Einen Blog muss man pflegen, sonst verliert er seinen Sinn. Gedanken hätte ich genügend, die ich für teilenswert befinde. Ich zerbreche mir den Kopf über gesellschaftliche Fragen, alternative Lebensmodelle, Politik, Kultur, Mainstream, Moral und Ethik. Mir bleibt gar nichts anderes übrig, als zu reflektieren – inmitten einer Welt, in die ich scheinbar so gar nicht zu passen vermag.

An Material mangelt es mir also nicht, trotz ausbleibender Mammutreisen, wie der nach China von 2015, die maßgeblich zur Gründung von „Crap and Happiness“ beitrug.

Warum teile ich es dann aber nicht? Ganz einfach: Aus Angst. Der hauptsächlich treibende Gedanke ist, dass ich mir meine Karriere mit meinen Ansichten verbauen könnte. Nicht, weil ich im Alltag mit meiner Meinung hinterm Berg halte, eher weil ich denke, zukünftige Arbeitgeber könnten mir gar nicht erst eine Chance geben, weil ihnen dieser Blog eine unumstößliche Beweiskette bietet, dass ich viel zu linksradikal, stur individualistisch, feministisch, inkompatibel, anstrengend, unbequem, queer und was sonst noch alles bin. Mir diese Gedanken einzugestehen, war gar nicht so einfach, weil ich mich obendrein noch für viel zu unabhängig halte, um Wert auf eine Karriere zu legen. Zu meiner Verteidigung kann ich anführen, dass es mir weniger um den Status eine Karriere zu haben, geht, als mehr darum, mich nicht zu langweilen. Um in diesem System für (zum Leben ausreichendes) Geld komplexe Aufgaben lösen zu dürfen, ist eine gewisse Karrierestufe fast unumgänglich. Und mir fehlt der Summa cum laude Uniabschluss (mein Magister, Note 2,5 muss reichen), um auf dem rein akademischen Weg an die interessanten Positionen zu kommen. Ich vertröste mich selbst damit, dass ich einfach noch ein bisschen durchhalten muss, bis ich rein durch die Arbeitserfahrung ausreichend Glaubwürdigkeitspunkte erworben habe, dass ich trotz meiner Andersartigkeit einen ganz guten Job mache. Ich schreibe „trotz“ – so sehr habe ich die Außenansicht bereits internalisiert – eigentlich meine ich „wegen“.

An allen Ecken des Internets lese ich in hipsteresken Blogs, wie wichtig heutzutage doch die Individualisten sind. Dass die Arbeitswelt realisiert habe, man brauche sie, diese Querdenker. Mehr Freiheiten will man meiner Generation geben. Work Life Balance. Introvertierte sollen angeblich anerkannt und respektiert werden. Nur kann man sie nicht gleichschalten, indoktrinieren und auf Linie bringen diese elenden Selbstdenker. Und deswegen halte ich es für eine Illusion, dass sie tatsächlich gefragt sind in größeren, kapitalistischen Firmen. Vielleicht definiere ich auch Querdenker falsch, halte ich mich doch selbst für einen. Vielleicht sind nur kapitalitisch konforme Querdenker gemeint. „Thinking out of the box“, um den Umsatz noch weiter zu steigern, da Wachstum der einzig wahre Gott sein kann, dem wir alle unhinterfragt huldigen. Ja, vielleicht fasse ich hier Definitionen und Begriffe zu weit.

Nun muss ich mir die Frage gefallen lassen, was ich denn nun wirklich will und letztendlich komme ich immer wieder an den Punkt zurück, dass ich so akzeptiert werden möchte, wie ich bin und auch genau so meinen Lebensunterhalt verdienen möchte. Das mag etwas idealistisch sein, doch auch diese Eigenschaft fügt sich in meinem Portfolio unter der Rubrik „schwierig“ ganz wunderbar ein.

Man verstehe mich bitte nicht falsch: Ich jammere hier auf recht hohem Niveau. Ich bin zu dem Zeitpunkt, zu dem ich dies hier schreibe Vollzeit beschäftigt in einem Beruf, der zumindest zum aktuellen Zeitpunkt noch meinen Ansprüchen an komplexe Aufgaben gerecht wird, meine kantige Persönlichkeit wird weitestgehend akzeptiert, Kollegen und Vorgesetzte schätzen und respektieren mich und meine Arbeit.

Was will ich nun also? Nun, alles. Echte soziale und ökologische Verantwortung, Missstände aktiv beseitigen, in die entlegensten Winkel der Welt reisen, etwas wirklich relevantes bewirken und dabei bitte trotzdem nicht verhungern. Wie weiß ich noch nicht so genau, doch hilft es sicherlich, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und wenn es Jahrzehnte dauert. Dies ist ein Langzeitprojekt:

Schritt 1: Mehr schreiben.
Schritt 2: Meine Selbstzweifel überwinden und das Geschriebene auch veröffentlichen, selbst wenn es nicht perfekt ist.
Schritt 3: Die Schreiberei nicht wieder einschlafen lassen. Mir aktiv Zeit hierfür einplanen.
Schritt 4: Denkmuster völlig hinterfragen. Outside the Box ist zu wenig, schmeiß die Box weg.
Schritt 5: Die träge Masse dazu bringen, die Richtung zu wechseln. (Might be a little too ambitious, that one…)

To be continued…

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Eine Antwort zu „Karrieregeil“

  1. Avatar von Katharina
    Katharina

    Hi Silke,
    war sehr interessant zu lesen. Werde es mit Interesse weiter verfolgen.
    ciao bella

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