Eurostar fahren fühlt sich an wie fliegen, oder Zugfahren in China: Man muss 45 Minuten vor Abfahrt am Bahnhof sein, durch eine Sicherheitskontrolle, vor der man sein Ticket an der Durchgangssperre eincheckt, aber im Wartebereich gibt es – zumindest in Brüssel – keinen Duty Free Nippes, sondern nur mittelguten Kaffee (immerhin Fair Trade). Bin ich eigentlich die einzige, die das böse findet, wenn unterbezahlte dunkelhäutige Kaffeekettenmitarbeiter T-shirts mit dem Aufdruck „I wear fair traded cotton“ tragen?

Unsere Etappe führte uns mit zwei Schnellzügen, mit Umstieg in London bis nach York ins Herzen Englands: ca. 690 km in 4,5 Stunden – die halbe Stunde Aufenthalt in London nutzen wir, um uns Porridge zu besorgen. Schließlich muss man dem ständig drohenden Hungertod entgegen wirken. Im Laufe des Weges hoch nach York dämmerte mir, dass das mit meinem Telefon wohl nichts mehr wird. Zwar hatte ich anfangs noch die Willkommen-in-England-SMS der Telekom erhalten, aber seitdem habe ich kein Netz mehr. „Digital Detox“ also. Manche Menschen geben da viel Geld für aus. Gott sei Dank hatte ich das Device bei meinen Urlaubsplanungen von vorn herein nicht fest eingeplant. Mit dem Lonely Planet Great Britain haben wir auch über 1.000 gedruckte Seiten Informationen dabei – wir kommen klar.

Was haben wir in York so gemacht? In erster Linie gegessen. Zizzi hat uns direkt bei der Ankunft gerettet mit saisonal-vegetarischer Pasta, äußerst köstlich. Danach war es Zeit unser Hostel zu beziehen: Low Budget Romantik im Stockbett. Sehr viel größer dürfte Jonas nicht sein, die Modelle sind offenbar nur 1,90 m lang. Ich bin trotzdem froh im Hostel zu sein, im Gemeinschaftsbereich entspannen zu können, ohne dass ein Verzehrzwang herrscht und überhaupt gefällt mir die Atmophäre einfach.

Vom Hostel aus führt ein Fußweg am Fluss entlang in zwanzig Minuten in die Innenstadt. Es war kühl aber trocken, als wir uns an diesem Sonntag Nachmittag nach einer Teepause auf den Weg machten. Wir wollten ein wenig die Stadt erkunden, das imposante Gotteshaus im Zentrum wenigstens von außen sehen (10 Pfund Eintritt pro Person erschien uns etwas übertrieben) und Jonas hatte im Vorfeld von der Existenz einer Street Art Galerie erfahren, die in der Tat sehr interessante Exponate ausgestellt hatte: https://www.artofprotestgallery.com/

Vom Inhaber der Galerie ausgestattet mit Insidertipps zum Yorker Nachtleben und dem besten Bier der Stadt – bei Small Talk immer lächeln, nicken und danke sagen, hab ich gelernt – machten wir uns auf den Weg zum kulinarischen Highlight: Hipster-Heaven, vegan und glutenfrei und haste nicht gesehen was noch alles: El Piano. Auf der Karte wird ausgewiesen wie viele der Zutaten eines Gerichts regionaler Herkunft sind und da mir dies im Gegensatz zum Glutengehalt ja tatsächlich wichtig ist, war ich sehr glücklich mit der Wahl des Lokals. Das Essen selbst war dazu noch absolut ausgezeichnet und wir zahlten für Suppe und Hauptgericht zu zweit 30 £ – das Wasser aus dem Hahn gab es im Krug kostenlos dazu. Für britische Verhältnisse völlig im Rahmen.

El_Piano_Innenraum
El Piano Innenraum

Montag vormittags noch in den Shambles

Nach einer endlich mal wieder ausreichend langen Nacht verschlug es uns mit den Rucksäcken am Vormittag des dritten Tages noch einmal in die Yorker Shambles, bevor wir mittags wieder in den Zug steigen würden.

Erwähnenswert hier neben den ausgezeichneten Crêpes (Apfelstückchen mit Zimt, Nüssen und Schokolade…) die Transformation der traditionellen tatsächlich sehr hübschen Shambles-Gasse zu einem Harry Potter Pilgerort. Im Zuge meiner kurzen Recherche dazu habe ich gelernt, dass fanatische Fans dieser Buchreihe auch „Potterheads“ genannt werden und offenbar eine ausgesprochen lukrative Zielgruppe in diesem Land darstellen. In der Shambles-Gasse gibt es inzwischen zumindest drei Harry Potter Läden (und einen Christmas Store, der mich nicht minder irritiert hat), weil die Gasse der Autorin angeblich als Inspiration gedient hat bei der Konzeption der Winkelgasse, in der die Zauberlehrlinge ihre Utensilien kaufen. Der Potter-Hype läuft offenbar wie Sau, siehe auch: https://www.darwinescapes.co.uk/2018/03/why-harry-potter-fans-need-to-visit-york/

Es geht weiter ans Meer, nach Whitby!

Avatar von Silke

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