Whitby – Edinburgh
Um sechs Uhr klingelte der Wecker, da wir um 8:45 Uhr den ersten Bummelzug in Richtung Edinburgh erwischen wollten. Unsere am Vorabend leider noch klamm aus dem Trockner gefischte, gewaschene Kleidung war über Nacht zum größten Teil fertig getrocknet und konnte somit wieder in Packing Cubes verstaut werden. Teile unseres Zeitpuffers wurden vom ob unseres frühen Erscheinens überraschten Personals, das noch keinerlei Frühstück vorbereitet hatte, verbraucht, aber noch alles im grünen Bereich. Wir packten uns und unsere Rucksäcke in wasserdichte Kleidung und wagten den Abstieg zum Bahnhof durch den waagrecht in Böen peitschenden Nieselregen. Wir hatten offenbar schon ziemliches Glück gehabt mit unserem Wanderwetter am Tag zuvor.
Die Zugstrecke von Darlington nach Edinburgh führte uns an der Küste entlang, war aber landschaftlich doch nicht so beeindruckend, wie ich es mir erhofft hatte und so schlief ich mal wieder ein.
Wir fuhren mit dem Zug durch bis Edinburgh – Haymarket. Jonas hatte sich um die Wegführung gekümmert – da mein Telefon kein Netz hat, behelfen wir uns mit Recherchen an Orten mit W-LAN und im Zuge dessen angefertigten Screenshots. Da Interrail nicht für den ÖPNV gilt, erwies es sich natürlich als sehr günstig, dass unser Zug innerhalb Edinburghs noch einmal an einer Station hielt, von der aus wir unser Hotel auch fußläufig erreichen konnten.
Nach einer kurzen Pause, spätem Mittagessen (Burritos) und Orientierung mittels der an der Rezeption erbeuteten kleinen Karte von Edinburghs Zentrum machten wir uns auf in Richtung der Royal Mile, vorbei an der beeindruckend auf schroffen Felsen thronenden Burg, die wir nicht besuchen würden, weil der Eintritt pro Person bei 18 Pfund liegt.
Jonas hatte im Vorfeld ganze Arbeit geleistet, recherchiert und herausgefunden, dass es unweit des Zentrums einen Park gibt mit einer ausreichend großen Erhebung, dass man vom Gipfel aus über die gesamte Stadt und weiter blicken kann. Wir gingen also mitten in Edinburgh wandern. Das Wetter meinte es wieder gut mit uns, vom Wind abgesehen war es fast warm und immer wieder kam die Sonne durch. Der Weg zum Gipfel war am späten Nachmittag mäßig gefüllt, leicht zu gehen und für einige offenbar Extrem-Jogging-Route. Wir wurden gelegentlich von leicht bekleideten Sportlern überholt oder uns sprangen welche von Stein zu Stein hüpfend entgegen. Über uns ließen sich Adler und Möwen von der starken Thermik in die Höhe tragen.
Der Blick vom Gipfel aus war in der Tat fantastisch, nur der Wind machte den Aufenthalt ungemütlich. Kalt und vor allem stark pfiff er über den Fels und ließ mich so manches mal straucheln. Wir krabbelten also relativ bald wieder hinunter und vollbrachten unsere gute Tat des Tages indem wir eine ältere Frau aus Kiel – inzwischen jedoch seit längerem wohnhaft in Edinburgh (sie sprach es herrlich norddeutsch „Edinburch“ aus, obwohl sie zuvor feinstes britisches Englisch gesprochen hatte) – bis zum nächsten Plateau nach unten begleiteten. Ihr war in der Höhe schwindelig geworden und sie fühlte sich wohler den felsigen, steilen Abstieg nicht alleine bewältigen zu müssen.
Unser Tagwerk war getan; wir kehrten zum Hotel zurück, gingen direkt dort im Erdgeschoss noch im Ask Italian essen, die passable Melanzane alla Parmigiana servierten (nicht ganz so lecker, wie in Rom, aber durchaus gut gemacht) und fielen ins Bett.
Sightseeing in Edinburgh
Unsere initiale Freude darüber, dass unser Hotelzimmer nach hinten raus ging, wurde über Nacht leider getrübt von den hinauftönenden Klängen des Techno-Clubs irgendwo im nahen Keller, von denen Jonas in der ersten Nacht wach gehalten wurde und ich in der zweiten.
