Tag 9: Travel Day Fort William – Glasgow
Am Sonntag nahmen wir den ersten Zug nach Glasgow um 11:40 Uhr. Es war verhältnismäßig wenig los – die meisten würden wohl erst am Feiertag, also dem nächsten Tag zurück fahren. Ich verfolgte mit etwas Wehmut die voll bepackten Motorradfahrer auf ihren verschlungenen Pfaden durch die Landschaft. Perfektes Zweiradterritorium – ich wäre sofort dabei.
Aber Zug fahren ist auch schön, wenn auch etwas warm bei alten Zügen, deren Heizung nur entweder volles Rohr an ist, oder aus. Sie war an in unserem Fall, was an sich gut ist, weil es ja doch eher kühl war in den Highlands. Im Laufe von drei Stunden Fahrt verwandelte sich der Waggon jedoch eher zur Sauna.
Endlich liefen wir dann aber ein im überraschend warmen und sonnigen Glasgow. Die Weiterfahrt für eine Station mit dem Regionalzug zu Charing Cross mit unseren Interrail Tickets ging problemlos. Wir wurden an den Drehkreuzen einfach durchgewunken.
Bevor wir den viertelstündigen Aufstieg zum Hostel begannen, entledigte ich mich erstmal zweier Schichten Kleidung, die ich in den Highlands noch dringend gebraucht hatte. Wir hatten uns im SYHA Glasgow eingemietet, ruhig gelegen im Westend, bewusst abseits der Partymeile gewählt. Es handelt sich um ein altes, sehr weitläufiges Town House direkt am Kelvingrove Park. Was wir Google Maps nicht entnommen hatten, war die Topographie: Der Park ist recht steil angelegt und das Hostel überblickt ihn von oben, eingebettet zwischen sehr mondänen Upper Class Residenzen.
Wir bezogen unser Zimmer unterm Dach mit Fenster zum Lüftungsschacht, in dem ein Taubenpärchen laut gurrend seinen Nachwuchs groß zog. Das Zimmer fiel leicht nach hinten zum Bad hin ab. Wahrscheinlich ein Grund, warum wir zwei Einzelbetten, statt des sonst in Jugendherbergen üblichen Stockbettes hatten. Dafür lagen Handtücher für uns bereit, – keine Selbstverständlichkeit – so dass wir unsere Reisehandtücher eingepackt lassen konnten.
Duschen, Sonnencreme, T-shirt und raus, Vitamin D generieren. Wir wollten ohnehin zum Supermarkt, bevorzugt einem Bioladen, um einige Grundnahrungsmittel zu kaufen. Wir würden ab jetzt relativ durchgehend in Hostels unterkommen, die ihren Gästen eine Gemeinschaftsküche zur Verfügung stellen. Öfters einmal selber kochen und nicht für‘s Frühstück bezahlen würde unsere Ausgaben in der ersten Woche etwas relativieren.
Wir wurden fündig im Roots Fruits & Flowers, ein Hipster-Bioladen sondersgleichen mit höchst sehenswertem Publikum. Neben fancy shit wie unbehandeltem Joghurt begeisterte ich mich insbesondere für das Brot. Frisches, richtig gebackenes Brot mit Kruste. Und wir erwischten auch noch das mit Walnüssen. Außerdem eine Packung mit 40 Fair Trade Bio Teebeuteln der Sorte English Breakfast für 1,45 £ und ein Glas Honig. Damit war der Morgen gerettet.
Die letzten Sonnenstrahlen genossen wir am Hang im Kelvingrove Park, wo wir die feiernden Horden beobachten konnten – der Montag war ja frei. Der Alkohol floss in Strömen und überall wurde gegrillt. Über dem ganzen Geschehen kreisten die Möwen und warteten einen unaufmerksamen Moment der zunehmend betäubten Gruppen ab, um etwas essbares zu erbeuten.
Als ein junger Kerl versuchte mit Anlauf einen Baum zu besteigen und krachend samt des morschen Astes, an dem er sich hochschwingen wollte den Berg hinunterrollte, trollten wir uns in die sterile Hostel-Küche im Keller des Gebäudes. Im „Free Food“ Kühlschrank fanden wir noch ein angebrochenes Glas Pesto, das wir mit einer ordentlichen Portion Nudeln verspeisten. Vielen Dank unbekannter Reisender, der du es zurück gelassen hast! 🙂
Waschen konnten wir hier auch mal wieder und im Gegensatz zu Whitby hatten wir einen völlig überhitzten Trockenraum zur Verfügung, den offenbar keine Sau nutzte, so dass wir die Masse schwarzer Kleidung einfach aufhängen konnten und bei 40 Grad binnen Stunden an der Luft trockenen konnten. Sehr praktisch!
