Ich muss das aufschreiben – das glaubt mir doch keiner: Für eine Veranstaltung, bei der ich den Einlass betreuen sollte, musste ich von München nach Berlin reisen. Ich hatte Flüge gebucht, weil die Veranstalterin mich gern bis zum Nachmittag vor Ort wissen wollte und mir die Ankunftszeit zurück zu Hause bei sechs Stunden Zugfahrt damit zu spät wurde. Meine Anreise sollte am Vortag stattfinden, Aufbau am Veranstaltungstag am frühen Morgen – ich sollte ab 7:00 Uhr dort sein.
Mein ursprünglicher Plan gemütlich gegen acht Uhr abends in Berlin zu landen, noch etwas zu essen und früh schlafen zu gehen, wurde zerstört, als kurz nach meinem Online Check-in der Flug gecancellt wurde. Air Berlin setzte mich darüber in einer sehr nüchtern gehaltenen E-Mail in Kennnis mit dem Verweis, ich könne bei Fragen unter folgender kostenpflichtiger Hotline anrufen. (Kostenpunkt lediglich 0,20 € pro Anruf – um hier fair zu bleiben.) Dies irritierte mich schon maßgeblich. Keine alternativen Vorschläge oder Hilfestellung, was ich tun könnte. Schließlich kann ich ja nicht einfach wie bei der Bahn den nächstfolgenden Zug nehmen. Und eben genau für eine anständige Zugverbindung war es in dem Moment eigentlich fast zu spät. Da ich überhaupt nicht darauf vorbereitet war in zeitliche Schwierigkeiten zu kommen, hatte ich mich weder um ausreichende Nahrungsaufnahme gekümmert, noch meine Sachen vollständig gepackt.
Ich rief also bei dieser Hotline an. Hierbei handelte es sich um die allgemeine Air Berlin Service Hotline, in der ich zunächst einer Automatenstimme via Zahlendruck zu verstehen geben sollte, was ich möchte. Die Option „mein Flug wurde gecancelt, was sind meine Alternativen“ bot sich mir leider nicht. In einem Akt der Verzweiflung hackte ich einfach mehrfach auf die Raute-Taste, bis das System schließlich aufgab und sich erbarmte mich zu einem Menschen durchzustellen. Naja, fast – erst durfte ich zehn Minuten flippiger Wartemusik lauschen. Wenn die wenigstens mal was anständiges spielen würden! Kurz bevor ich entnervt auflegen wollte, meldete sich ein Mitarbeiter.
Er checkte mich wieder aus und buchte meinen Flug um auf den letzten Flug des Tages um halb zehn. Angeblich war in allen anderen nichts mehr frei. Ich hatte auch keine Lust zu diskutieren. Mein entspannter Abend in Berlin an dem ich früh schlafen gehen könnte, war damit dahin, aber ich dachte mir, den Flug, auf den sie jetzt die andere Maschine umgebucht haben, werden sie ja wohl kaum auch noch canceln.
Da hatte ich die Rechnung aber ohne Air Berlin gemacht.
Als ich gerade dabei war, mich mit meinem Rucksack in Richtung Flughafen aufzumachen, sah ich beim erneuten Prüfen meiner Bordkarte, dass auch dieser Flug gecancelt wurde. Dieses Mal wurde mir noch nicht einmal mehr eine E-Mail geschickt. Auf die Hotline habe ich dieses Mal verzichtet und bin stattdessen zum Bahnhof geeilt. 40 Minuten Zeit hatte ich, um eine Verbindung zu einem Nachtzug der ÖBB ab Mannheim zu bekommen. Problemlos buchen über die App der Deutschen Bahn natürlich nicht möglich, auf Grund des ÖBB Anteils. Wäre ja auch langweilig sonst. Ich dachte mir: „Ich mach’s, wenn ich einen Liegewagen bekomme. Im Sitzen fahre ich nicht zu dieser Veranstaltung – da haben wir alle nix von, wenn ich die Nacht durchgemacht habe.“ Also musste ich zuerst sicher stellen, dass ich ein Ticket mit Schlafmöglichkeit von Mannheim nach Berlin bekam. Ich hatte jedoch keine Zeit mehr, das in Ruhe zu Hause zu recherchieren, also im Laufen zur S-Bahn noch schnell einen Einzelfahrschein zum Bahnhof gelöst. Dann google angeschmissen, wie ich online an Schlafwagentickets komme. In der S-Bahn gelernt, dass ich wohl am besten zwei getrennte Tickets kaufen muss, damit das klappt. Dann mit ausreichend Puffer am Hauptbahnhof angekommen, um doch noch einen DB Automaten zu bemühen, ob der mir wohl ein Ticket für die gesamte Fahrt plus Schlafwagen geben würde. DB Automat hatte keine Schlaf- oder Liegewagentickets mehr. Ich war verwirrt – die ÖBB App wollte mir gerade noch eins verkaufen. Also auf zum Abfahrtsgleis des ICEs nach Mannheim, parallel versucht, das Ticket in der ÖBB App zu lösen. Kreditkartendaten auf dem Handy eintippen macht keinen Spaß! Dann plötzlich doch kein Schlafwagen mehr verfügbar. Also setzte ich mich fluchend am Gleis auf eine Bank und versuchte die Alternative: Liegewagen – drunter würde ich es nicht machen. Der Kauf ging dann auch durch, zwei Minuten vor Zugabfahrt nach Mannheim. Ich sprang auf und suchte mir ein Plätzchen im ICE, nach wie vor auf meinem Handy herumtippend, um final an mein Nachtzugticket zu kommen.
