(While writing listening to: Katatonia – Tonight’s Decision (Album) & Swallow The Sun – Ghosts of Loss (Album))
Für 320 RMB pro Person hatten wir im Hostel für Freitag unseren Trip zur großen Mauer gebucht. Bewusst hatten wir uns für den etwas weiter entfernten Abschnitt Jinshanling entschieden, weil hier angeblich die Massen ausbleiben. Unsere Informationslage war folgende: 6:00 Uhr morgens vorm Hostel auf Abholung warten, Frühstück gibt es im Bus und ist im Preis inbegriffen, Mittagessen vor Ort an der Mauer ebenfalls, Rückkehr zum Hostel ca. 17:00 Uhr. Das „Frühstück“ betreffend ahnten wir schon böses, hatten es aber auf Grund meiner intellektuellen Bedürfnisse versäumt am Abend vorher noch Notfallproviant zu besorgen. Ach ja, und Kaffee gab es natürlich auch nicht, als um fünf der Wecker klingelte. Ich dachte, mich tritt ein Pferd. Alex war so freundlich das Denken und Rucksack packen zu übernehmen – meine Gehirnkapazität war um diese Uhrzeit mit der Reinigung und Bekleidung meines eigenen Körpers voll und ganz ausgelastet.
Wir wurden von einem Bus abgeholt, natürlich ohne Sicherheitsgurte. Aber der Stadtverkehr freitags um sechs hielt sich Gott sei Dank noch in Grenzen. Alex soll unser Gefährt später dennoch liebevoll „Rattenkiste“ oder „fahrenden Sarg“ nennen. Wir gabelten an anderen Hostels noch zwei Niederländer (Vater und Sohn), ein deutsches Pärchen aus Frankfurt und einen Chilenen auf. Immer noch gab es kein Frühstück und unser Fahrer sprach kein Wort Englisch. Ich überlegte kurz, ob ich es mit Chinesisch versuchen sollte, wollte aber auf keinen Fall riskieren, zugetextet zu werden und überhaupt war es mir im Moment auch egal – ich wollte schlafen oder zumindest einen Kaffee (ja, die Sucht ist stark). Also habe ich die Klappe gehalten und, so gut es bei chinesischer Fahrweise eben geht, vor mich hingedöst – es ist im Grunde ohnehin klüger und magenfreundlicher als Beifahrer im Straßenverkehr die Augen geschlossen zu halten.
Irgendwann hielten wir an einer Tankstelle mitten in der Pampa. Unser Fahrer verschwand auf Toilette, Alex stellte Vermutungen darüber an, wem von uns zuerst die Organe entnommen werden würden und ich versuchte uns Wasser sowie etwas zu essen aufzutreiben. Meine Wahl fiel auf eine Tüte Chips, dessen Bild mich noch am ehesten auf eine neutrale Geschmacksrichtung schließen ließ (nur Salz war meine Präferenz). Zurück am Minibus fand ich unsere Gruppe vergrößert vor und unser Englisch sprechender Guide war auch da und verteilte Wasser und Brot mit eingebackenen Trockenfrüchten zum Frühstück. Hmmm, Rosinen und Co! Ich bedankte mich höflich und legte mein Päckchen unauffällig wieder zurück.
Unsere Reiseführerin ratterte in einem Affenzahn die bekannten Eckdaten zur Mauer herunter und scheuchte uns alle wieder in die Busse. Wir fuhren weiter – jetzt Kolonne auf der Landstraße, schwindelerregende Überholmanöver eingeschlossen. Wir frühstückten solange unsere Chips mit „primary taste flavour“ wie ich mit Plecos (Smartphone App: sehr gutes englisch-chinesisches Wörterbuch, funktioniert vor allem auch offline, lebensrettend) Hilfe inzwischen übersetzen konnte. Nur soviel: Ich weiß ja nicht, was die in dem Labor für Geschmacksrichtungen da so den ganzen Tag einatmen, aber besonders ursprünglich haben die Dinger nicht geschmeckt und schon gleich gar nicht nach Kartoffel. Aber gut, was anderes gab es nicht (Trockenfrüchtebrot ist keine Option!), also weg damit. „Primary taste“ stellte sich auch noch als sehr nachhaltig heraus. Da hilft selbst Nachspülen mit Wasser nichts. Sehr yummie…
Als wir an der Mauer ankamen, war meine Laune einigermaßen auf dem Tiefpunkt, aber selber Schuld – das hätte ich vorher wissen können. Jetzt liefen wir auch noch alle unserer Führerin mit so einer albernen Fahne hinterher und wurden geschlossen erstmal aufs Klo geschickt, bevor der Aufstieg beginnen sollte. Gott, wie ich Gruppen doch verabscheue.
Von der Toilette aus wurden wir dann durch den Einlass getrieben und hier schlossen sich uns dann auch zwei ältere, braun gebrannte Frauen an, die sich nicht mehr abschütteln ließen. Eine von ihnen hatte sich an Alex und mir, die wir etwas abseits gingen, festgebissen und radebrechte freundlich lächelnd in einem Fort, dass sie Farmerin sei und ganz tolle Souvenirs habe und wir sollten doch mal „look, look“ und sie würde mit dem Geld ihre Familie durchbringen und blaaaaa… Ignorieren half überhaupt nicht. Ich wollte sie töten. Letztendlich haben wir zur Gruppe aufgeholt und sind sie damit losgeworden dass sie sich neue Opfer gesucht hat.
