Edinburgh – Fort William

Die Nacht war kurz, meine noch etwas kürzer, weil ich es nun war, die regelmäßig von den stampfenden Klängen des Techno-Clubs wach geworden ist. Um 5:30 Uhr war die Party zwar beendet, aber der Wecker klingelte. Wir wollten ins schottische Hochland und hier gab es nur vier Verbindungen am Tag: Eine früh morgens, eine mittags, eine am Nachmittag und eine abends. Wir nahmen tapfer die erste, um 7:20 Uhr zunächst nach Glasgow und dort in den West Highland Train der ScotRail, ein älteres Modell mit 70-er Jahre Charme in der Musterung der Polstersitze. Wir ergatterten einen Vierer-Platz mit Tisch auf der dem Meer zugewandten Seite des Zuges und wurden in den folgenden dreieinhalb Stunden Fahrt mit malerischen Eindrücken der Landschaft verwöhnt: Knorrig verwachsene Bäume, über und über mit Moos und Flechten besetzt, schroffe Felsformationen, gepaart mit sanften Hügeln und Wasser, überall Wasser, mal schnell, mal langsam fließend, mal von scharfen Kanten fallend oder sich in Kaskaden über Steine ergießend, sich sammelnd in großen Seen (Lochs), deren Oberfläche vom allgegenwärtigen, starken Wind gekräuselt wurde und schließlich strebte alles dem Meer entgegen, das scheinbar ganz plötzlich auftauchte, als der Zug sich um einen weiteren Hügel schlängelte und nach einer Kurve den Blick freigab auf den fernen Horizont.

Immer wieder sah man schwer beladene Wanderer den West Highland Walk bezwingen – zu Fuß von Glasgow nach Fort William, die Strecke, die wir ganz faul mit dem Zug zurück legten. Auch im Zug war die Dichte der Backpacker und Menschen in Outdoor Kleidung exorbitant hoch, da fügten wir uns optimal ein mit unseren Regenjacken und Rucksäcken. Aber schließlich waren wir auch unterwegs zur „Outdoor Capital“, Fort William, am Fuße des höchsten Berges Großbritanniens, Ben Nevis. Der Ort hat außerdem mit die meisten Regentage der Insel, was sich während unseres Aufenthaltes in sehr regelmäßigem Nieselregen äußerte. Außerdem wussten wir zwar auf Grund der Landkarte, wo sich Ben Nevis theoretisch befinden müsste, da aber sämtliche Berge und Hügel um uns herum im permanenten Wolken-Nebelgemisch versunken waren, ließen sich die Dimensionen nicht ganz nachvollziehen. Karte und Kompass sind für Gipfelstürmer absolut unerlässliche Hilfsmittel, um in der Suppe mit nur wenigen Metern Sicht nicht in eine Felsspalte zu stürzen. Wir hatten keine Ambitionen den Berg zu bezwingen und das Wetter nahm uns auch die Lust nach einer nur kleinen Wanderung über die nahegelegenen (nicht sichtbaren) Hügel.

Stattdessen bezogen wir unser großartiges Romantik-Zimmer. Angesichts des May-Bank-Holiday Weekends, an dem Montag, der 07.05. auch noch frei war, waren die wenigen verfügbaren Zimmer in dem kleinen Städtchen schnell vergriffen. Die günstigste Option war daher ein Zimmer im Bed & Breakfast, das explizit als besonders romantisch mit Himmelbett angekündigt wurde. Die online zur Verfügung gestellten Bilder hatten uns Gott sei Dank bereits einen Vorgeschmack gegeben, die zahlreichen Details live und in Farbe zu sehen, war allerdings schon noch einmal prägender: Herzchenkissen, Potpourri und Gestecke, geblümtes Porzellan und natürlich dieses Bett als das den Raum dominierende Meisterwerk. Die Jugendherbergen, die wir auf der Reise frequentieren mögen reduziert, schlicht und einfach sein im Design, aber dieses Zimmer wird denke ich den Award für das hässlichste unserer Reise behalten. Geschmäcker sind aber ja Gott sei Dank verschieden und unsere Gastgeber waren überaus freundlich und herzlich. Gut ernärt haben sie uns morgens auch, also was wollen wir mehr?