Es war also mehr ein Reise- und Haushaltstag mit ein bisschen Sonne tanken.
Tag 10: Kelvingrove Art Gallery
Unser Morgen in Glasgow begann mit Small Talk mit dem älteren Pärchen aus Cambridge, die uns am Vortag bereits aufgefallen waren, da sie ihren Mann nach Strich und Faden bedient hatte, während der Zeitung las und sie sich dann mit der an ihn gerichteten Frage einprägte: „Is the tea satisfying to you?“ Man plauderte über die Pläne für den anstehenden Tag. Sie hatten genau wie wir vor, die Kelvingrove Art Gallery zu besuchen. Gott sei Dank wollten sie aber ein Taxi nehmen und wir gemütlich durch den Park spazieren, so dass es uns erspart blieb, eine Ausrede zu erfinden, die einen gemeinsamen Besuch verhindert hätte.
BBC weather hatte uns bedeckten Himmel versprochen, stattdessen präsentierte sich uns strahlender Sonnenschein. Frechheit! Wir ließen uns Zeit und nahmen einen Umweg zur Galerie am kleinen Flüsschen entlang, der sich durch den Park schlängelt, setzten uns kurzentschlossen noch in ein kleines Café für ein zweites Frühstück (Porridge natürlich) und erkundeten dann das kostenlose Museum. Großer Vorteil bei freiem Eintritt: Man kann zwischendurch für ein phänomenales Mittagessen unterbrechen und dann einfach wieder rein gehen. Sehr angenehmes Konzept.
Meine Highlights: Um 13:00 Uhr wurde die Orgel des Museums bespielt und bewiesen, dass das James Bond Theme auch auf diesem Instrument richtig cool klingt. Das Museum ist sehr interaktiv aufgebaut und soll offensichtlich Interesse für Kunst ganz grundsätzlich wecken. Die Begleittafeln der einzelnen Werke richten sich nicht an absolute Kenner, sondern sollen Fragen aufwerfen oder ordnen das Werk in einen größeren Kontext ein. So stand beim, wie ich fand sehr erheiternden Gemälde „The Marriage of Convenience“ die Information, dass der Künstler noch zwei weitere Bilder zum selben Thema gemalt hatte, siehe z.B. hier. Auch für Kinder wird einiges geboten, um sich Kunst spielerisch zu erschließen. Leider waren viele der zur Verfügung gestellten Spiele nicht mehr oder nur noch zum Teil funktionstüchtig. Eines der Prestigestücke des Musuems, Dalís Christus war leider zum Zeitpunkt verliehen und konnte nicht live gesehen werden. Man konnte dafür tausende Postkarten und Abzüge in allen erdenklichen Größen davon kaufen. Im Gift Shop entdeckt und zum schmunzeln gebracht hat mich van Goghs Selfie-Bild (in diesem Stil).
Wir wollten den Abend kochen und kehrten daher rechtzeitig ins Hostel zurück, um in Ruhe eine frische Tomatensoße zuzubereiten, leider ohne Wein, dafür aber mit Möhren, die wir noch in der Free Food Abteilung fanden.
Tag 11: light rain and breezy and travel to Stranraer
Unser Zug ging am Nachmittag und wir wollten die Zeit noch nutzen ein wenig mehr von Glasgow zu sehen. Leider behielt BBC dieses Mal Recht und es begann bald zu regnen. Ich war ein wenig müde, weil ich frühzeitig von den gurrenden Mistviechern neben dem Fenster geweckt wurde. Gestärkt mit dieses Mal selbst gemachtem Porridge (man nehme Milch und bediene sich wieder aus dem Free Food Regal, addiere Zimt und rühre am Ende Honig ein) probierten wir eine kleine vom Lonely Planet vorgeschlagene Tour durch die Innenstadt. Mit dem Reiseführer in der Hand liefen wir die Stationen ab und konnten dem Buch knapp beschrieben einige Hintergründe entnehmen. Als Endpunkt war die Kathedrale vorgesehen, die wir ohnehin näher betrachten wollten. Insbesondere der Nekropolis-Hügel voller Grabstätten versprach einen guten Blick über die ganze Stadt, den wir uns nicht entgehen lassen wollten.
