Wie in einem Gespräch über die Nützlichkeit von Spülmaschinen in nur einem Satz die geballte Mono- und Heteronormativität auf einen einprasseln kann.

Mein Partner und ich nahmen gestern an einem veganen Kochkurs teil. Bei 12 Teilnehmern an sich schon eine enorme Herausforderung an sozialer Interaktion. Aber wenigstens dem Veganismus gegenüber aufgeschlossene Menschen. Man tauscht oberflächlichen Small Talk aus, aber hat an sich ja ein Thema und etwas zu tun.
Die Runde bestand insgesamt aus zehn Frauen und zwei Männern, wobei diese jeweils in Begleitung ihrer Partnerin anwesend waren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass „besuche einen Kochkurs“ recht weit oben auf der Liste der 10 Dating-Tipps für Single-Männer steht. Wobei – gibt es da nicht sogar schon spezifisch ein Dating-Format für? Ich schweife ab…

Wir bereiteten Tofu zu und ließen hierfür eine feine Knoblauch-Sojasoßen-Mischung in einer Pfanne einkochen, was bei mir und einigen anderen Kursteilnehmern Besorgnis darüber hervorrief, wie um Himmels Willen man diese Pfanne wieder sauber bekäme. „Spülmaschine,“ lautete die Antwort der Köchin, „hab ich nicht,“ meine Entgegnung.
Aus irgendeinem Grund war ihre logische Folgefrage an mich und meinen Partner gerichtet: „Wohnt ihr schon zusammen?“ Wir tauschten stirnrunzelnd einen Blick aus und beließen es bei einem „Nein.“

Ich finde das gesellschaftlich sehr interessant. Ihr Subtext, klar und eindeutig hetero- und mononormativ: Wir werden früher oder später zusammenziehen und in der größeren Wohnung kann man sich dann ja auch eine Spülmaschine leisten. Sie geht selbstverständlich davon aus, dass unsere Beziehung eben genau diesen ganz klassischen Verlauf nehmen muss. Eine andere Option lässt die Formulierung der Frage auch gar nicht zu.

Alleine das Weglassen des Wörtchens „schon“ hätte die Frage viel offener gestaltet und wohl auch weniger Irritation bei uns ausgelöst. Wobei wir auf dem Heimweg darüber lachen mussten. Man gewöhnt sich schließlich daran.

Das kommt davon, wenn man einen Ausflug aus der Blase heraus unternimmt. Die Kleinigkeiten, die mir verdeutlichen, dass mein Lebensmodell extrem erklärungsbedürftig ist. So erklärungsbedürftig, dass selbst Menschen, die grundsätzlich wissen, dass ich polyamor lebe, mich angesichts meiner stabilen Paarbeziehung entgeistert fragen, weswegen ich mein OK Cupid Profil nach wie vor aktiv pflege. Die Tatsache, dass ich momentan nur einen Partner habe, suggeriert offenbar, dass ich wieder im Hafen der Normalität angekommen bin. Wie könnte ich auch irgendetwas anderes wollen?

Natürlich werde ich im Kreise zufällig zusammengewürfelter Menschen, die ich nach diesem Anlass nie wieder sehen werde, kein Fass aufmachen, indem ich erkläre, dass wir definitiv nicht vorhaben zusammenzuziehen, da wir unsere Freiräume benötigen und ich, sollte ich doch noch ganz dringend eine Familie gründen wollen, dies wohl eher mit einem anderen Partner tun werde, als dem Mann, der hier gerade neben mir steht. Denn gerade weil ich diesen Menschen liebe, respektiere ich sein Bedürfnis, sich nicht zu vermehren. Doch würde diese theoretisch aufkommende Diskrepanz in unseren Zielen nicht zwangsläufig die Beziehung in Frage stellen, da wir trotz der Verbindung zwischen uns als Individuen weiter existieren und einander die Freiheit lassen unsere Wege zu gehen.

Diese Beziehungsform ermöglicht es mir, endlich den Entschluss zu fassen, die mir verhasste Stadt München zu verlassen und mich zu Ende des Jahres hin Richtung Norden zu verlagern – bevorzugt nach Hamburg. Diesen Schritt möchte ich eigentlich seit Jahren gehen, doch ließ ich mich immer von äußeren Faktoren abhalten. Natürlich spielt der Job eine wichtige Rolle, aber auch Liebensbeziehungen. Ich werfe eine Verbindung dieser Art nicht leichtfertig weg und stelle mir selbstverständlich die Frage, wie die Folgen der Ferne aussehen könnten und ob ich mit dem zusätzlichen Konfliktpotential umgehen kann. Konfliktpotential, das in einer Beziehung, in der Eifersucht von Natur aus keine signifikante Rolle spielt, drastisch reduziert wird.

Je mehr ich meine Wohlfühlnische finde, desto weiter entferne ich mich von der Norm. Gleichzeitig fühle ich mich mit jedem Schritt freier und zufriedener. Also hacke ich mich weiter durch den Dschungel unbeschrittener Pfade.

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