Nachdem unser Mittagessen zwar lecker, aber vom Ambiente her etwas fragwürdig war, als einzige Gäste in einem recht großen indischen Restaurant mit dem Geruch von frischer Farbe in der Nase, weil im hinteren Bereich unter Zuhilfenahme einer Speisekarte die Kanten an den Fenstern neu gestrichen wurden, ließen wir es krachen am Abend und leisteten uns Fisch in einem der besten Restaurants der Stadt. Ich beruhigte mein schlechtes Gewissen, indem ich mich bei der Wahl meines Gerichts vom Greenpeace Fischratgeber leiten ließ und zumindest die Gerichte ausschloss, die laut App Tiere verwendeten, die nachhaltig vom Aussterben bedroht sind. Seezunge zum Beispiel. Dann vergaß ich mich über Seehecht in Mandelkruste…

Fort William – Mallaig – Fort William

Nach einer ruhigen und ausreichend langen Nacht im leider deutlich zu weichen Bett im deutlich zu warmen Raum (die Hausbesitzer meinen es gut mit der Heizung), nutzten wir nach einem ausgiebigen Frühstück unsere Interrail Tickets für einen Ausflug nach Mallaig. Proviant und eine Zeitung (The Guardian) besorgten wir uns noch im Supermarkt und warteten friedlich lesend bei einer Tasse Tee im Bahnhofscafé auf den Zug. Am Bahnhof bekamen wir auch einen gedruckten Plan der Verbindung zwischen Mallaig und Glasgow, die altmodische Offline-Lösung für meine nicht mehr funktionierende App (der Customer Care von denen hasst mich glaube ich inzwischen).

Ich hatte beschrieben, dass die Landschaft zwischen Glasgow und Fort William wunderschön anzuschauen war. Die Strecke weiter nach Norden bis Mallaig setzte hier noch einmal einen drauf. Noch mehr Lochs, Felsen und Hügel und beeindruckende Panorama-Blicke hinter fast jeder Kurve. Mit uns im Waggon: Eine chinesische Reisegruppe. Die waren solange am Start bis wir bei Glenfinnan das Viaduct überquerten, das aus den Harry Potter Filmen bekannt ist. Hier sprangen sie alle auf und fotografierten. Anschließend schliefen die meisten ein. Es hat mich ehrlich überrascht, wie wenig Essen sie dabei hatten.

Wir hätten den Weg natürlich auch im Original Harry Potter Dampflokzug zurücklegen können. Der hätte länger gebraucht und sofern es der Fahrplan zulässt bei diesem Viaduct sogar noch angehalten, um auch allen Fahrgästen das perfekte Foto zu ermöglichen: https://www.westcoastrailways.co.uk/jacobite/jacobite-steam-train-details.cfm

Interrail gilt auf der Strecke aber nur bei ScotRail. Dumm gelaufen.

In Mallaig herrschte tatsächlich bedeutend besseres Wetter als in Fort William. Gelegentlich kam sogar die Sonne raus und die Luft schmeckte nach Meer. Im Hafen herrschte reges Treiben kleiner Fähren, die die umliegenden Inseln ansteuerten. Ansonsten war nicht viel los in dem kleinen Ort, den wir schnell durchquert hatten, um eine Mini-Wanderung anzutreten, den Circular Walk, beschrieben mit einer Gehzeit von 1 – 1,5 Stunden und damit perfekt unterzubringen, bis der nächste Zug zurück nach Fort William gehen würde. Er entpuppte sich in der Tat als sehr leicht und sehr kurz, mehr oder minder einmal um einen Hügel herum durch die Heide. So blieb noch Zeit ein wenig auf einer Bank zu verharren und Schafen beim Weiden zuzusehen.

Essen waren wir selbstverständlich auch, abends, zurück in Fort William. Dieses Mal wieder vegetarisch, aber ungewöhnlich und hipster im vollständig in IKEA eingerichteten relativ neu eröffneten Blas: Exzellentes und kreatives Essen.

Es ging am Sonntag weiter nach Glasgow.

(Aktuell schreibe ich übrigens aus Stranraer und bin ein wenig hibbelig morgen eine Fähre besteigen zu dürfen, um nach Irland überzusetzen. Ich freue mich wie ein Kleinkind darauf aufs offene Meer hinaus zu kommen.)

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