Spätestens seit mir im Beruf gesagt wurde, ich müsse mich einfach besser selbst vermarkten, um weiter zu kommen, hinterfrage ich diese mir offenbar fehlende Fähigkeit im Spiegel einer immer offener narzisstisch agierenden Gesellschaft. Und wie so oft gelange ich auch hier wieder schnell an die Gegenüberstellung intro- und extrovertierter Verhaltensmuster.
Der Eindruck zählt
Es scheint nicht mehr zu genügen einfach nur einen guten Job zu machen, man muss wohl auch aktiv über seine Heldentaten sprechen. Hierbei ist es natürlich relevant, die richtigen Leute von der eigenen Großartigkeit in Kenntnis zu setzen. Kompetenz ist hierbei noch nicht einmal die entscheidende Voraussetzung, viel wichtiger ist der Eindruck, den man macht. Gelingt es mir also Entscheidern gegenüber den Anschein zu erwecken, als habe ich den totalen Durchblick, steht mir eine rosige Karriere bevor. Karriere- und Partnerschaftsratgeber sind sich hierbei einig, dass Menschen einen umso positiver wahrnehmen, je besser man sie spiegelt. Das schafft sofort eine vertraute Atmosphäre und alles andere ergibt sich dann schon.
Ich kann mir nicht helfen, aber das klingt nach einer exzellenten Methode sich eine Armee von Speichelleckern heranzuzüchten. Gerade in den Führungspositionen genau das, was ein Unternehmen braucht.
Zudem erkenne ich hier schon wieder die Notwendigkeit des Netzwerkens: Die Achillesferse eines jeden introvertierten Menschen. Aber wie soll ich Eindruck schinden, wenn ich am liebsten still für mich an kniffligen Aufgaben puzzle? Ich bin darauf angewiesen, dass diese Puzzlearbeit gesehen wird, ohne dass ich sie an die große Glocke hänge.
Inszenierung ist alles
Ich empfinde es als extrem befriedigend qualitativ hochwertige Arbeit abzuliefern, etwas ordentlich zu machen. Das war schon im Studium so – auch wenn ich gegebenenfalls eine andere Auffassung von Qualität hatte, als mein Prof 😉 – und mein Anspruch bleibt hoch, sei es in Bezug auf meine Arbeit oder auch auf diesen Blog. Ist es wirklich relevant? Gelingt es mir, meine Gedanken in sich schlüssig zu präsentieren?
In einer Gesellschaft, in der Menschen Stunden damit verbringen ihr Essen in Szene zu setzen und mit den richtigen Hashtags zu versehen (#healthy #cleaneat), frage ich mich schon manchmal, ob ich mir nicht doch zu viele Gedanken darüber mache, ob meine Texte ihre Daseinsberechtigung haben. Ich stolpere über gehypte Reiseblogs voller sprachlicher Fehler und rufe sie mir wieder ins Gedächtnis, wenn ich dabei bin mich für kleinere Grammatikfehler in meinen bereits veröffentlichten Texten selbst zu zerfleischen.
Aber was heißt das nun? Meine Schlussfolgerung lautet, dass die Art und Weise, die Inszenierung wichtiger ist, als der eigentliche Inhalt. Retuschierte Bilder auf Instragram sind mehr Schein als sein und die wenigsten machen sich die stundenlange Arbeit bewusst, die in dem scheinbar so beiläufig aufgenommenen Bild oft steckt. Je belangloser, desto besser. Schöne Menschen, die die Leichtigkeit des Seins auskosten. Selbiges gilt für Reiseblogs. Die exotischen Orte und die Teilhabe an diesem aufregenden Trip lassen über stilistische Schnitzer hinwegsehen.
Der Punkt ist, wenn ich meine Texte nur hinrotze ohne mich weiter daran zu stören, erreiche ich natürlich eine viel höhere Frequenz. Und wenn mir mein Abendessen relevant genug erscheint, es mit der Welt zu teilen, finde ich auch problemlos jeden Tag ein Thema, zu dem ich veröffentlichen kann. Gleichzeitig ist es auch noch so wunderbar harmlos über Essen oder weiße Sandstrände zu berichten.
