Mein Wunsch nach Meer und Nationalpark verschlug uns am dritten Tag nach Whitby, einem kleinen Hafenstädtchen an der Ostküste Englands am Rande des North York Moors National Parks. Der Weg dorthin führte mit dieselbetriebenen Regionalzügen durch sattgrüne Wiesen mit darauf grasenden Schafen – kleine Lämmer allgegenwärtig – im gemütlichen Tempo durch die englische Pampa.
Die See empfing uns mit einer steifen Brise, salzgeschwängerter Luft und dramatischen Wolkenformationen, die über den Himmel jagten. Zum Hostel mussten wir 199 Stufen hinauf zur majestätischen, über der Stadt thronenden Ruine der Abbey erklimmen, einen Friedhof überqueren und den Eingang finden. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass das Hostel sich tatsächlich auf dem Gelände des alten Klosters befand, scheinbar handelte es sich jedoch um ein Nebengebäude – so wirkt es zumindest. Absolut unschlagbar die Lage mit einem phänomenalen Blick über die Stadt und das Meer.
Wir beschlossen zuerst die Abbey zu besuchen und lernten zweierlei: Die Sturmböen haben es in sich und Audio Guides (gab es kostenlos zum Eintritt dazu) sind entbehrlich. Immerhin erfuhren wir, dass das Gebäude im Krieg von den Deutschen zerstört wurde, weil die Abbey auf dem Hügel ein exzellentes Ziel abgab. Geschichte an Hand des fiktiven Charakters „Brother William“ und anderen vermitteln zu wollen, ist zwar gut gemeint, für mich aber wenig zugänglich. Nichtsdestotrotz war die Ruine überaus beeindruckend.
Der Eintritt betrug 7,90 £ pro Person. Man wollte uns sehr gern das English Heritage Programm aufschwatzen, quasi eine Burgen und Kirchen Flatrate. Wir hätten zusammen 99 £ bezahlt und könnten dann in den drei Wochen alle möglichen teilnehmenden Sehenswürdigkeiten kostenfrei besuchen (incl. Stonehenge). An sich eine durchaus sinnvolle Investition, wenn man Castle-Hopping betreibt, für uns lohnt es sich nur nicht, weil wir auch einige Zeit in Schottland und Irland verbringen, wo uns das Programm nicht oder nur sehr begrenzt hilft. Für Hardcore Sightseeing Fans aber sicherlich eine gute Sache.
Nach dem kulturellen Teil zogen wir uns noch ein paar mehr Schichten an und spazierten hinunter ans Meer. Sonne und Wolken, Licht und Schatten wechselten sich ab, die Windböen ließen uns immer wieder kurz taumeln und entsprechend aufgewühlt war die Nordsee. Krachend brachen sich die Wellen am Kai, ergossen sich in unregelmäßigen Abständen schäumend über den geteerten Steg, der ins Meer hinaus führte. Ich war im siebten Himmel – so kenne und liebe ich die See. Meine Versuche das Spiel des Lichts über dem Wasser photographisch festzuhalten, lassen die Schönheit des Naturschauspiels nur im Ansatz erahnen.
Empfehlenswert ist der Bummel durch die kleine Altstadt, die sich der Abbey entgegen an den Berg schmiegt. Durchzogen von kleinen Gässchen und zahlreichen verwinkelten Treppen, lässt sich hier allerhand entdecken. In gefühlt jedem zweiten Geschäft kann man Schmuck mit schwarzem jet stone, Turmalin auf Deutsch, kaufen. Die Region um Whitby ist bekannt für das Vorkommen einer besonders intensiv schwarzen Sorte dieses Steins, der unter anderem in speziellem Trauerschmuck verarbeitet wird (ich lerne sehr viel auf dieser Reise, zum Beispiel, dass es so etwas wie Trauerschmuck gibt). Esoteriker finden in ihm einen „besonders starken Schutzstein“, bitteschön: http://www.edelsteine.net/turmalin-schwarz-schoerl/
Morbide und schwarz, das passt natürlich exzellent zur Gothic-Szene und so kam es, dass sich in Whitby ein großes Gothic-Festival etablierte, das zwei Mal im Jahr, im Frühling und im Herbst stattfindet, das Whitby Goth Weekend. Dieses war just zu Ende gegangen, als wir dort ankamen und vereinzelt konnte man noch dunkle Paradiesvögel in Rüschen, Tüll und Totenköpfen durch die Stadt schlendern sehen. Sogar Oxfam hatte seine Schaufensterdekoration modisch auf das besondere Publikum des Wochenendes ausgerichtet. Abgesehen davon war vom Festival aber nichts mehr zu sehen.
Den folgenden Tag verbrachten wir auch noch in Whitby und erkundeten den Nationalpark etwas näher. Es wird Fotos von kleinen Lämmern geben… 😉
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