Ich ließ mich im ICE in einen freien Sitz fallen und bemühte den DB Navigator (wer auch immer sich diesen martialischen Namen ausgedacht hat!), um nun auch an mein Bahnticket nach Mannheim zu kommen. Im allerletzten Schritt teilte man mir freundlicherweise mit, dass dies so knapp vor Abfahrt des Zuges nicht mehr möglich war. Na gut, dann halt nicht.
Pünktlich verließ der Zug den Münchner Hauptbahnhof. Ich immer noch sehr aufgekratzt.
Unser nächster Halt in München-Pasing dehnte sich aus. Unbekannter Notruf hieß es zuerst. Man wisse nicht, wie lange wir hier stehen. Das darf nicht wahr sein, dachte ich mir und überlegte direkt wieder auszusteigen. Ich hatte alles versucht. Natürlich blieb ich trotzdem sitzen. Nach 20 Minuten ging es weiter. Das machte mich etwas nervös angesichts meiner Umsteigezeit von knapp 15 Minuten in Mannheim. Der Notruf ließ sich übrigens auf Personen auf den Gleisen zurückführen.
Wenige Minuten würde mein Anschlusszug wohl warten, nur weitere Verzögerungen sollten nicht mehr auftauchen. Es sah eigentlich auch ganz gut aus. Wir machten Zeit gut, die nervige Seniorentruppe um mich herum konnte ich erfolgreich mit Musik verdrängen. Kurz hinter Ulm blieben wir erneut stehen. Es folgte eine Durchsage, auf Grund polizeilicher Ermittlungen würde sich unsere Weiterfahrt verzögern. Wir könnten wahrscheinlich das kommene Stück nur mit maximal 15 km/h passieren. Die Opas wurden ganz heiß darauf, Leichenteile zu sehen. Klar, haben sie bestimmt seit dem Krieg nicht mehr zu Gesicht gekriegt. Ab einem gewissen Alter muss man aber auch dankbar sein, selber überhaupt noch zu atmen.
Ich fing solange an überdreht vor mich hinzukichern. Das konnte doch nun wirklich nicht wahr sein. Inzwischen war es kurz vor elf abends.
End of story? Ich sitze gerade immer noch im ICE, wir haben 30 Minuten Verspätung, aber mein Nachtzug soll wohl warten. Ich werde versuchen ein wenig zu schlafen in dem Zug – Gott sei Dank fahre ich nirgends ohne Ohropax hin – und morgen wohl einigermaßen zerstört auf dieser Veranstalung auftauchen. Mein Hotelzimmer kann ich ja noch zum Duschen nutzen. Man gönnt sich ja sonst nichts!
