Für den Fall, dass dies bisher noch nicht deutlich herauskam: Ich liebe Musik, aber hasse Menschen. Die meisten zumindest und insbesondere dann, wenn (übermäßiger) Alkoholkonsum im Spiel ist. Nun höre ich leider hauptsächlich Musik, die grob dem Metalgenre zugeordnet wird und wohl kaum eine Szene kultiviert den kollektiven Absturz so sehr wie die Metalcommunity. 

Meine Verweigerung des Konsums dieser Droge stößt in der Regel auf Unverständnis. Meine Lieblingsreaktion ist: „Wie hältst du das denn nüchtern aus?!“ Dieser kurze Satz bringt so vieles auf den Punkt, was ich an der Gesellschaft so falsch empfinde. Warum sollte ich mich freiwillig Situationen aussetzen, die ich unbetäubt nicht ertrage? Gerade weil ich die Musik so liebe, will ich sie doch mit all meinen Sinnen aufnehmen. Was habe ich davon, wenn ich ab mittags komatös in der Ecke liege? Stolz wird dann vom Filmriss erzählt, die Erinnerungslücken johlend mit Hilfe der Saufkumpanen wieder zusammengepuzzelt. Blöd nur, wenn keiner mehr was weiß. Alles total witzig. O-Ton, der mich sprachlos macht: „Ach, ich war gestern bei Band XY?! Und? Wie fand ich’s?“ Ernsthaft, warum sind diese Menschen hier? Zu Hause ins Koma saufen und dabei den Live Stream von Wacken auf 3sat verfolgen geht doch genauso. Scheint ja ohnehin recht egal zu sein, was da grad spielt. Könnte wahrscheinlich auch das Musikantenstadl sein – ab drei Promille kriegt man eh nichts mehr mit. Wäre auf jeden Fall billiger und weniger peinlich. Im Internet kann man bestimmt auch Bändchen für die Sammlung am Handgelenk bestellen. 

An meinem ersten Tag auf dem diesjährigen Brutal Assault durfte ich beobachten, wie ein untersetzter Herr, der zusammengesunken sitzend auf einer Bank schlief aus seinem Koma erwachte, sich ohne weitere Bewegung auf sich selbst erbrach, wieder einschlief, den Vorgang wiederholte und schließlich wieder wegdriftete, während ihm noch Kotze vom Doppelkinn tropfte.
Gestern sah ich am Rande eines Konzerts einen Kerl mit massiven Schwierigkeiten beim und nach dem Pinkeln das Gleichgewicht zu halten. Immerhin hatte er es zum verrichten seiner Notdurft zu einem der zahlreichen Pisspilze geschafft und hielt sich tapfer am Rand seitlich fest, wohl um nicht nach hinten umzukippen. Der Tanz, den er nach dem Zurücktreten durchführte, hätte in toleranteren Augen als meinen wahrscheinlich Amüsement hervorgerufen. In ausladenden Bögen begann der Kampf um die Balance, während zugleich noch die Hose geschlossen werden musste. Kurz wirkte er verloren, doch gelang in letzter Sekunde der schlingernde Abgang in Richtung Grünfläche, auf der bereits weitere Alkoholleichen auf Entsorgung warteten.  

Nein, ich habe kein Verständnis und große Schwierigkeiten diesen Menschen gegenüber etwas anderes als Abscheu zu empfinden. Bands wie „Swans“ oder „The Great Old Ones“ live zu sehen, versöhnt mich immer wieder mit der Situation, aber ich kann nicht leugnen, dass meine Toleranzschwelle von Jahr zu Jahr sinkt. 

Zelten finde ich übrigens auch richtig ätzend. Nicht mal eben aufs Klo gehen können, ohne sich in die Stiefel zu quetschen und im besten Falle noch durch den Regen stapfen müssen, nur um dann bei den stinkenden Dixis anzustehen. Dabei möchte ich doch nur kurz meine Blase erleichtern. Tägliche Hygieneroutinen wie Toilettengänge oder Duschen verlangen auf einmal nach akribischer Planung. Zum einen, weil Zeit in Warteschlangen eingeplant, aber auch weil stets eine gewisse Wegstrecke zurückgelegt werden muss. Bei Outdoorduschkabinen im Kleinformat und obligatorisch schlammverkrusteten Springerstiefeln stellt es auch eine echte Herausforderung dar, so einen frisch gewaschenen Fuß sauber und trocken in Hose, Socken und Stiefel zu bugsieren. 
Mein Luxustunnelzelt hat mir nun acht Jahre sehr gute Dienste geleistet, ist in Stürmen standhaft geblieben und bei Starkregen trocken. Aber jede Ära geht irgendwann zu Ende. Für das nächste Jahr habe ich mir gestern von meinem Campingstuhl aus schon ein Einzelzimmer im Ort nebenan gesichert. Ich werde alt. Es reicht. 

Noch hält das Brutal Assault zu viele neu zu entdeckende Bands für mich vor und exzellentes veganes Essen in liebevoll gestalteter Location. Wenn ich die Möglichkeit habe mich morgens und nachts im Hotel völlig zurückzuziehen ertrage ich vielleicht auch die Leute etwas besser. 

Mal sehen, was die letzten zwei Tage noch vorhalten. Es ist ja gerade mal Halbzeit und ich hab eigentlich jetzt schon keinen Bock mehr (auf zelten und Menschen). 

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