Meine Fernbeziehung führt nun zu dem Jetset entlehnten Sätzen wie: „Wir treffen uns in Brüssel.“ Denn dort ist die erste Station unseres dreiwöchigen Trips, der wir uns von zwei Enden Deutschlands aus nähern.
Das Chaos begann natürlich gleich schon am ersten Reisetag mit den Komplikationen von HOTNAT und einem beinahe brennenden Zug, aber vielleicht fange ich doch kurz von vorne an:
Nachdem ich mich zu Studienzeiten schon allein fachbezogen hauptsächlich in Asien herumgetrieben hatte, hole ich jetzt nun endlich das Abenteuer Interrail nach. Für 416,- € darf ich 22 Tage durch ganz Europa reisen und hatte mir Großbritannien als Hauptziel herausgepickt – solange man hier als EU-Bürger noch visumsfrei einreisen darf. Die meisten Fernzüge kann man ohne weitere Zuschläge mit dem Ticket nutzen, ICEs zum Beispiel und so ziemlich alles in Großbritannien. Für den belgischen Thalys, den französischen TGV und die Eurostar-Verbindung nach London müssen jedoch kostenpflichtig Sitzplätze reserviert werden. Dies funktioniert über eine App, über die man ein bestimmtes Platzkontingent verknüpft mit dem Interrail-Pass buchen kann.

Dem ursprünglichen Plan nach sollte mein Partner, Jonas, sehr früh in München losfahren und eine Verbindung nutzen, die ausschließlich ICEs, also im Ticket bereits inkludierte Züge beinhaltete und über Frankfurt führte. Ich sollte die etwas kürzere Reise von Hamburg aus zwei Stunden später beginnen und hatte mir für 20,- € eine Reservierung im schnellen Thalys ab Köln gegönnt, so dass ich eine Stunde nach meinem Partner ebenfalls in Brüssel ankommen würde. Der Gedanke war, den Nachmittag noch für einen kleinen Stadtbummel zu nutzen, um auf dem kurzen Stop zumindest ein paar Eindrücke zu sammeln.
Thank you for choosing Deutsche Bahn today!
Als mich mein Wecker um 5:40 aus dem Schlaf riss, befand Jonas sich bereits auf dem Weg zum Bahnhof. Soweit alles nach Plan. Auch meine ÖPNV-Verbindung verlief flüssig, so dass ich pünktlich am Gleis in Harburg den IC nach Köln erwartete. Dieser traf pünktlich ein, zog jedoch eine übel riechende Rauchschwade hinter sich her, bis er zischend, mit rauchenden Bremsen zum Stehen kam. Wartende am Bahnsteig ergriffen eilig die Flucht in den vorderen Bereich. Zögernd betrat ich den bereits gut gefüllten Zug über den vorletzten Wagen. Im letzten Wagen zugestiegene Fahrgäste kämpften sich geschwind weiter nach vorne durch und berichteten, der Gestank nach Verschmortem sei auch im Wagen ganz hinten überaus penetrant.
Ich wusste noch von einer alternativen Verbindung nach Köln mit zwei ICEs über Hannover eine viertel Stunde später, die ich nur gerne vermieden hätte, um dem Umstieg und neuerlicher Sitzplatzsuche mit dem großen Rucksack zu entgehen. Als nach zehn Minuten aber nicht absehbar war, dass es weiter gehen würde – auf Informationsweitergabe in Form von Ansagen wurde natürlich konsequent verzichtet – schulterte ich meine Sachen und nahm den ICE vom gegenüberliegenden Gleis. Ab hier verlief meine Reise störungsfrei.
So konnte ich meine Zeit im Zug nutzen, um Jonas, der kein Smartphone besitzt, anlässlich seiner verspäteten Züge per SMS Fernsupport über alternative Verbindungen zu leisten. Inzwischen verlassen sich ja sogar die Zugbegleiter selbst auf die DB Navigator App und können darüber hinaus keine Informationen liefern. Das Problem bei Jonas‘ Verbindung: Die gebuchte Reise nutzte nur ICEs, sollte sein Anschluss in Frankfurt nicht warten, wäre der nächste Zug der Thalys, den ich auch nehmen würde – nur dass in diesem Zug Reservierungspflicht besteht. Und so lernte ich HOTNAT kennen: Eine Regelung im europäischen Zugverkehr und kurz für „Hop On The Next Available Train“ – unabhängig davon, ob es sich um einen reservierungspflichtigen handelt, oder nicht. Der Zug in Frankfurt wartete nicht. Der Zugbegleiter war wenig hilfreich und verwies auf die nächstmögliche ICE-Verbinung, die einer kurzen Recherche zufolge aber auch mit Umstieg in Köln in besagten Thalys führen sollte. Der verspätete ICE, in dem Jonas saß, fuhr selbst allerdings auch nach Köln. Warum also nicht sitzen bleiben und dann in Köln mit ausreichend Zeitpuffer prüfen, ob der Thalys noch low budget Interrail Reisende mitnehmen würde? Insbesondere, weil meine regelmäßige Prüfung des Thalys Onlinesbuchungsportals ergab, dass sich die letzten verbleibenden Plätze in diesem Zug rasant ausverkauften. Ende vom Lied: Jonas und ich trafen uns in Köln – ich traf ca. 20 Minuten nach ihm ein und er durfte sich den letzten Platz im Thalys für 66 € kaufen, was dem Preis eines regulären Tickets entspricht. Das dürfte noch Diskussionen mit der Bahn bezüglich der Rückerstattung nach sich ziehen. Hauptargument wird sein, dass HOTNAT nur zieht, wenn er in Frankfurt in den nächstfolgenden ICE gewechselt wäre, weil der verpasste Anschluss eben dort den Umstieg in den Thalys in der Folge notwendig machte. Mir erschließt sich nur nicht, warum man 45 auf einen Folge-ICE warten muss, um dann so oder so am nächsten Bahnhof umzusteigen, anstatt einfach mit dem verspäteten Zug direkt weiter zu fahren. Aber wahrscheinlich denke ich da zu praktisch für die Bahn-Bürokratie.
Der Thalys war dann aber pünktlich – wenn auch etwas eng – und das letzte Stück bis nach Brüssel war schnell zurück gelegt. Unser Hotel lag direkt am Bahnhof Midi, weil wir hier am nächsten Morgen auch früh in den Eurostar steigen wollten. Gewohnter Standard im ibis – nichts besonderes, aber geradlinig und sauber. Passt.

