo einen eigenen, möglichst beknackten Schlagertext zu verfassen. Es wird ein Meisterwerk namens „Für immer dein“. Wir werden bestimmt reich und machen dann eine Weltreise mit der Kohle.
In Dublin stand uns ein Fußmarsch bergauf zum Hostel bevor. Dieses Mal ein kommerzielles und trotz Gemeinschaftsbad mit 245 € für zwei Nächste die teuerste Unterkunft unseres Trips. In zentraler Lage ziehen zum Wochenende hin die Preise enorm an. Die Unterkunft war in Ordnung, sauber, mit gepflegten sanitären Anlagen, wir mussten zu keinem Zeitpunkt anstehen (ich nehme an, die Dorms haben eigene Bäder im Zimmer), die große Küche war gut ausgestattet und sauber. Der durch das Stockbett gesparte Platz ließ einen kleinen Tisch mit Hockern zu und somit eine Sitzmöglichkeit außerhalb des Bettes. Passt also für zwei Nächte. Leider wieder Straßenlage, aber besser isolierte Fenster trotz Einfachverglasung.
Wir waren platt, beließen es mal wieder beim kurzen Einkauf für‘s Abendessen, kochten uns Spaghetti Pesto, versuchten den extrem einnehmenden, lauten, Coldplay auf dem Handy spielenden und damit sehr einnehmenden Brasilianer auszublenden und gingen schlafen. Es war Donnerstag Abend und verhältnismäßig ruhig.
Tag 14: Dublin
Nach einer etwas längeren Recherche hatte ich in Erfahrung gebracht, dass es für den Dubliner ÖPNV eine „Leap Vistor Card“ für Zeiteinheiten von 24 h bis zu sieben Tagen gibt, die wir für den gesamten öffentlichen Nahverkehr nutzen konnten, also anbieterübergreifend. Revolutionär. Wir leisteten uns 24 h für 10 € pro Person und flüchteten vor dem Regen in die nächste Tram.
Als erste Station ging es zum Trinity College, völlig überlaufen von Touristen und wie schon befürchtet, kamen wir leider nicht ohne Eintritt zu zahlen in die architektonisch beeindruckende Bibliothek. Dementsprechend ließen wir es bleiben und schüttelten kurz den Kopf über die lange Schlange zum Book of Kells. Hier Bilder dessen, was wir verpasst haben. Nachdem im Lonely Planet stand, man würde ohnehin nur durchgescheucht, weil so viel los sei, haben wir entschlossen, darauf zu verzichten. Insbesondere bei Preisen von über zehn Euro pro Person.
Wir flüchteten mit niedrigen Erwartungen in die Science Gallery und wurden positiv überrascht von der sehr guten Ausstellung unter dem Motto „Fake“, deren wissenschaftlich-künstlerische Exponate dazu aufriefen, genauer hinzusehen. So gab es zum Beispiel ein Arrangement aus künstlichem Käse, deren Einzelkomponenten immer wieder ausgetauscht werden. Die einzelnen Scheiben in Plastik verpackten Scheiben reagieren mit dem Licht, so dass sich das Werk in verschiedenen Facetten dumpfem Gelbs bis Orange präsentierte. An anderer Stelle wurde das mir bereits bekannte, viral gewordene Video der Fälschung einer Rede Obamas ausgestellt. Sobald eine ausreichende Basis an Material zur Mimik und Stimme der Person vorhanden ist, kann beides inzwischen täuschend echt gefälscht werden. Eine durchaus kritisch zu sehende Technologie, die die Authentizität von Bild- und Tonmaterial auf den Prüfstand stellt.
Zum Abschluss gab es noch ungewöhnliches und leckeres Essen im Café der Galerie. So mental und körperlich gestärkt, machten wir uns auf zur Chester Beatty Library. Da wollte ich unbedingt hin, weil ich gelesen hatte, es gäbe viele Ausstellungsstücke aus dem asiatischen und orientalischen Raum sowie einen japanischen Dachgarten. Dass mein Handy wieder Netz hatte, war Gold wert, weil wir nirgends einen Plan über die Busverbindungen finden konnten. Beim Kauf der Leap Card hatten wir lediglich eine Karte mit den Tramverbindungen erhalten. Das unübersichtliche Busnetz erschloss sich spontan eigentlich nur über Google Maps.