Als wir dann gegen 9:30 Uhr oben auf der Mauer waren, versöhnte mich der Ausblick ohnehin wieder mit allem. Es war ein klarer Tag mit schon fast kitschig anmutendem blauen Himmel und um uns schlängelte sich wie ein endloses Band die große Mauer über die Bergkämme. Drei Kilometer sollten wir hier oben zurücklegen bis zum nächsten Treffpunkt, wofür wir drei Stunden Zeit hatten. Die Hälfte der Strecke gehöre dabei zum unrestaurierten Teil der Mauer. Ja, cool, alles easy, dachten wir uns und machten uns gemütlich auf den Weg. Ganz so easy wurde es dann aber nicht. Cool blieb es.
Anfangs stöhnten wir noch über die vielen unregelmäßigen Treppenstufen, doch als wir nach ca. einer Stunde den „unrestaurierten“ Teil der Mauer vor uns sahen, wurde klar, dass wir bisher auf sehr hohem Niveau gejammert hatten und auch sämtliche steilen Stufen, die wir auf dem bisherigen Weg als „lebensgefährlich“ bezeichnet hatten, nur Kinderkacke gewesen waren: vor uns lagen in etwa drei Meter breite Abschnitte mit unterschiedlicher Steigung auch einmal gänzlich ohne Begrenzung rechts und links, von zahllosen Füßen spiegelglatt geschliffene steile Wegstücke, auf denen wir uns Stufen sehnlichst herbeiwünschten, dann wieder leiterähnliche Stufen mit losen Steinen hie und da.
Der niederländische ältere Herr kehrte hier um – seine Höhenangst ließ ihn selbst auf allen vieren nicht weiter gehen. Ich musste kurz an Kathrin, meine Stiefmutter denken – gut, dass ich mit ihr nicht hier war! Selbst mir waren hier einige Stücke nicht ganz geheuer und hinzu addierte sich mein knurrender Magen. Und unser Wasser wurde allmählich knapp. Zwar konnte man an fast jedem Wachturm, wo wir verschnaufen konnten bei braungebrannten alten Chinesen überteuertes Wasser und Nippes kaufen, aber wir rationierten erfolgreich. Der letzte Kilometer wurde dann auch wirklich hart, weil wir unsportlich wie wir sind einfach müde wurden (und vor uns kletterte der Chilene leichtfüßig wie eine Bergziege die Mauerkämme auf und ab – Gott war ich neidisch!). Aber ganz ehrlich – ich würde es sofort wieder machen. Besser vorbereitet dieses Mal, aber es war tatsächlich relativ menschenleer, die Luft hätte klarer nicht sein können, ein leichter Wind sorgte für Kühlung und der Blick war die ganze Zeit über atemberaubend. Dieses Bauwerk büßt auch nach zwei Stunden erschöpfendem Klettern nichts von seiner Faszination ein.
Der Abstieg zum Osttor verlief über einen schmalen, sich durch den Wald windenden gepflasterten Weg und weckte gewisse Assoziationen zu Italien in mir. Unten gönnten wir uns auch endlich ein frisches Wasser bevor wir in die zwei wartenden Minibusse einstiegen (wir waren insgesamt 22 Leute). Unsere Gruppe musste den abtrünnigen Niederländer noch einsammeln. Das verlief aber problemlos – eine von den nervtötenden Farmersfrauen hatte ihn sicher wieder runter gebracht, wofür ihr sein Sohn zum Dank auch eines ihrer albernen Tshirts abkaufte („I climbed the Great Wall“).
Schließlich schlossen wir zum Rest der Gruppe auf, die in einem kleinen Restaurant bereits unsere drei Tische auf der Terrasse in Beschlag genommen hatten. Ich befürchtete schon ähnlichen Mampf wie Kathrin und ich ihn an der Mauer bekommen hatten, aber, hey, low budget ist bei chinesischem Essen bekanntermaßen meist die bessere Lösung und es gab lecker bodenständiges Essen mit viel Gemüse und Reis.
Die Fahrt zurück nach Beijing habe ich großteilig verschlafen. Ich war auch echt kaputt vom Koffeinentzug und der ungewohnten sportlichen Ertüchtigung.
Wir wurden an einer U-Bahnstation rausgeschmissen, weil im Berufsverkehr mit den Bussen kaum noch ein Fortkommen war. Total in Ordnung. Alex und ich gönnten uns noch einen Kaffee im Qianmen Viertel, dann nahmen wir noch ein paar vegetarische Jiaozi im Hostel mit – freitags gibt es die für alle anwesenden Gäste kostenlos. Beim Essen unterhielten wir uns angeregt mit einem schweizer Paar, das soeben mit der Transsib in Beijing angekommen war. Die hatten auch einen echt interessanten Trip hinter sich und haben mich doch ein wenig neugierig gemacht… 🙂
Nun ja und dann mussten wir auch schon unsere Sachen packen für die anstehende Weiterreise. Alex sagt, er habe einen sehr guten Eindruck bekommen, er möge die Stadt. Insofern: Bis zum nächsten Mal, Beijing…

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