Es gibt Tage, an denen ertrage ich die Menschheit ganz gut und es gibt Tage, an denen möchte ich eigentlich die ganze Zeit nur schreien. Der heutige gehört zu letzterer Kategorie.

Ich lasse dann andere für mich schreien und verschanze mich mit ihnen hinter meinen Kopfhörern. Meshuggah zum Beispiel oder Wheelfall.

Tage an denen es mir zu viel wird. Zu viel Sexismus, zu viel Ignoranz, zu viel sozialer Druck, sich an eine extrovertierte Welt anzupassen, umgekehrt zu wenig Verständnis für mein Wesen. Weil ich diejenige bin, die anders ist, muss natürlich ich mich erklären und im Idealfall anpassen. Doch wer sagt eigentlich, dass die Masse Recht hat?

Ich habe gestern ein sogenanntes Team Event überlebt. Ringelpietz mit Anfassen auf Befehl, nach Programm in einem „Niedrigseilgarten“, sprich auf der Wiese. Es gab Teambuilding Maßnahmen, die uns auf der Meta-Ebene tiefe Einblicke in unser tägliches Zusammenarbeiten bieten sollten. Ich hatte eine ziemlich intensive Woche in den Knochen und praktisch kein Wochenende. (Nach meinem Nachtzugabenteuer war ich Donnerstag abends wieder zu Hause, nur um Freitag früh gleich wieder in den Zug nach Frankfurt zu steigen, wo ich Samstag eine Veranstaltung betreute.) Mein Akku für soziale Interaktion war also ohnehin schon denkbar leer. Entsprechend unkooperativ war ich bei den Spielen, die ich mehr oder weniger ausschließlich als entwürdigend, hirnrissig oder beides empfand. Hinzu kam der Gruppenaspekt, den ich per se, auch ohne Kinderspielchen für Erwachsene schon als extrem anstrengend empfinde. Ich unterdrückte konstant das übermächtige Bedürfnis mich weit abgelegen alleine unter einen Baum zu setzen, meine Gedanken schweifen zu lassen und abzuwarten, bis die anderen fertig sind. Ich erinnerte mich daran, dass ich jetzt hier war und meine Rolle nicht darin bestand mich komplett quer zu stellen – dann hätte ich mich krank melden müssen. Solange es den anderen helfen wird, ihr Team besser zu builden, war ich bereit mich dem übergeordneten Zweck unterzuordnen.
Nur als am Ende ein öffentlicher „Speed-Dating-Feedback-Zirkel“ vorgeschlagen wurde und mir das Unwohlsein weiterer Kollegen darüber nicht entging, äußerte ich lautstark Protest. Bei der Vorstellung eine Minute lang meinem Kollegen nicht-themenbezogenes Feedback zu geben, sprich mir auch noch spontan irgendwas aus den Fingern saugen zu müssen, während neun weitere Menschen um mich herum ebenfalls auf ihr Gegenüber einreden – ich rechnete also mit einem gewissen Lautstärkepegel – bekam ich schlagartig eine Gänsehaut und befürchtete eine Panikattacke, sollte ich tatsächlich in die Situation gezwungen werden. In der Folge habe ich mich wahrscheinlich etwas drastisch ausgedrückt, jedoch mit Erfolg – wir durften uns Partner suchen und alleine miteinander reden. Eine deutlich intro-freundlichere Situation, mit der ich mich ohne Probleme anfreunden konnte.

Vom freiwilligen gemeinsamen Umtrunk konnte ich mich Gott sei Dank ohne größere Diskussionen ausklinken. (Weitere) Soziale Interaktion UND Alkohol! Was noch? Schlager? Blasmusik? Viel Luft nach oben ist da nicht mehr.

Zurück bleibe ich immer mit einem unangenehmen Gefühl, ums Verrecken nicht reinzupassen, offenbar ohne anzuecken kaum Situationen hinter mich bringen zu können und gleichzeitig der wohligen Überzeugung, dass ich im Falle eines dikatorischen Regimes mit ziemlicher Sicherheit im Widerstand wäre (außer dieses diktatorische Regime propagierte Umweltschutz und Menschenrechte – nur mag dies für mich nicht so ganz mit Diktatur zusammengehen). Stets frage ich mich, ob ich zu weit gehe, mit meinem Widerstand. Allerdings fühlt sich Widerstand richtig an für mich. Ich gehe ja ohnehin schon Kompromisse ein. Sobald ich mich wehre, bin ich höchstwahrscheinlich ohnehin schon nicht mehr in meiner Wohlfühlzone und fühle mich mit der nächsten Aktion endgültig in den Bereich des Untragbaren gedrängt.

Was aber, wenn sich doch meine Komfortzone offensichtlich so weit von der Norm unterscheidet, dass ich mich in der täglichen Interaktion mit Menschen eigentlich nie wirklich wohl fühle? Meine Blase, das Umfeld an Menschen, denen gegenüber ich mich nicht permanent erklären muss, ist nicht umsonst so klein. Wir sind scheinbar sehr wenige. Aber doch deshalb nicht im Unrecht. Oder schlechter. Es fühlt sich falsch an, daraus abzuleiten, dass wir uns anpassen müssen. Und ich sage das nicht, weil ich selbst keine Lust habe mich anzupassen. Ich habe es in meinem Leben nun wirklich versucht, aber eben dabei auch gelernt, dass es mich nicht glücklich macht. Können wir nicht einfach friedlich koexistieren? So inklusive gegenseitigen Respekts?

Ich sehe ein, dass ich nicht erwarten kann, von jedem da draußen verstanden zu werden. Da ich mich nicht permanent erklären möchte, kann ich auch sehr gut mit der Lösung „lächeln und nicken“ leben. Das hat sich tatsächlich bewährt, solange ich im Anschluss Zeit habe, mich zurückzuziehen in meine Blase, sprich alleine sein oder Zeit mit anderen Bewohnern meiner Blase verbringen darf, die mich darin rückversichern, dass ich schon ganz in Ordnung bin, so wie ich bin.
Ich würde mir nur wünschen, dass umgekehrt die Existenz introvertierter Menschen mehr berücksichtigt wird, gerade weil sie eben nicht laut sind. Ich würde behaupten, die meisten lassen solche Veranstaltungen über sich ergehen, weil sie tief internalisiert haben, dass das eben sein müsse und ihre Abneigung dagegen falsch sei. Man möchte ja kein Spielverderber sein – diesen inneren Monolog kenne ich von mir selber nur zu gut. Gestern habe ich mich zwischenzeitlich ernsthaft gefragt, wer denn nun wirklich Spaß hat bei diesem Blödsinn oder ob nur alle die Klappe halten, weil sie gelernt haben, dass sie das gut finden müssen und alle anderen (außer wenigen, die ab und zu ihre Missbilligung kund taten) es bestimmt toll finden.

Hinterfragt das alles überhaupt mal jemand? Finden es am Ende fast alle scheiße, aber weil so viele es machen und nix sagen, denken alle, die anderen finden es gut und sagen deshalb nichts?

Avatar von Silke

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