In der Bibliothek wurden Manuskripte und Buchdrucktechniken der unterschiedlichen asiatischen und arabischen Regionen ausgestellt und erklärt. Uns fehlte leider die Zeit uns alles in Ruhe anzusehen, weil wir auch noch zum Kilmainham Gaol wollten. Beim nächsten Dublin-Besuch würde ich noch einmal mit mehr Zeit zurückkehren. Das Museum ist kostenlos und auch innenarchitektonisch sehr einladend gestaltet. Im Foyer lädt ein offen gestaltetes Café zum Verweilen ein. Der Dachgarten enttäuschte mich in seiner Schlichtheit etwas, bin ich doch die filigranen chinesischen Gartenanlagen gewohnt. Pünktlich zu unserem Eintreffen im Museum riss der Himmel plötzlich auf und ermöglichte uns die Erkundung des Daches bei Sonnenschein.
Zuletzt verließen wir den Stadtkern und nahmen einen Bus zum Kilmainham Gefängnis. Der Innenraum ist nur mittels Buchung einer Führung zu besichtigen, die, wie ich schon befürchtet hatte, für den Abend komplett ausgebucht waren. Allerdings erhielten wir unverhofft kostenlos Zutritt zum angeschlossenen Museum und verbrachten somit 1 ½ Stunden damit uns an Hand von Exponaten und vor allem Texttafeln die Geschichte des irischen Widerstandes gegen Großbritannien zu erschließen.
Eine sehr gute Ergänzung zu den Eindrücken aus Belfast, auch wenn ich mit der Frage zurückblieb, warum sich damals nicht die gesamte Insel unabhängig erklären konnte. Wie schon erwähnt, setze ich das Studium der irischen Geschichte auf meine Leseliste und referiere hier jetzt ganz bewusst nicht eilig angeeignetes Halbwissen aus Wikipedia.
Um 18:00 wurden wir aus dem Museum gekehrt und beschlossen die gesparten 10 €, die wir für die Gefängnisführung eingeplant hatten in Essen zu investieren. Nahe des Hostels waren wir am Morgen durch einen Straßenzug gekommen, der eine Konzentration von Geschäften und Restaurants mit chinesischen Zeichen aufwies, so dass sich der Verdacht eines angemessen hohen Prozentsatzes chinesischer Bevölkerung aufdrängte, der authentisches Essen zur Folge haben könnte. Bewertungen auf Tripadvisor waren für die meisten Lokalitäten höchst kontrovers, wie so oft bei asiatischem Essen. Ich orientierte mich an von Nutzern mit nicht-westlichen Namen erstellten positiven Kommentaren und so endeten wir im höchst kitschig-rot eingerichteten Old Town im Zentrum, wo wir ein Gelage mit Jiao zi, gebratener Aubergine, Wasserspinat (bo cai) mit Knoblauch, gebratenen Nudeln und Reis starteten. Wir überfraßen uns gnadenlos an diesem veganen Mahl, doch war es das wert.
Auf dem Rückweg zum Hostel kauften wir noch einmal Toast, um uns für die bevorstehende Mammutreise am nächsten Tag vorzubereiten. Es sollte dennoch nicht reichen.
Wir packten und ich stellte den Wecker auf 5:30 Uhr. Außerdem versuchte ich mit dem schwachen W-LAN im Hostel noch mein Betriebssystem auf den neuesten Stand zu bringen. Leider fiel mir der Umfang des Updates zu spät auf und ich musste es abbrechen. Blöde Idee, wie sich herausstellte.
Angesichts des beschissenen Wetters hatten wir die Spiegelreflex im Rucksack belassen. Da wir auch in den Museen das fotographieren unterließen – schließlich stellen sie selbst in der Regel die besten Bildergalerien zur Verfügung – beschränkt sich das Bildmaterial aus Dublin auf die Dokumentation der Kampagnen anlässlich der am 25. Mai anstehenden Abstimmung zum Paragraph 8, der sich auf das Abtreibungsrecht bezieht. Ohne mich zuvor näher zum Thema zur Rechtslage in Irland beschäftigt zu haben, offenbaren die Plakate für meine Begriffe die Fronten recht anschaulich.
Zum Abschluss noch ein schönes Stickerarrangement an einer Ampel.


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