Nach dem Frühstück besorgten wir uns für 4 £ pro Nase ein Tagesticket für die Lothian Busse und machten uns auf in die Stadt. Wir wollten gegen Mittag eine Free Tour mitmachen, zuvor aber noch meine seit London anhaltenden Cravings nach Porridge befriedigen. Und so verschlug es uns mal wieder in ein Hipster-Café mit regionalen, saisonalen Bioprodukten und in der Tat ganz ausgezeichnetem Vollkornporridge, den ich freundlicherweise ohne Fruchtkompott bekam. Hier gönnte ich mir auch mal wieder einen Kaffee, der nicht schlecht war, aber ich glaube Tee ist in diesem Land definitiv die bessere Wahl.
Unsere Sandeman‘s Free Tour bescherte uns eine sehr enthusiastische Führerin, die ihre Geschichten teils durch Schreien und/oder schauspielerische Einlagen untermalte. Für uns leider meistzeitig way over the top, aber nichtsdestotrotz konnten wir einige Infos aus der Tour ziehen, die wir uns wohl nicht so ohne weiteres angelesen hätten. Kalt und feucht war es leider und wir hatten uns verwöhnt vom sonnigen Tag zuvor zu dünn angezogen.

Wir machten also noch einmal eine Schleife über das Hotel, um weitere Schichten anzulegen und erkundeten dann am Nachmittag zu Fuß das nahe gelegene Viertel Dean Village, entlang des kleinen Flüsschens Leith, das sich schon fast dörflich präsentierte, pittoresk mit kleinen Häuschen und dem wunderschön eingewachsenen Fließgewässer. Der Weg zur nächsten Bushaltestelle führte uns, den geparkten Autos nach zu urteilen, durch ein recht reiches Viertel, vorbei an einer offenbar kuschelbedürftigen, flauschigen, schwarzen Katze, die uns gut zehn Minuten am Weitergehen hinderte.
Den Bus nahmen wir dann zurück in die Innenstadt. An dieser Stelle möchte ich kurz anmerken, dass die Privatisierung von öffentlichem Personennahverkehr nicht unbedingt zur Übersichtlichkeit des Angebots und vor allem zum Verständnis bezüglich der Gültigkeit von Tagestickets beiträgt. Auch die gut sichtbare Anzeige der nächstfolgenden Station im Fahrzeug ist offenbar noch nicht überall Standard, hat es sich aber doch zur Orientierung sehr bewährt. Gott sei Dank hatten wir die Stadt laufend schon soweit erschlossen, dass wir uns ungefähr vorstellen konnten, wo wir um Halt bitten mussten, um zum orientalischen Tapas Restaurant „Meze Meze“ zu kommen, wo wir uns bis zum Erbrechen mit vegetarischen Köstlichkeiten vollstopften. Falls uns nach dem Urlaub jemand fragt, was wir gemacht haben: Wir sind Zug gefahren und haben geil gegessen.
Den Weg zurück zum Hotel traten wir dann zu Fuß an, weil wir a) mal wieder nicht verstanden, welchen Bus wir nehmen könnten (Pläne an Haltestellen sind aber auch echt für Anfänger) und b) dachten angesichts unserer überfüllten Mägen könnte etwas Bewegung ganz gut tun.
Zurück im Hotel nutzte ich das WiFi, um die aktuelle Version der RailPlanner App herunterzuladen. Interrail stellt diese App mit offline Zugfahrplänen zur Verfügung und sie ist Gold wert für unsere Reise. Einmal monatlich gibt es eine Aktualisierung der Fahrpläne. Akutelle Fahrpläne sind sehr gut, dachte ich mir. Leider wurde mir unmittelbar danach klar, dass die Aktualisierung für UK bedeutete, dass die Pläne für die Insel gelöscht wurden. Neustart, Reinstallation, nichts half – keine unserer Verbindungen war mehr verfügbar. Ich fluchte ein wenig vor mich hin, schrieb eine wütende Bewertung und Mail an den Customer Care, wohlwissend, dass mir das für den Moment auch nicht weiter hilft, aber mehr konnte ich gerade nicht tun. Ich lud dann die App der National Rail herunter, die natürlich aber nicht offline funktioniert und machte Screenshots der benötigten Verbindungen für unsere Weiterreise am nächsten Tag. Anschließend schimpfte ich noch ein wenig vor mich hin. Damit würde ich in Bezug auf dieses Thema auch in den folgenden Tagen fortfahren, in denen der Customer Care sich überaus unhilfreich verhielt. Credo: Ja, blöd, tut uns leid, aber is jetzt halt so.
Am Freitag fuhren wir sehr früh in die Highlands.

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