Die Tour war weniger spannend, als erwartet. Am Vormittag war auch eher wenig los auf den Straßen und alles wirkte ein bisschen wie Katerstimmung. Dazu kam der ständige Nieselregen.
Wir flüchteten ins Trockene der Kathedrale, die kostenfrei auf zwei Ebenen besichtigt werden konnte: Das Hauptkirchenschiff und quasi im Souterrin noch weitere Räumlichkeiten mit spannenden Perspektiven durch Säulengänge und reich verzierten Fenstern. Durch die Hanglage drang auch ins Untergeschoss ausreichend Licht. Bei Sonnenschein mit Sicherheit noch einmal ein beeindruckenderes Schauspiel.
Der Blick vom Nekropolis Hügel nebenan vermochte den Aufstieg im Regen nicht ganz zu rechtfertigen. Schnell wandten wir uns wieder ab und suchten die nächste Bahnstation zurück zum Hostel. Wir hatten uns ein Tagesticket für die U-Bahn gegönnt, weil uns dieses Netz übersichtlicher erschien und auch die Verbindung zum Bahnhof später besser geeignet wirkte. Mit diesem Ticket konnten wir aber selbstverständlich nicht Bus fahren, da es sich hier um einen anderen Anbieter handelt. Wahnsinnig sinnvoll so ein System!
Unser Mittagessen jagten wir bei Sainsbury‘s. Das Angebot an Fertiggerichten in den Supermärkten ist unglaublich. Auch werden diese Produkte gleich am Anfang der Reihe von Kühlregalen zur Auswahl gestellt, was den Stellenwert noch einmal unterstreicht. Unverarbeitete Zutaten findet man eher in den hinteren Regalen. Es gibt sogar fertig gekochte Pasta zum Aufwärmen, zu der man noch eine Soße extra kaufen kann. Weil Nudeln kochen wohl manche Menschen schon vor zu große Herausforderungen stellt. Ich fand eine Tomatensoße im Kühlregal, bei der Zucker nicht schon an zweiter Stelle gleich nach „Tomaten“ auf der Zutatenliste stand und die verhältnismäßig wenig Zusatzstoffe beinhaltete. Die Nudeln dazu kauften wir ungekocht.
Am Nachmittag ging es weiter nach Stranraer (sprich rawr!) unser Zwischenstopp für die Überfahrt nach Belfast am nächsten Tag. Die Fahrt führte uns mal wieder über Felder und Wiesen mit weidendem Vieh. Frühling ist eine tolle Zeit, wenn die Lämmer und Kälber überall herumtollen. Wie kann man es über‘s Herz bringen, diese Wesen einzusperren?! Spannendes Publikum hatten wir in unserem Zug, eher einfach gestrickt und einen jungen Menschen in Drag, dem ich unglaublich viel Respekt entgegen bringe, sich im Kaff am Arsch der Welt auszuleben. Besonderes Highlight: Ein von der Bedienung der Außentüren überfordertes Pärchen, das deshalb den Ausstieg verpasst hatte und ein riesiges Theater veranstaltete – das Organ der blondierten Frau ging durch Mark und Bein – weil der Zug nicht nochmal extra für sie angehalten hatte. Amüsiert beobachte ich die bemitleidenswerte Schaffnerin, die dem Gezeter ausgesetzt war und im Versuch seriös zu bleiben ganz offensichtlich ihr Grinsen unterdrücken musste.
In Stranraer wurden wir von unserem Host, Brendan abgeholt. Er hatte im Vorfeld darauf bestanden uns den halbstündigen Fußmarsch mit den Rucksäcken ersparen zu wollen und wir nahmen dankbar an. Das Zimmer in seinem „Briar Brae“ Bed & Breakfast war das bisher schönste, geschmackvoll eingerichtet mit einer großen Fensterfront zur Bucht hinaus. Ich fühlte mich sofort wohl und unsere Gastgeber waren unglaublich freundlich.

Wir folgten Brendans Tipp das örtliche Pub auf vegetarische Speisen zu testen und spazierten am Wasser entlang zum Ortskern. Entgegenkommende Dorfbewohner grüßten und musterten uns neugierig – so kaffig waren wir also untergekommen. Ließ man den Blick über die Bucht schweifen, konnte man die Fähren im Hafen im gegenüberliegenden Cairnryan erkennen. Fest entschlossen, Brendan das Vorhaben uns morgen auch noch da hin zu fahren auszureden, erkundeten wir vor dem Essen schon einmal, wo die Bushaltestelle für den Shuttle zum Hafen zu finden war.

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