Epilog:
Abenteuer Nachtzug. Es fing damit an, dass ich in das Abteil mit meiner reservierten Liege nicht hineinkam, weil es von innen mit einer Kette verschlossen war. Die Atmosphäre war gespenstisch, ich fühlte mich wie ein Eindringling und kam mir in jeder meiner Bewegungen unfassbar laut vor. Mein Versuch mich im nicht verschlossenen Nachbarabteil niederzulassen, wurde von der Schaffnerin rigoros unterbunden. Der Zug sei voll, alle Liegen besetzt, ich müsse die mir zugewiesene Liege nehmen. „Die machen jetzt schon auf!“, war die trockene Entgegnung auf meinen kleinlauten Einwand aber doch nicht in mein Abteil hineinzukommen. Den Worten folgten Taten: Sie hämmerte heftig gegen die Abteiltür und wies die verschlafenen Insassen zurecht, dass ihnen das Abteil nicht gehören würde und was der Scheiß denn solle. Meine Liege ganz unten war belegt, was die Schaffnerin ebenfalls missbilligend zur Kenntnis nahm und sich gerade anschickte, die zwei dort schlafenden Kinder unsanft zu wecken. Mir war die ganze Situation äußerst unangenehm und ich lenkte schnell ein, auch ganz oben zu schlafen, das mache mir nichts aus. Insgesamt war die Familie wenig erbaut über meine Ankunft. Ich zog meine Schuhe aus und krabbelte in die dritte Etage unter die Decke. Hier fand ich ein Laken, ein kleines Kissen und eine Fleecedecke vor. Erstes akutes Problem: Kaum Ablageflächen – wohin also mit meiner Brille und den Smartphones (mein privates und das Firmenhandy)? Die Liegefläche war nicht komplett mit der Wand verbunden, so dass hier schmale Gegenstände leicht zwischen Liege und Wand herunterrutschen können. Und überhaupt die Liegefläche – ein Phänomen für sich. Ich bin 1,70m groß, stieß auf dem Rücken liegend jedoch mit Kopf und Füßen an den Enden des Abteils an. Zudem war die Fläche vielleicht 60cm breit und zum Gang hin nicht abgegrenzt. Ich hatte die ganze Zeit Angst im Schlaf beim Umdrehen oder in der nächsten Kurve zwei Meter nach unten zu fallen. Dafür hatte ich aber auf der Wandseite ein sowohl überflüssiges, als auch unangenehm drückendes Gitter an der Wand, das ich zunächst in der Dunkelheit nicht zuordnen konnte. Und so verbrachte ich meine Nacht irgendwo zwischen Dösen und aufschrecken in der Kurve oder vom stetig zunehmenden Schmerz in meinem Rücken. Zu allem Überfluss klapperte irgendein Blech unablässig durch die Vibration des Zuges.

Um halb sechs brachte mir ein Schaffner Kaffee (das muss Liebe sein!) und zwei trockene Weißbrötchen mit Marmelade und Butter, die ich geflissentlich ignorierte. Ich war ohnehin noch nicht bereit feste Nahrung aufzunehmen. Meinen angenehm starken Kaffee schlürfend hatte ich Gelegenheit mich in dem von der Morgensonne erhellten Abteil etwas gründlicher umzusehen. Es handelte sich offenbar um ein umgebautes ehemals mit sechs Sitzplätzen ausgestattetes Abteil. Ich lag quasi in der Gepäckablage und dieses Gitter an der Wand, das mich des Nachts noch so irritiert hatte, war genau das: die hochgeklappte Gepäckablage. Die mittleren Liegen hatten noch die ledernen Kopfstützen in der Wand montiert.
Irgendwie schaffte ich es, mich ohne herunterzufallen in meine Hosen zu bugsieren, meine Sachen einzusammeln und die Familie wieder sich selbst zu überlassen. Ein Blick in den Spiegel bestätigte mich darin, dass ich quasi nicht geschlafen hatte – meine Haare standen NICHT in alle Richtungen ab. Das ist eigentlich so gut wie ausgeschlossen, wenn ich irgendwann einmal eine Tiefschlafphase erreicht habe. Heutige Lektion also: Todesangst ist gut für meine Frisur.
Dennoch war ich überraschend wach, fühlte mich zwar etwas eklig nach der Nacht in meinen verschwitzen Klamotten, aber das ließ sich ja mit meinem kurzen Abstecher ins Hotel beheben. Der gute Mann an der Rezeption hat mich übrigens angesehen, als würde er mich für vollkommen verrückt halten, als ich da für eine halbe Stunde eincheckte.
Und so traf ich nur eine halbe Stunde später als ursprünglich mit der Veranstalterin verabredet, an der Location im Berliner Westhafen ein.
Nachdem sich die Witterungsbedingungen in Berlin den Tag über immer weiter verschlechtert hatten, würde ich fast vermuten, dass mein Rückflug ebenfalls gecancelt wird. Ich habe es nicht darauf ankommen lassen und dirket den Zug genommen. Noch einmal laufe ich nicht in dieses Chaos. In einer halben Liegepositon im ICE lassen sich meine Rückenschmerzen auch auf ein halbwegs erträgliches Maß regulieren.
Wenn es gut läuft, bin ich um 21:15 in meinem eigenen Bett. Kann es kaum erwarten!
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