Tu Gutes und sprich darüber – die Leute erwarten das
Und dann ist da dieser Punkt mit der Vermarktung. Ich schreibe gerne und weil mir immer wieder signalisiert wurde, dass es interessant gefunden wird, veröffentliche ich zuweilen eben auch. Selbstverständlich freue ich mich, wenn mein Blog gelesen wird, oder ich in Form von Kommentaren Feedback bekomme, nur ist das nicht der Grund, warum ich diese Texte verfasse. Insofern halte ich es auch nicht für nötig bei jeder neuen Veröffentlichung massiv die Werbetrommel zu rühren. Grundsätzlich habe ich ja mitgeteilt, dass ich schreibe und wo man meine Erzeugnisse nachlesen kann. Ich gehe nun davon aus, dass interessierte Personen sich entweder regelmäßig auf die Seite verirren oder sich über neue Posts benachrichtigen lassen. So würde ich es machen. Reaktionen wie „Was? Du schreibst wieder?! Das hast du mir gar nicht erzählt!“, weisen mich darauf hin, dass ein einmaliger, Monate zurückliegender Hinweis auf meinen Blog auf Facebook (von betreffender Person mitunter sogar noch geliked) offenbar keine ausreichende Information über mein Wirken darstellt. Womöglich sollte ich jeden Beitrag in alle möglichen Kanäle pushen. So würde ich vermutlich auch Reichweite generieren und neue Leser gewinnen. Aber es liegt mir nicht. Es würde sich vollkommen künstlich anfühlen für mich. Wenn Menschen es als relevant ansehen, was ich tue, werden sie mir folgen, die Seite gegebenenfalls weiterempfehlen. Und wenn nicht, ist das auch in Ordnung. Das wird mich nicht daran hindern, weiterzumachen. Auf gar keinen Fall aber möchte ich mich aufdrängen, penetrant allen unter die Nase reiben, was ich jetzt schon wieder verzapft habe. Und das hat nichts mit falscher Eitelkeit zu tun, sondern ist schlichtweg ein Wesenszug von mir. Genauso wie ich gerne in Ruhe gelassen werde, möchte ich umgekehrt niemandem auf die Nerven fallen.
Selbstvermarktung vs. introvertierte Stärken
Bin ich damit nun auf dem Holzweg? Muss ich lernen aggressiver zu sein, lauter, präsenter? Bleibt mir nichts anderes übrig, als mich an die Welt da draußen anzupassen, indem ich mich selber stärker in den Vordergrund spiele, weil ich sonst drohe zwischen all den Selbstdarstellern unterzugehen?
Vielleicht. Aber ich werde es wohl so schnell nicht herausfinden, da ich nicht bereit bin, mich in diesem Punkt anzupassen. Ich möchte weiterhin still und nachdenklich sein dürfen. Ich möchte mich abgeschottet hinter Musik in komplexe Themen vergraben und erst nach Stunden wieder an die Oberfläche kommen. Bedeutet das beruflich, dass ich nie das Potential entfalten werde, das ich könnte, weil ich schlichtweg nicht in die dafür nötigen Positionen komme? Möglich. Allerdings wäre das ziemlich dämlich von der Wirtschaft da draußen, wenn sie für Menschen wie mich (und davon gibt es sehr viele – ich bin ja kein Einhorn) nicht die notwendigen Bedingungen schafft, sich zu entfalten. Denn wenn ich nun beginne mir konstant auf die Brust zu schlagen und offensives Netzwerken betreibe, wird mich das derart anstrengen, dass ich für meine eigentliche Stärke, das stille in Themen versinken, keine Energie mehr habe.
Insofern brauchen wir weniger Selbstvermarktung, als mehr Entscheider, die das Potential meiner Art erkennen, schätzen und uns Raum geben. Ich stelle ganz ehrlich auch in Frage, ob es wirklich notwendig ist, dass zwischen all den von Natur aus ohnehin schon lauten Extros, jetzt auch noch die Intros künstlich auf die Pauke hauen müssen.
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