Der Stadtbummel führte zuerst zu MediaMarkt – Einkaufsstraßen und -zentren sehen europaweit exakt gleich aus –, weil ich Töffi natürlich den Adapter für britische Steckdosen vergessen hatte. Im Regal hingen keine mehr und dann geschah ein Wunder: Ich fand nicht nur sehr schnell einen Mitarbeiter, nein, der stellte dann fest, dass das gesuchte Teil in ihrem Laden vorrätig sein müsste und verschwand dann längere Zeit im Lager um es zu suchen und uns zu bringen. Dabei war er obendrein noch freundlich und sprach ganz selbstverständlich gut Englisch. Dieser positive Eindruck von den Menschen der Stadt konnte aufrecht erhalten werden: Eine sehr heterogene Gesellschaft, höflich, wir wurden überall freundlich und mit sehr gutem Englisch bedient. Mag natürlich sein, dass das an den harten Hipsterläden lag, die wir frequentiert haben. Es soll trotzdem erwähnt werden.
Empfehlungen:
– ibis Midi: 15,- € wollen sie für das Frühstück, aber dafür ist es auch sehr gut mit frischen belgischen Waffeln, Pain au Cholocat usw. Wären wir nicht so ehrlich gewesen, Bescheid zu geben, hätten wir es auch gar nicht bezahlen müssen.
– Oficina: Aalstraat 16, in einem ruhigen Wohnviertel, gemütlich eingerichtet mit interessanten Spiegelkonstruktionen. Wir sind über einen Brüssel – vegetarisch Blog drauf gekommen und wurden nicht enttäuscht. Nicht ganz billig, aber raffinierte, ungewöhnliche Gerichte, vegetarisch und vegan transparent gekennzeichnet, es gibt aber auch Fleisch und Fisch.

Und es geht weiter mit dem Eurostar nach Großbritannien und hier dann zur ersten Station nach York.
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